Oberried: Hier starben Ziegen äusserst qualvoll

Oberried/Niederried

Ein Landwirt liess in zwei Ställen in Oberried 20 Schafe und Ziegen elendiglich zugrunde gehen und verwesen. Trotzdem darf er seine verbleibenden 60 Tiere bis auf weiteres behalten. Die Untersuchung läuft.

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Bruno Petroni

«Ich musste erst mal zurückweichen– derart penetrant war der Verwesungsgestank.» Herr X* war am letzten Sonntag auf einer Wanderung auf seiner bevorzugter Route dem Feldweg zwischen Ober- und Niederried entlang, als ihm von einem Stall her ein fürchterlicher Gestank in die Nase stach.

Als er nachsah und die Stalltür öffnete, offenbarte sich ihm der grässliche Blick auf mindestens sechs weitgehend verweste Ziegenkadaver. X meldete den Vorfall dem Interlakner Tierarzt Bernhard Staehelin, worauf dieser den Veterinärdienst des Kantons Bern orientierte.

In der Folge fand dieser in Zusammenarbeit mit der Kantonspolizei Bern nur einen Kilometer weiter nahe des Brienzerseeufers zudem rund ein Dutzend tote Schafe in einem als Unterstand umgebauten Anhänger vor. Insgesamt verendeten 20 Tiere qualvoll, die alle demselben Besitzer gehörten: einem Landwirt mittleren Alters aus Brienz.

Seit Herbst im Fokus

«Schon im November habe ich ein totes Schaf vor einem anderen Stall dieses Bauern gemeldet, das schon seit vielen Wochen dort gelegen haben muss», sagt X. Auf diese Meldung hin führte der kantonale Veterinärdienst beim betreffenden Tierhalter eine Kontrolle durch. «Später kontrollierte die Polizei die Verhältnisse in Absprache mit uns nochmals unangekündigt», sagt der zuständige Kantonstierarzt Reto Wyss auf Anfrage.

«Bei all diesen Kontrollen konnten keine gravierenden Verstösse gegen das Tierschutzgesetz festgestellt werden.» Zwar hätten einzelne der insgesamt 60 kontrollierten Tiere gehinkt – diese seien denn auch in tierärztliche Behandlung gekommen. «Ein Schafkadaver beweist halt noch lange kein Vergehen gegen das Tierschutzgesetz. Wir wissen ja nicht, wie es gestorben ist», so Wyss.

Der Brienzer Tierhalter ist dem Veterinärdienst seit 2011 bekannt; damals sind erstmals Mängel in der Tierhaltung festgestellt worden.

«Keine Spuren im Schnee»

Laut Reto Wyss weisen die am Sonntag gefundenen Tierkadaver unterschiedliche Verwesungsgrade auf. Entsprechend sei es schwierig, die genaue Anzahl der toten Schafe und Ziegen zu beziffern. Die Kadaver befinden sich zurzeit zur Untersuchung in der Tierpathologie.

Dass die Tiere wahrscheinlich während des ganzen Winters nie das Tageslicht gesehen haben und eingeschlossen elend zugrunde gegangen sein müssen, beweist die Aussage von Herrn X: «Auf meinen Wanderungen im Winter ging ich hie und da hier vorbei. Nie sah ich irgendwelche Spuren im Schnee. Die Tiere sind da drin also verdurstet und verhungert – obwohl vor dem Stall einige Heuballen herumstehen.»

X, der früher selber Schafe hatte: «Mir hat es das Herz gebrochen, so etwas Schlimmes zu sehen.» Er könne sich nicht vorstellen, «wie der fehlbare Landwirt zu so etwas fähig ist. Mir erschien er immer als umgänglicher Mensch, dem man so etwas nicht zutrauen würde.» Laut X besitzt der Tierhalter auch in Brienz noch Weideland und einige weitere Scheunen.

Er behält die restlichen 60

Die jetzt tot aufgefundenen Tiere waren an Standorten untergebracht, die dem Veterinärdienst nicht bekannt waren: «Diese Stallungen hat uns der Besitzer verheimlicht.» Der Landwirt hatte somit die jetzt tot aufgefundenen 20 Tiere dem Veterinärdienst gar nicht angegeben, sondern nur die anderen 60. «Diese verbleibenden 60 Tiere dürfen wir ihm nun aber trotz des Vorgefallenen vorläufig nicht wegnehmen.

Ein Tierhalteverbot darf nur auf dem Tierschutzgesetz basierend ausgesprochen werden», sagt Wyss. Die entsprechenden Ermittlungen in dieser Richtung sind zwar im Gang, können sich aber über viele Monate hinziehen. Immerhin: «Der betreffende Tierhalter wird von uns seit November engmaschig überwacht; dies belegt die letzte Kontrolle, die erst vor einer Woche erfolgt ist.»

«Nur» Tierschutzproblem?

Die von Kantonstierarzt Reto Wyss erwähnten Abklärungen laufen auch bei der Kantonspolizei Bern: «Fakt ist, dass hier ein Fall von nicht vorschriftsgemässer Entsorgung von Tierkadavern vorliegt», sagt Kapo-Sprecher Christoph Gnägi auf Anfrage. «Es ist aber im Moment noch nicht sicher, ob es sich im vorliegenden Fall nur um ein Tierschutzproblem handelt oder ob er noch ein seuchenpolizeiliches Nachspiel haben wird.»

*Name der Redaktion bekannt

Berner Oberländer

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