Jenische: Gemeinde rechnet mit Gegenleistung

Interlaken

Ab nächstem Montag können sich Fahrende beim Goldswilviadukt in Interlaken für eine begrenzte Zeit niederlassen. In der Vergangenheit machte die Gemeinde mit Jenischen aber negative Erfahrungen.

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Marius Aschwanden

Noch deutet auf dem Areal in unmittelbarer Nähe zum Goldswilviadukt nichts darauf hin, dass hier ab nächster Woche Schweizer Fahrende eine provisorische Bleibe finden werden. In den nächsten Tagen jedoch werden diverse Vorbereitungsarbeiten die Ankunft der Jenischen ankündigen.

Der Platz wird durch die Industriellen Betriebe Interlaken mit drei mobilen Toiletten sowie Wasser-, Elektrizitäts- und Kanalisationsanschlüssen ausgestattet. Vom 1. September bis Mitte November bietet die Gemeinde auf dem Areal dann fünf Stellplätze für Wohnwagen an.

«Die Auslagen für das Provisorium und die Installationsarbeiten werden uns vom Kanton Bern vergütet», sagt Jürg Etter, Bauverwalter der Gemeinde Interlaken. Es war denn auch der Kanton, der am Dienstag mitteilte, dass neben Interlaken auch in den Gemeinden Sumiswald (5 Plätze), Rohrbach (20 Plätze) und allenfalls bald Muri-Gümligen (15 Plätze) provisorische Durchgangsplätze für Jenische geschaffen werden.

Mit dieser Massnahme soll der Mangel an Lebensraum für die anerkannte Minderheit der Jenischen entschärft werden, auch wenn alle neuen Abstellplätze nur Provisorien sind. Bis dereinst definitive Stand- und Durchgansplätze zur Verfügung stehen würden, dauere es wohl noch zwei bis drei Jahre, sagte der kantonale Justizdirektor, Christoph Neuhaus (SVP), am Dienstag.

«Ein Entgegenkommen der Gemeinde»

Die Suche nach zusätzlichem Raum für Fahrende sei in enger Zusammenarbeit mit den Gemeinden erfolgt. Der Gemeinderat Interlaken habe dabei Hand geboten, weil es sich um eine Übergangslösung handle und der Regierungsrat unter Druck stehe, sagt Etter. Und: «Das Bereitstellen des Platzes ist ein Entgegenkommen der Gemeinde in der Erwartung, dass sich der Kanton auch wieder einmal flexibel gegenüber der Gemeinde Interlaken zeigen wird.» Der Grund für den Mangel an Vorfreude ist in der Vergangenheit zu finden.

Unter dem Goldswilviadukt wurde bis vor sechs Jahren bereits ein Durchgangsplatz für Fahrende angeboten. «Da sich eine solche Nutzung des Areals aufgrund der Lage in der Uferschutzzone in einer rechtlichen Grauzone befindet, haben wir dies geduldet, solange es keine Schwierigkeiten gab», sagt der Bauverwalter. Schliesslich sei es aber doch zu Problemen gekommen. «Die Benutzer verrichteten ihre Geschäfte unter der Brücke beim gemeindeeigenen Steinlager und es wurden wiederholt Abfälle liegen gelassen. Wegen Beschwerden von Einheimischen und Gästen sahen wir uns veranlasst, dem ein Ende zu bereiten.»

«Aus negativen Erfahrungen gelernt»

Aus diesen negativen Erfahrungen hat die Gemeinde jetzt aber gelernt und im Hinblick auf die erneute Nutzung des Areals durch Jenische eine Platzordnung ausgearbeitet. Darin ist etwa festgehalten, dass sich eine Familie maximal drei Wochen auf dem Platz aufhalten darf und sich sowohl bei Ankunft als auch bei Wegzug beim Polizeiinspektorat melden muss. Zudem muss pro Wohneinheit eine Kaution von 200 Franken hinterlegt werden, welche «allfällige Kosten für einen Mehraufwand durch Nichteinhaltung der Platzordnung» decken soll.

Am 15. November dann werden die letzten Fahrenden bereits wieder weiterziehen. Klar ist für Etter aber bereits jetzt: «Langfristig muss eine regionale Lösung für Jenische gefunden werden.»

Berner Oberländer

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