«Trotz der Krise scheint die Sonne ja heute auch wieder»

Berner Oberland

Der Präsident des Branchenverbandes Hotellerie, Stephan Maeder, tritt nach sieben Jahren zurück. Der Hotelier aus Gunten will nichts vom Wehklagen nach der Aufhebung des Euromindestkurses wissen.

Stephan Maeder vor seinem Hotel Carlton-Europe in Interlaken. Für ihn scheint die Sonne weiterhin – trotz der Aufhebung des Euromindestkurses und dem aus Sicht der Hotellerie unbefriedigenden Entscheid des Nationalrates zum Zweitwohnungsgesetz.

Stephan Maeder vor seinem Hotel Carlton-Europe in Interlaken. Für ihn scheint die Sonne weiterhin – trotz der Aufhebung des Euromindestkurses und dem aus Sicht der Hotellerie unbefriedigenden Entscheid des Nationalrates zum Zweitwohnungsgesetz.

(Bild: Hans Urfer)

Herr Maeder, der Nationalrat hat entschieden: Alte, unrentable Hotels können 50 Prozent ihrer Bruttogeschossfläche für Zweitwohnungen nutzen. Mit diesem Beschluss ist der Schweizer Branchenverband der Hotellerie nicht zufrieden. Sind Sie es auch nicht? Stephan Maeder: Klar hätte die 100-Prozent-Regelung freie Hand bedeutet. Aber nicht in erster Linie für die Hoteliers, sondern für Spekulanten und Baufirmen. Wenn ich die Regelung aber richtig verstanden habe, sind nebst dem 50-Prozent-Anteil an Zweitwohnungen zusätzlich auch Erstwohnungen erlaubt. Dies finde ich gut. Wichtig ist, dass die Politik den Hoteliers nicht gesetzlich vorschreibt, dass diese nur einen Hotelbetrieb realisieren dürfen und dies ist ja nicht der Fall. Ich sehe Probleme bei der juristischen Umsetzbarkeit. Es existieren gesetzlich verankerte Hotelzonen, wo also nichts anderes als ein Hotelbetrieb möglich ist. Was passiert da? Das ist nicht geklärt.

Auch nicht glücklich sind die Hoteliers mit der Aussage von Schweiz-Tourismus-CEO Jürg Schmid, wonach die touristischen Bergregionen nach der Aufhebung des Euromindestkurses in den nächsten zwei Jahren mit einem Rückgang der Übernachtungen von circa 17 Prozent rechnen müssen. Dies würde das Oberland ganz direkt treffen. Teilen Sie Schmids Einschätzung? Wir hatten in der Geschichte der Hotellerie viel grössere Krisen, als wir sie jetzt haben. Wenn heute in unserer Region ein Hotel nicht überlebensfähig ist, hat der Besitzer ganz einfach die Hausaufgaben nicht gemacht.

Was heisst das? Am Ball bleiben bezüglich Investitionen. Wer jahrzehntelang nichts investiert hat und der eigene Laden somit verstaubt ist, der macht keinem Gast mehr eine Freude. Zudem kann ein Betrieb betriebswirtschaftlich zu klein geworden sein. Wenn früher 20 Zimmer unterhalten wurden, reichte dies zum Überleben. Heute werden 50 oder gar 100 Zimmer benötigt. Wenn der Euro bei einem Umrechnungskurs von 90 Rappen verharren würde, hätte auch ich massives Kopfweh. Immerhin sind wir jetzt bei 1.07 Franken.

Aber klar ist doch, dass die Hoteliers den Fokus noch mehr auf den Heimmarkt legen müssen. Wie soll das im Oberland gehen? Tiefere Zimmerpreise und Angebote wie Übernachtungen zum halben Preis? Eben nicht. Es trifft zu, dass wir auch in unserer Region auch noch heute den Fehler machen, dass wir meinen, man komme zu mehr Buchungen, indem die Preise gesenkt werden. Unsere Schweizer Gäste suchen das Authentische.

Also mehr auf die regionalen Stärken setzen? Auf jeden Fall. Es geht heute nicht mehr, dass wir beispielsweise vakuumverpackten Käse aus Holland anbieten, statt frische, regionale Produkte. Diesbezüglich haben wir noch Nachholbedarf. Wenn wir da noch besser werden, bin ich überzeugt, dass der Schweizer Gast gewillt ist, mehr zu bezahlen.

