Wenn man vergisst, dass man lebt

Thun

In seinem neusten Roman «Koala» beschäftigt sich Lukas Bärfuss mit dem Tod seines Bruders und macht sich auf die Suche nach Antworten. Ein spannender Auftakt des 9.Literaturfestivals Literaare.

Lukas Bärfuss liest aus «Koala»: Mit dem gebürtigen Thuner wird das 9.Thuner Literaturfestival Literaare eröffnet.

Lukas Bärfuss liest aus «Koala»: Mit dem gebürtigen Thuner wird das 9.Thuner Literaturfestival Literaare eröffnet.

(Bild: Patric Spahni)

Ohne es zu merken, werden die Leserinnen und Leser immer weiter in den schier endlosen Abgrund gezogen. In einen Abgrund unverstandener Trauer, unbeantworteter Fragen und dunkler Zweifel. In seinem zweiten Roman nimmt Lukas Bärfuss seine Leserinnen und Leser mit auf eine Reise. Eine Reise in die Vergangenheit. Eine Reise in den Tod. Eine Reise zu seinem Bruder: «Koala». Mit dem Lesen aus diesem Roman eröffnete er am Freitagabend das 9.Thuner Literaturfestival Literaare im Tertianum Bellevue-Park.

Die Reise beginnt 4 Jahre zuvor in Thun. Lukas Bärfuss wagt sich zurück in seine Heimatstadt für einen Vortrag über den deutschen Autor Heinrich von Kleist. Ein Autor, der damals ziemlich genau 200 Jahre zuvor mit seiner Freundin am Wannsee in Berlin den Freitod wählte.

Es war das letzte Mal

Dass sein Bruder im selben Jahr denselben Tod wählen würde, wusste er nicht. Auch nicht, dass er diesen beim Abendessen vor dem Vortrag zum letzten Mal lebendig sehen sollte. Er sah seinen Bruder selten, auch Thun zog ihn nicht an. Die Abneigung gegen seine Heimatstadt ist immer wieder aus Bärfuss’ Worten herauszuhören. Die Stadt der Soldaten und Fabriken, ein Kaff. Nur noch der gelegentliche Vortrag oder andere Aufträge führen ihn noch in die Stadt seiner Kindheit.

Ein Scheisser im Scheisskaff

In der Pfadi wird dem Bruder der Name Koala zugeteilt. Er hält den Namen für einen Witz seiner Anführer, kann sich nicht mit dem flauschigen Tierchen aus Australien identifizieren. Denn obwohl er nur ein «kleiner Scheisser in einem Scheisskaff» war, hatte er doch grössere Pläne, wollte die Welt entdecken. Doch nach und nach wurde der Koala immer mehr zu seinem Totem, einem Tier, das sich nur ungern von seiner Heimat entfernt, sich fast ausschliesslich von seinem grünen Kraut ernährt. Hatten also die «kleinen Scheisser» in der Pfadi mehr über ihn gewusst als er über sich selbst? Oder wurde er erst durch seinen Namen zu dem, was er geworden war?

Die Übergänge zwischen Tier und Mensch fliessen ineinander über. Bärfuss verniedlicht das Tier in keiner Weise. Das Tier, welches 25 Jahre lang keinen wissenschaftlichen Namen hatte und von dem 90 Jahre lang kein lebendiges Exemplar nach Europa gebracht werden konnte. Das Tier, das seinem Bruder zum Verhängnis geworden zu sein schien.

Abrechnung mit dem Leben

«Die Faulheit des Koalas ist auch eine Kritik an der Arbeit beziehungsweise unserem Arbeitsbegriff. Die Gesellschaft orientiert sich nicht mehr hin zum Jenseits», sagte Bärfuss nach dem Lesen in der Gesprächsrunde. Die Menschheit rechne zu viel. Sie berechne den Nutzen ihrer Tätigkeiten und suche eine Berechtigung zu leben. Der Selbstmord schaffe dabei eine andere Dynamik und werde zur Abrechnung mit dem Leben. Bärfuss findet: «Die besten Momente erlebt man dann, wenn man vergisst, dass man am Leben ist. Durch das Rechnen gerät man nur in eine tödliche Spirale.»

Thuner Tagblatt

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