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Massiver Gämsrückgang bereitet Sorgen

Der Gämsbestand im Kanton schwindet: Wurden im Gebiet Elsigen-Achsetberg bis vor wenigen Jahren noch 60 Gämsen geschossen, sind es heute nur noch 5 bis 7 pro Jahr. In vielen anderen Gebieten im Oberland sieht es nicht besser aus, bestätigt Jagdinspektor Peter Juesy.

Eine Gams auf der Simmenfluh: In einigen Oberländer Gebieten ist der Bestand trotz Schongebieten massiv gesunken.
Eine Gams auf der Simmenfluh: In einigen Oberländer Gebieten ist der Bestand trotz Schongebieten massiv gesunken.
Leserbild/Rudolf Büschlen

Seit Anfang September läuft die Jagd im Kanton Bern: Für rund 20 Tage, vom 10. bis 30.September, war die Zeit für die Gämse gekommen: 1840 Tiere wurden zum Abschuss freigegeben, wie viele tatsächlich erlegt wurden, kann laut dem Berner Jagdinspektor Peter Juesy erst im kommenden März gesagt werden (siehe Kasten Wildkontrolle).

Schon jetzt dürfte aber eine Bilanz gezogen werden können: «Im Kanton Bern wurden in einzelnen Gebieten massiv weniger Gämsen geschossen als noch vor einem Jahr», wie das Schweizer Radio und Fernsehen mitteilt. «Im Gebiet Achsetberg-Elsigen konnten in den Jahren 1993 und 1994 jährlich rund 60 Gämsen geschossen werden», bestätigt Peter Juesy. Heute seien es vielleicht noch 5 bis 7. In diesem Gebiet habe der Gämsbestand eine untere kritische Dichte erreicht, was nun auch die Fortpflanzung negativ beeinflusse. «Die Alarmglocken läuten, wir müssen in einigen Regionen dringend etwas unternehmen.»

Schonung nach Intensivjagd

Dass Gämsbestand und -strecke seit Jahren sinken, ist keine Neuigkeit: Wurden die Tiere zwischen 1995 und 1998 «nach Intensivjagd mit neuem Gämswildmodell» gejagt, verordnet ihnen das kantonale Jagdinspektorat seit 2000 «Schonung», wie der Jahresbericht 2013 resümiert. Trotzdem: «Im letzten Jahr wurden 1830 Tiere zur Jagd freigegeben, nur 1618 konnten geschossen werden», sagt Juesy. Weil die damals getroffenen Massnahmen nicht zum erwünschten Erfolg führten, wurden 2009 drei Gebiete im unteren Simmental unter Wildasyl gestellt. Seit 2013 gibt es auch zwischen Achsetberg-Elsigen (Frutigen) ein Schongebiet (s. Kasten Schongebiete).

Es sei zu früh, sagen zu können, wie sich diese Schongebiete auf die Gämspopulation auswirkten, so Juesy. Fakt sei, dass der Bestand leicht zugenommen habe und «das Geschlechterverhältnis unter den Tieren besser geworden ist». Dies sei «ein kleiner Schimmer am Horizont» – man dürfe aber nicht euphorisch werden. Deshalb sollen diese Gebiete auch für «mindestens zehn Jahre» als solche weitergeführt werden. Schade sei, dass die Idee der Schongebiete für Gämsböcke nicht auch im restlichen Oberland mehrheitsfähig gewesen waren.

Ursachen: (Noch) ungewiss

Über die Gründe des massiven Rückgangs des Gämsbestands und der -strecke kann Juesy nur mutmassen: Es sei sicherlich eine Kombination diverser Faktoren. Und trotzdem: «Im Kanton greifen wir seit Jahren zu stark in die Bockklasse ein», würden die jährlichen Analysen des Jagdinspektorats zeigen. Die Sozialstruktur der Tiere bereite Sorgen, denn die Böcke würden schon zwischen dem zweiten und dem dritten Lebensjahr die Paarungsfähigkeit erreichen. «Viel zu früh. Normal wäre es mit viereinhalb Jahren.»