Alles tun, um den Umsatz zu heben, ist das eine. Kosten senken ist das andere. Ist die Bildung von Kooperationen wie jüngst im Frutigland der Heilsbringer? Ich denke schon. Nur ein Beispiel aus meinem Betrieb: Matratzenreinigung. Diese Arbeit steht in jedem Jahr an. Das notwendige Gerät kostet circa 8000 Franken. Wir werden nun mit einem anderen Hotelbetrieb ein Gerät anschaffen. Wie wir dies dann aufteilen, haben wir noch nicht entschieden, aber die Kostenaufteilung wird funktionieren. Hier können wir von der Landwirtschaft lernen, wo auch nicht jeder Bauer einen eigenen Bschüttikasten hat, sondern man sich gegenseitig aushilft. Oder warum stellen mehrere Hotels zusammen nicht für Bauarbeiten Handwerker für eine befristete Zeit an, statt dass jeder Betrieb einzeln seine Bauarbeiten in Auftrag gibt?

Die Schattenseite von Interessengemeinschaften für die kostengünstigere Beschaffung von Waren und Dienstleistungen ist doch unter Umständen, dass einzelne Beherbergungsbetriebe ihre jahrelangen Lieferanten nicht mehr berücksichtigen können weil diese zu teuer sind. Konflikte sind vorprogrammiert, oder sehen Sie das anders? Das ist so, unbestritten.

Wie sieht denn die Lösung aus, um solche negativen Seiten einer Kooperation umgehen zu können? Da muss der Hotelier selektiv vorgehen. Ich denke deshalb auch, dass ein gemeinsamer Einkauf von Lebensmitteln ein sehr schwieriges Unterfangen ist, weil lokale Anbieter mit Grossverteilern preislich nicht mithalten können.

Wie siehts bei Stromanbietern aus? Energieträger sind ein gutes Beispiel. Aber auch Carsharing ist ein Bereich, wo Kooperationen Sinn machen.

Wäre es nicht besser, die Hotels würden sich an professionelle Beschaffungsdienstleister wenden, die dank ihrer Marktkraft vorteilhaftere Preise bei den Lieferanten aushandeln? Das ist gefährlich. Ich mache bewusst bei keinem dieser Dienstleister mit.

Aber es muss doch für einen Hotelbetrieb verlockend sein, wenn er zu konkurrenzlosen Preisen einkaufen kann und damit sein Budget um Tausende von Franken entlastet. Klar ist das verlockend. Aber was nützt es beispielsweise, wenn dadurch die letzte Metzgerei im Dorf verschwindet, wo der Gast doch auch froh wäre, wenn er dort noch eine hausgemachte Cervelat kaufen könnte. Wir müssen mithelfen, dass die regionale Infrastruktur wie Lebensmittelläden, Gewerbe und Schulen erhalten bleibt. Das erreichen wir aber nur, wenn wir als Hotelier bereit sind, lokale Anbieter zu berücksichtigen und nicht jedes Pack Hörnli oder Fleischwaren von Bern oder Zürich ins Oberland karren.

Kosten sparen durch günstigeres Einkaufen mittels Kooperation ist das eine. Das grösste Sparpotenzial für einen Hotelbetrieb ist jedoch beim Personal auszumachen, wo der Kostenanteil am Gesamthaushalt 40 bis 50 Prozent ausmacht. Haben sie deshalb Verständnis, wenn Branchenkollegen sich eine flexiblere Auslegung des Landesgesamtarbeitsvertrages wünschen? Es gibt Elemente im L-GAV, die man genauer unter die Lupe nehmen müsste.

Zugunsten des Arbeitgebers? Nein, zugunsten des Arbeitsplatzes. Beispielsweise müsste man von der Regelung abkommen, dass ein Angestellter nach drei Monaten im Betrieb rückwirkend Anspruch auf den dreizehnten Monatslohn hat.

Also erst ein Anspruch ab dem vierten Monat? Nein, aber ich kann nach drei Monaten noch nicht beurteilen, ob der Arbeitnehmer zufriedenstellend arbeitet oder nicht. Ich bin dafür, dass erst nach einem halben Jahr rückwirkend Anspruch auf einen dreizehnten Monatslohn besteht. Denn nach sechs Monaten weiss ich, ob sich der oder die Angestellte integrieren will oder geht. Das kann je nach Anstellung und Anzahl Angestellter für einen Hotelier schnell einige Tausend Franken ausmachen.

