Thun

111 Thuner fragten nach ihrer Geschichte

Thun Bis Ende März konnten Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen einen Solidaritäts­beitrag beantragen. Anfragen von 111 Personen gelangten zum Stadtarchiv.

Unterlagen voller Geschichten: Stadtarchivarin Anita Egli zieht ein Dossier mit Berichten der Vormundschaftsbehörde aus dem Regal.

Unterlagen voller Geschichten: Stadtarchivarin Anita Egli zieht ein Dossier mit Berichten der Vormundschaftsbehörde aus dem Regal. Bild: Patric Spahni

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«Zwar ist die Frist Ende März beim Bundesamt für Justiz für die Gesuche nach Entschädigungen abgelaufen, doch selbstverständlich können Betroffene auch weiterhin bei uns nach ihrer Vergangenheit suchen lassen», sagt Stadtarchivarin Anita Egli und zieht ein rotes Dossier zwischen ungezählten weiteren hervor. «Finden können wir jedoch nur etwas, wenn die Eltern tatsächlich in Thun gewohnt haben und die Akten noch vorhanden sind.»

Anita Egli dreht sich um und schwenkt ihren Arm in alle Richtungen. Sie steht inmitten von zwei prall gefüllten deckenhohen Gestellen, neben und hinter denen sich weitere solche befinden. Es riecht nach Papier und Vergangenheit, nicht nach feuchten, jedoch nach alten vergilbten Dokumenten.

In allen Regalen sind Unter­lagen aus den Jahren aufbewahrt, in denen in der Schweiz eines der dunkleren Kapitel der Geschichte geschrieben wurde: fürsorgerische Zwangs­massnahmen.

Insgesamt 111 Anfragen

«Seit 2014 haben wir insgesamt 111 Anfragen im Zusammenhang mit einer Fremd­platzierung bearbeitet, und bei einigen sind wir noch dran», sagt die Stadtarchivarin. «Es treffen noch Anfragen ein, die vor dem 31. März eingereicht wurden, die Stadt Thun ­betreffen und noch abgeklärt werden.»

Die meisten seien via Staatsarchiv des Kantons Bern, anfänglich auch via Opferhilfe eingetroffen. Diese Institutionen unterstützen Gesuchstellende bei der Suche nach ihrer Vergangenheit. «Einige Anfragen kamen auch direkt zu uns», weiss Egli. «Nicht alle fordern aber einen ­Solidaritätsbeitrag ein, manche wollten auch nur erfahren, was damals geschehen ist.» Dies etwa, weil nun eigene Kinder oder Enkel ihnen Fragen stellten, die sie nicht beantworten können.

Nicht alle Antworten finden

Doch die Antworten konnte auch das Stadtarchiv nicht immer finden. «Gründe dafür sind zum Beispiel, wenn nicht die Stadt Thun als Vormundschafts- oder Armenbehörde zuständig gewesen ist», erklärt Anita Egli.

Oder auch, wenn es keine behördliche Massnahme gewesen sei, sondern die Eltern das Kind selbst fremdplatziert hätten. «Oder auch», berichtet die Stadtarchivarin weiter und legt auf einmal das rote Dossier auf die Beige auf ihrem Pult, «wenn die Kinder als Pflegekind platziert worden sind.»

Einerseits seien Pflege­kinderdossiers nicht mehr vorhanden, und andererseits sei nicht immer die Vormundschaft zuständig gewesen. Keine Akten vorhanden sind auch, wenn die Fremdplatzierung eine Massnahme der Jugendanwaltschaft war.

Auch der Gotthelfverein

«Doch wenn Thun zuständig war und eine behördliche Massnahme vorlag, dann finden wir Akten», erklärt Anita Egli. Entweder sei ein Dossier vorhanden, oder dann würde sie in den Protokollen der Vormundschaftskommission (heute Kesb) wie auch der Armenkommission (heute Sozialhilfe) schauen. «Zudem gab es den privat organisierten Gotthelfverein, der Kinder platzierte.» Im Stadtarchiv seien dessen Kinderlisten aufbewahrt.

Hinweise auf die gesuchte Person gebe es manchmal auch in einem Protokoll zu einem Geschwister oder einem Elternteil. «Da steht dann zum Beispiel, dass der Fritzli seit drei Jahren in yx bei yx wohnt», nennt die Stadtarchivarin ein Beispiel.

Viele verschiedene Formen

«Es gibt viele Formen von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen», weiss die Stadtarchivarin und beschreibt zwei Fälle: «Ein Arbeiter verlor in den 1930er-Jahren seine Stelle und beantragte über mehrere Jahre bei der Armenkommission Mietzinsbeihilfe.

Die Familie war zahlreich und kam ohne Verdienst nicht über die Runden. Der Vater begann zu trinken, und die Mutter brach zusammen. Die Kinder wurden ‹versorgt›. Oder der ‹Klassiker›: Ein Mädchen wird ungewollt schwanger, gibt keinen Vater an oder mehrere. In der Folge wird das Kind fremdplatziert oder zur Adoption freigegeben.»

Die Dunkelziffer ist riesig

Die Dunkelziffer sei unschätzbar gross. Viele seien gestorben, andere würden sich schämen, nichts mit den Behörden zu tun haben wollen oder auch die ganze Vergangenheit ruhen lassen. «Sicher ist aber, dass bei uns im Verhältnis zu den vorhandenen Dossiers lediglich ein Bruchteil an Anfragen eingegangen ist», sagt Anita Egli.

«Deshalb ist es gut, zu wissen, dass die Geschichte bei uns weiterhin angefragt werden kann.» Bei konkreten Anfragen konsultiere sie jeweils als Erstes das Wohnsitzkärtchen der Einwohnerdienste, und so werde rasch klar, ob Thun zuständig ­gewesen sei.

Die Stadtarchivarin öffnet das rote Dossier, welches sie vorhin aus dem Gestell geholt hat. Sie faltet die ausgedruckte Mail auf, liest kurz und beschreibt die Anfrage, welche auf ihrem Tisch liegt: «Hier möchte ein Mann mit Jahrgang 1926 wissen, weshalb er nicht bei den Eltern aufgewachsen und was mit ihm in den ersten Lebensjahren geschehen ist.»

(Thuner Tagblatt)

Erstellt: 14.05.2018, 10:16 Uhr

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