In den 90er-Jahren sind rund 800 Tiere der Gämsblindheit erlegen, 1999 hat der starke Winter auf den Bestand eingewirkt. Immer mehr würden aber «flächendeckende Störungen» in Form von Tourismusangeboten dafür sorgen, dass die Tiere im Winter nicht ruhen könnten. Zudem gebe es bereits Personen, die behaupteten, «dass Inzucht zu einem genetischen Defekt führt und schliesslich für das Aussterben der Art verantwortlich ist». Juesy teilt diese Meinung nicht. Vielmehr sei zu beachten, dass der Rothirschbestand rasch zunehme – deren Anzahl habe sich in den letzten Jahren verdreifacht. Seine Präsenz wirke sich auch auf den Rehbestand aus: «Im östlichen Oberland konnten wir feststellen, dass er das Reh stark verdrängt.» Und auch nicht totgeschwiegen werden dürfe die Tatsache, dass rund 55000 Schafe im Kanton im Sommer eine beachtliche Fläche an Lebensraum beanspruchten.

Den Luchs unterschätzt?

Nicht ganz unschuldig am Gämsrückgang scheint der Luchs zu sein: Von 2008 bis 2013 wurden 235 gerissene Tiere gemeldet. Auffällig ist dabei die jährlich ansteigende Anzahl an Opfern – 24 Gämsen waren es 2008, 39 im Jahr 2012 und 119 im letzten Jahr. «Wir haben den Luchs wohl unterschätzt», sagt Juesy. Er habe einen grösseren Einfluss auf die Gämse als angenommen. Die anscheinend ansteigende Anzahl von gerissenen Tieren ist aber durchaus erklärbar: «Aufgrund unseres Forschungspojektes, welches seit 2012 in den Nordwestalpen durchgeführt wird, haben wir gezielt nach gerissenen Tieren gesucht und dementsprechend auch viel mehr Risse gefunden als in den Vorjahren», sagt Kristina Vogt vom Institut Kora, welches sich für den Erhalt und das Management der Raubtiere einsetzt. Das laufende Forschungsprojekt untersucht den genetischen und veterinärmedizinischen Zustand der Luchspopulation und erforscht, welche Auswirkungen dessen Präsenz auf die Beutetiere hat.Zwischenbilanz: «Das bevorzugteste Beutetier des Luchses scheint das Reh zu sein. Die Gams ist die wichtigste Alternativbeute.» Damit der Einfluss des Luchses auf die Gämse abgeschätzt werden könnte, müssten aber auch deren Geburtsraten und Verluste durch andere Todesarten in Betracht gezogen werden.

Im Oberland habe in den letzten Jahren kein signifikanter Anstieg des Luchsbestandes verzeichnet werden können, sagt Fridolin Zimmermann, Verantwortlicher für das Luchsmonitoring in der Schweiz. «Die Anzahl an Luchsen hat sich von 2008 bis heute kaum verändert. Der Bestand in den Nordwestalpen ist stabil». Pro hundert Quadratkilometer sind daher zwei selbstständige Luchse unterwegs.

Studie soll für Klarheit sorgen

«Mit Wildasylen allein werden wir die Situation nicht wesentlich verbessern können», sagt Juesy. Das Augenmerk müsse auf dem Luchs und den Störungen durch den Tourismus liegen. Und mehr Ruhezonen sollen entstehen. Zudem müsse geprüft werden, ob die Jäger richtig in den Gämsbestand eingreifen.

Dies soll nun eine Studie tun, die Peter Juesy dem Forschungs- und Beratungsunternehmen Faunalpin GmbH (Bern) in Auftrag gegeben hat (s. Kasten Studie). «Ich erwarte die Resultate schon Mitte 2015», sagt er. Und diese dürften nicht nur im Kanton Bern interessieren: «Alle Schweizer Kantone müssen einen teilweise starken Rückgang des Gämsbestands feststellen.» Auch Österreich und Bayern seien betroffen. «Wir müssen in Zukunft reduziert jagen», ist Juesy überzeugt. Und dies schon ab nächstem Jahr.

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