89 unterzeichnen für syrische Familie

Hondrich

Die drohende Ausweisung einer syrischen Familie will die Bäuert nicht hinnehmen: Eltern reichen Dossier mit 89 Unterschriften bei Simonetta Sommaruga ein.

Bereitschaft zu konstruktiver Zusammenarbeit: Die Mutter der beiden Kinder hatte sich ebenfalls gut ­integriert.

Bereitschaft zu konstruktiver Zusammenarbeit: Die Mutter der beiden Kinder hatte sich ebenfalls gut ­integriert.

(Bild: Jürg Spielmann)

Der von dieser Zeitung publik gemachte Fall hat hohe Wellen geworfen. Vor allem in der Gemeinde Spiez, aber auch darüber hinaus. Und nun eine eigentliche Welle der Solidaritätsbekundung ausgelöst.

Die Bevölkerung von Hondrich, wo die vor der Ausschaffung stehende Syrerin mit ihren zwei Kindern untergebracht ist (Kollektivunterkunft Bärgsunne), will das ihr Mögliche tun, um den Wegweisungsentscheid des Bundesverwaltungsgerichts und des Staatssekreta­riats für Migration aufzuheben. «Das Bundesverwaltungsgerichtsurteil entspricht nicht den in unserer Bundesverfassung festgelegten Werten!» Das schreiben höchst besorgte Eltern aus Hondrich, deren Sprösslinge mit den Kindern von R. O.* zur Schule gehen.

«Wir wollen die humanitäre Tradition der Schweiz in Erinnerung rufen.»Elternvertreterin

Diese haben sich nach der Erstflucht aus Syrien (wegen des Kriegs) und der Zweitflucht aus dem nordeuropäischen Land (wegen des gewalttätigen Vaters und Ex-Ehemannes von R. O.) in die Schweiz allmählich von den Strapazen und traumatischen Erlebnissen erholen können.

In der Schule Hondrich wurden sie offen aufgenommen und konnten Vertrauen fassen, was Schulleiter Kurt Mühlethaler mehrfach bestätigt. Die Mutter der beiden Kinder hatte sich ebenfalls gut ­integriert – «mit grosser Bereitschaft zu konstruktiver Zusammenarbeit», wie im Bericht von letzter Woche nachzulesen ist.

«Das Bundesverwaltungsgerichtsurteil entspricht nicht den in unserer Bundesverfassung festgelegten Werten!»Text auf dem Flyer, der auf die Mahnwache am Dienstag verweist

Seit der Ausweisungsentscheid des Bundesverwaltungsgerichts in St. Gallen vorliegt, ist es aber mit der Ruhe vorbei: Die Rückschaffung in ein Land im Norden Europas – rechtlich gesehen zwar ein sicherer Drittstaat – bedeutet die Auslieferung an den mutmasslich gewalttätigen Ex-Mann.

Für Schulleiter Kurt Mühlethaler und einen grossen Teil der Hondricher Bäuertbewohnerinnen und -bewohner ist klar, dass die Frau damit ernsthaft an Leib und Leben bedroht ist. «Der syrischen Kleinfamilie droht eine Ausschaffung ins Verderben», titelte diese Zeitung letzten ­Donnerstag.

Beeindruckt von Solidarität

«Die Frau und die beiden Kinder sind äusserst belastet und haben panische Angst», bestätigt Mühlethaler – nicht zuletzt vor dem Vollzug der allfälligen Wegweisung, die unangekündigt erfolgt und in diesen Frühlingsferien möglich ist.

«Den Ausschaffungsentscheid und die daraus folgende akute Gefährdung der Betroffenen können viele Hondricherinnen und Hondricher aus menschlicher Sicht nicht hinnehmen.»Kurt Mühlethaler, Schulleiter Hondrich

Noch ist aber das Wiedererwägungsgesuch von R. O.s Anwalt Jürg Walker hängig. «Die Juristen haben ihren Job vermutlich korrekt gemacht», vermerkt der Hondricher Schulleiter. «Den Ausschaffungsentscheid und die daraus folgende akute Gefährdung der Betroffenen können viele Hondricherinnen und Hondricher aus menschlicher Sicht aber dennoch nicht hinnehmen.»

Und so sind Eltern und weitere Teile der Bäuertbevölkerung aktiv geworden – «das Mass der Solidaritätskundgebung, das ausgelöst worden ist, beeindruckt mich», sagt Kurt Mühlethaler.

Dossier für Sommaruga

Was nun ist genau geplant? Eine Elternvertreterin, die namentlich nicht genannt sein möchte, schildert die nächsten Schritte: «Wir – das sind mehrere Familien – haben ein Dossier mit allen Daten und Papieren zu diesem Fall erstellt, das wir nun Simonetta Sommaruga als Vorsteherin des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements geschickt haben.»

Hinzu kommen 89 gesammelte Unterschriften von ­Erwachsenen gegen den Ausweisungsentscheid des Bundesverwaltungsgerichts. «Alle Kinder, die schreiben können, haben ebenfalls ihren Namen daruntergesetzt. Das ist symbolisch zu verstehen», sagt die Elternvertreterin.

Mahnwache in Bern

Zusätzlich haben die erwähnten Familien einen Flyer entworfen, in dem sie eine Mahnwache auf dem Bundesplatz in Bern ankündigen – «dem Ort, wo die letzte Hoffnung ruht», wie sich ein Beteiligter ausdrückt. Sie soll am Dienstag um 18.30 Uhr für rund 20 bis 30 Minuten erfolgen.

«Nein zum Urteil des Bundesverwaltungsgerichts» heisst es da in fetter Schrift. Und weiter: «Helfen Sie mit, das drohende Unheil im letzten Moment abzuwenden!» Eine Elternvertreterin drückt es so aus: «Wir appellieren an einen Funken Menschlichkeit, damit sich das Ganze hoffentlich in eine andere Richtung lenken lässt, und wollen die humanitäre Tradition der Schweiz in Erinnerung rufen.»

Vorgesehen sind nicht Momente der Stille, sondern ein Zusammensein als Zeichen der Solidarität. Während der rund halben Stunde Mahnwache soll auch Musik gespielt werden. Vorgesehen ist, dass einheimische Musiker auf­treten.

* Name der Redaktion bekannt.

Thuner Tagblatt

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