Der stille Helfer beim EHC Thun

Thun

Die Thuner Eishockeycracks bestreiten am Sonntag das erste Spiel des Playoff-Finals gegen Wiki Münsingen (19 Uhr, Kunsteisbahn Grabengut). Mit dabei ist auch Betreuer Andy Steiner.

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«Ich bin Nichtraucher», erzählt Andy Steiner und steckt sich seine obligate Pausenzigarette an. «Hier mache ich eine Ausnahme.» Seit zwei Jahren betreut der Logistiker die erste Mannschaft des EHC Thun. Beim Playoff-Halbfinal gegen Lyss nimmt uns der gelernte Kaminfeger mit und gewährt einen Einblick in sein beinahe tägliches Schaffen.

«Zu Spitzenzeiten treffen wir uns sechs- bis siebenmal in der Woche hier», sagt Steiner, «da wächst man schon fast zur Familie zusammen.» Bei jedem dieser Trainings und Spiele ist der Teambetreuer anwesend und sorgt dafür, dass im Hintergrund alles funktioniert und bereitsteht. Meist ist er schon vor der Mannschaft vor Ort und trifft erste Vorbereitungen. So auch an diesem Playoff-Spieltag.

Das «Kabinen-Wohnzimmer»

Es ist 18.30 Uhr, Spielanpfiff ist um 20 Uhr. Andy Steiner hat die Getränkeflaschen bereits gefüllt und steckt mitten in den Vorbereitungen für das wegweisende Spiel. Die Führung durch die Räumlichkeiten beginnt er im Umkleideraum der ersten Mannschaft.

«Für uns ist die Kabine heilig. Wir treffen uns so oft hier, dass man diese Katakomben als eine Art Wohnzimmer unserer grossen Hockeyfamilie bezeichnen könnte», meint Steiner und möchte damit sagen, dass wir am besten wieder gehen sollten. Denn: «Wer lässt schon gerne Fremde in sein Wohnzimmer.»

(Ver-)Pfleger

Es ist nun kurz vor 19 Uhr, eine Stunde vor Spielbeginn. Andy Steiner ist in seinem Element und verteilt vor und in der Kabine der ersten Mannschaft Pflaster, Tape und Schmerzpillen aus dem Medizinkoffer. Nebenbei schneidet er unermüdlich vor einer Bank kniend Orangen, schält Kiwis und macht Süssigkeiten bereit. «Das passt alles in den Ernährungsplan der Spieler», erklärt der Münsinger. Angesprochen auf die Gummibärchen heisst es mit einem Augenzwinkern: «Die sind für die Moral.»

Langsam füllen sich die Katakomben mit Spielern, Staffmitgliedern und Material. Mitten im Gewühl steht Steiner und verteilt munter seine Häppchen und Pflaster: «Es ist alles etwas eng hier, aber wir kommen klar. Wir sind ein eingespieltes Team.»

Kurze Momente der Ruhe

Als die Mannschaft um 19.15 Uhr die Katakomben verlässt, um sich auf dem Eis aufzuwärmen, gibt es für Steiner einen kurzen Moment der Ruhe. Beim gemütlichen Kaffee im Beizli erzählt der bald 49-Jährige von seinem Werdegang. «Eigentlich bin ich Fussballer. Ich habe nie Eishockey gespielt», gesteht Steiner und erklärt, wie er zum Eishockey kam: «Vom EHC Wiki Münsingen wurde ich gefragt, ob ich nicht bei den Vereinsjunioren mithelfen möchte.» Er sagte zu, und so kam das eine zum anderen.

Mittlerweile verfügt Steiner über ein Trainerdiplom, welches ihm die Kompetenz über alle Juniorenstufen gibt und in der 1.Liga sogar zum Assistenztrainer reichen würde. Diesbezüglich hegt er jedoch keinerlei Ambitionen: «Ich käme mir wie ein Heuchler vor, wenn ich den Jungs auf dem Eis etwas erklären würde, selbst aber nie gespielt habe.»

Seelsorger und Teamplayer

Wenn man Andy Steiner darauf anspricht, warum er diesen mehrstündigen Aufwand mehrmals pro Woche auf sich nimmt, so ist für ihn die Antwort klar: Teamdynamik. «Wenn man diese jungen Menschen sieht, wie sie sich engagieren und ein Ziel haben, dann ist es eine Freude, sie dabei bestmöglich zu unterstützen», erzählt der Betreuer. Auch ergäben sich von Zeit zu Zeit tiefer gehende Gespräche mit den Spielern. Dann versucht Steiner jeweils, etwas von seiner Lebenserfahrung weiterzugeben. «Ich habe mir mittlerweile eine grosse Akzeptanz im Team erarbeitet», sagt Steiner. «Ich glaube, darauf kann ich schon ein wenig stolz sein.»

Dann ist der kurze Moment der Ruhe aber auch schon vorbei, es geht zurück in die Kabine. Die Bidons werden mit Wasser und isotonischen Getränken gefüllt und fein säuberlich auf der Ersatzbank aufgereiht. Weiter deponiert er Taschentücher und holt drei Säcke Schnee, um immer etwas zum Kühlen zur Hand zu haben. Als auch der Stockhalter an seinem Platz steht, ist Steiner bereit für den Spielbeginn.

Emotionsgeladenes Spiel

Kaum hat er seinen Platz an der Bande eingenommen, da ist Not am Mann. Steiner springt auf und rennt in Richtung Kabine. Er kehrt zurück mit Schlittschuhschleifer Lothar Joch und einem Schraubenschlüssel. Bei einem Spieler hat sich das Eisen vom Schlittschuh gelöst, und dies wird nun ambulant repariert.

In den Pausen füllt er die Flaschen, kehrt die benutzten Taschentücher zusammen und nimmt sich einen kurzen Moment, um zu verschnaufen. Zum Spiel zeigt er sich optimistisch: «Die Lysser bekommen schwere Beine, wirst sehen!» Im Minutentakt verbreitet er aufmunternde Parolen wie «Allez Boys!», «Witer so Giele!» und «Drann blybe, die möge nümm!».

Er sollte recht behalten. Nach Ertönen des Schlussgongs steht es auf der Anzeigetafel 4:3 Tore zugunsten der Thuner. Die Freude ist überschwänglich, und Steiner feiert den Sieg mit Staff und Team ausführlich. Nach einer gemeinsamen Pastarunde im «Kabinen-Wohnzimmer» im Bauch der Sitzplatztribüne hängt Steiner noch die Trikots zum Trocknen auf und leert die halbvollen Bidons. Denn am Wochenende muss alles bereit sein. Und für Andy Steiner beginnt alles von vorne.

Thuner Tagblatt

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