Interkulturelle Bibliothek feiert fulminantes Finale

Thun

Zum Internationalen Tag der Frau veranstaltete die Interkulturelle Bibliothek Thun als letzten Teil des Projekts «Fremd sein in der Schweiz» die Matinee «Und wo sind die Frauen?».

Interkulturelle Bibliothek – die Projektgruppe «Fremd sein in der Schweiz» (v.l.): Gisella Bächli-Vorraro, Cornelia Abplanalp, Barbara Weingärtner und Doris Zimmerli.

Interkulturelle Bibliothek – die Projektgruppe «Fremd sein in der Schweiz» (v.l.): Gisella Bächli-Vorraro, Cornelia Abplanalp, Barbara Weingärtner und Doris Zimmerli.

(Bild: Patric Spahni)

Eine melancholische Singstimme begrüsste an diesem sonnigen Sonntag mit neapolitanischen Weisen die zahllosen Besucherinnen und Besucher im Bistro des Gymers. Wie schon bei der letzten Veranstaltung mussten die Sitzplätze emsig aufgestockt werden. Claudia Mariani begrüsste Gäste aus Italien, Spanien, Kolumbien, Mazedonien, China, dem Iran, dem Irak, Mexiko, dem Jemen und Sri Lanka, wie die Anwesenden bereitwillig angaben. Sie selbst, so Mariani, sei aus den USA und Tochter kroatischer Eltern, die in die Staaten ausgewandert seien.

Die Nonna erzählt und berührt

Von der Leinwand erzählte eine italienische Nonna berührend über ihre Auswanderung von Sizilien in die Schweiz (Italienisch mit deutschen Untertiteln). Sechs Jahre wollte sie im neuen Land bleiben. Dreissig Jahre danach ist die ältere Dame zurückgekehrt in ihr Dorf, wo sie sich ihren Traum vom eigenen Haus erfüllt hat. Der kleine, feine Film war der Höhepunkt der Matinee. Viktoria Burgunder lässt in dieser feinfühligen Maturabschlussarbeit ihre Grossmutter erzählen, sympathisch und temperamentvoll. Die Reise führte sie als 27-Jährige mit ihrem Mann von Süditalien nach Lützelflüh-Goldbach. Die Fahrt sei bis Mailand gut gewesen, doch hinter der Schweizer Grenze hätten ihr die vielen Berge Angst gemacht, erfährt das Publikum. Schnell fand die junge Frau Arbeit in einer Hutfabrik für 140 Franken pro Woche. Ihre Kolleginnen beäugten skeptisch, wie sie ihr Brot in der Pause mit Banane belegte. «Das hatten sie noch nie gesehen!», erzählt Viktorias Nonna lächelnd. Anfangs gab es auch herzige Missverständnisse: wie etwa, als sie im Garten Bohnen erntet und die Vermieterin von «Bohnä» spricht und sie «buone» (gut) versteht.

Kampfzone Waschküche

Auch von einer fremdenfeindlichen Nachbarin weiss sie zu erzählen, die sie beim Vermieter anschwärzt, weil sie ausserplanmässig wäscht. «Ich hab sie deswegen nie zur Rede gestellt. Wir sind zwar die Tschinggen, aber ihr seid Kartoffelfresser!» habe sie gedacht und lacht bei der Erinnerung verschmitzt. Gemäss dem Motto der Veranstaltung «Und wo sind die Frauen? – E dove sono le donne?» (passend terminiert zum Internationalen Tag der Frau) wird in der Aufzeichnung der jungen Filmerin deutlich, wie unterschiedlich Biografien ihren Lauf nehmen. Während die Grossmutter ihren Traum vom sizilianischen Haus nie aufgegeben hat, lernen ihre Töchter Ragazzi svizzeri lieben, und nichts zieht sie mehr in die Heimat der Eltern. Den zweiten Teil der Matinee bereicherte Giuliana Censullo mit neapolitanischen Liedern über die Schönheit, die Leibspeise Pizza oder dem Versprechen «In meinem Herzen gibt es immer einen Platz für dich!». Spätestens beim Evergreen «Volare» sangen viele Gäste mit. Das italienisch-schweizerische Brunchbuffet, bei dem sich buchstäblich die Tischplatte bog, bildete den passenden kulinarischen Abschluss der sonnigen Reihe.

Berner Zeitung

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