Als Präsident des Hoteliervereins Berner Oberland müssten sie wissen, ob bezüglich Gesamtarbeitsvertrag Änderungen vorgesehen sind. Es laufen auf nationaler Ebene Gespräche zwischen der Hotellerie und den Gewerkschaften. Mehr ist mir derzeit nicht bekannt.

Warum treten Sie ein Jahr vor Ablauf ihrer Amtszeit als Präsident zurück? Abnützungserscheinungen? Jein. Ich bin jemand, der konsequent ist. Ich hatte spekuliert, dass ich mich im nationalen Gremium engagiere.

Dann konnten Sie also nicht verkraften, dass Sie als einer von drei Kandidaten für die beiden Sitze bei der Wahl in die Schweizerische Verbandsleitung abgeschlagen auf dem letzten Platz gelandet waren? Klar wär ich gerne in der Verbandsleitung. Aber enttäuscht? Nein, das bin ich nicht. Ich habe aber schon vor dieser Wahl meinen Kollegen im Vorstand mitgeteilt, dass ich auch bei einer Nichtwahl in die Verbandsleitung als Präsident des Hoteliervereins zurücktrete.

In Ihrem Jahresbericht mit dem Titel «Und immer wieder geht die Sonne auf» ist nachzulesen, dass die Hotellerie auf nationaler Ebene lobbymässig nicht mit der Landwirtschaft mithalten kann. Trotzdem sei es Ihnen gelungen, einige Zäune einzureissen. Beispiele? Dass der Oberländer Verband der Hotellerie mit jenem aus dem Raum Bern-Mittelland sehr intensiv zusammenarbeitet. Auch bei der Zusammenlegung von Sektionen in unserer Region konnten ich und meine Kollegen tatkräftig mithelfen. Bei der Neuorganisation der Geschäftsstelle des Oberländer Hoteliervereins mit der Schaffung eines 50-Prozent-Jobs habe ich mitgeholfen. An meiner Person liegt es sicher, dass ich tendenziell eher auf die Menschen zugehe. Und ich denke, der Hotelierverein wird sich in Zukunft mehr Gehör verschaffen. Darauf habe ich in all den Jahren hingearbeitet.

Welche Zäune stehen noch? Es muss Richtung Interessengemeinschaften gehen.

Was meinen Sie damit? Dass Hotellerie, Bahnen, Landwirtschaft, Gewerbe näher zusammenrücken.

Welches sind in einer solchen IG die Aufgaben der Hotellerie? An Lösungen mitzuarbeiten und sicher auch finanzielle Mittel bereitzustellen. Zudem ist politisches Engagement seitens der Hoteliers und Hotelièren angesagt. Es geht nicht mehr, dass man sich in seinem Hotel quasi verschanzt und keine Kontakte zur Aussenwelt pflegt. Modernisieren ist ein weiteres Thema. Gerade im Marketing haben wir Angebote im Oberland wie ICE+ Hotel. Eigentlich ein tolles Angebot, aber die Vermarktung ist verstaubt und muss überdacht werden.

Das geht aber nur, wenn die Betriebe bereit sind, finanzielle Mittel einzuschiessen. Sind sie das? Sie müssen.

Wie soll das gehen? Andere Prioritäten setzen. Ich frage Sie: Braucht es künftig noch Tausende von Prospekten? Ich glaube nicht. Die dadurch frei werdenden Gelder sind dann für gezielteres Marketing einzusetzen. Social Media ist nur ein Weg. Solche Veränderungen müssen in die Tat umgesetzt werden. Dann wird sich auch der Erfolg einstellen. Zuerst gilt es aber, die Krise nach der Aufhebung des Euromindestkurses zu bewältigen. Ja, sicher. Aber das werden wir schon schaffen. Die Sonne scheint ja auch am heutigen Tag wieder.

Was machen Sie nach dem Rücktritt mit dem neuen Freiraum? Ich werde mich ausserhalb der Hotellerie engagieren, das ist aber noch nicht spruchreif. Bauen wird mein Hobby bleiben. Den Sammlertrieb pflege ich weiter.

Treiben Sie auch Ihre Karriere als Hobbykoch in der SRF-Sendung «Männerküche» weiter voran? Eine eigene Kochshow? Eine neue Staffel wird derzeit gedreht. Ende Monat flimmert die nächste Sendung über den Bildschirm. Kochen muss aber ein Hobby bleiben, deshalb ist eine eigene Kochshow kein Thema.

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