Beatushöhlen

Abenteuer in einer fremden Welt

BeatushöhlenAls Tourismusdestination sind die St.-Beatus-Höhlen über die Region und Wissenschaftskreise hinaus bekannt. Doch jenseits des ausgebauten Teils wartet eine Höhlenlandschaft, deren Begehung für Laien zum einzigartigen Abenteuer wird.

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Picknick, Gummistiefel und Handschuhe. Die Utensilien, die an einem Dezembermorgen für die Expedition in die St.-Beatus-Höhlen in den Rucksack wandern, sind überschaubar. Nur ist da noch der Sack mit den Ersatzkleidern. Diesen solle man mitnehmen für den Fall, dass man in einen See stürze, hat der Höhlenforscher Philipp Häuselmann am Telefon erklärt.

Für den Schreibenden, der keine Vorstellung davon hat, wie die Höhlen jenseits des ausgebauten Teils aussehen, ist dies noch kein Grund, das Schlimmste zu befürchten. «Für den Fall, dass man in den See stürzt» – da müsste man sich wohl schon ziemlich dumm anstellen.

Erwartungsvoll ist die Stimmung während des Aufstiegs vom Parkplatz an der Seestrasse hoch zum Höhleneingang. Und schon auf dem geschlungenen Pfad weiss Häuselmann, der als ­Geologe über die Entstehung der Beatus-Höhlen dissertierte, Interessantes zu berichten: «Die dunklen Gesteine unter dem Wasserfall sind Mergel. Sie bilden eine undurchlässige Schicht, auf der die Höhlenwässer abfliessen.»

«Ende» steht am Schluss des ausgebauten Teils an der Wand. Doch hier beginnt das eigentliche Abenteuer erst.

Wie 99 Prozent aller Schweizer Höhlen befinden sich auch die Beatus-Höhlen in Kalkgestein. Nicht tektonische Prozesse haben die Höhlen geformt, sondern das Wasser hat das Gestein seit über 350'000 Jahren aufgelöst und ausgeschliffen.

Um sich ein Bild der Naturkräfte zu machen, schlüpft die dreiköpfige Gruppe inklusive Fotografin ins richtige Tenü. Philipp Häuselmann hat Helme, Stirnlampen und Overalls mitgebracht. Der gelb-rot-schwarze Anzug aus dickem, aber bei weitem nicht wasserdichtem Stoff, kann nur ein weiteres Indiz dafür sein, dass das Wasser höchstens knöcheltief ist.

Und während draussen Temperaturen um den Gefrierpunkt herrschen, freut man sich beim Umziehen, endlich ins Innere des Berges vorzudringen, ist es doch in den Beatus-Höhlen das ganze Jahr über zwischen 8 und 10 Grad warm.

Zeugen der Vergangenheit

So gemütlich der Gang durch den ausgebauten Teil auch ist, ins­besondere aus geologischer Sicht ist er, wie Häuselmann erklärt, spannender als der hintere Teil. Elliptische Formen der Gänge beweisen, dass diese Passagen bei ihrer Entstehung komplett mit Wasser gefüllt waren. Dies wiederum bedeutet, dass sich auf dieser Höhe einmal ein Karstwasserspiegel befand. So finden sich in den Höhlen Zeugen, dass der Boden des Aaretals vor den letzten Vergletscherungen mehrere Hundert Meter höher lag.

Aber nicht nur die Geologie fasziniert. «Hier führt der sogenannte Maulwurfsschluf steil nach unten und mündet nach vierzig Metern wieder in den Hauptgang», sagt der Höhlenforscher und zeigt auf ein etwas mehr als tellergrosses Loch neben dem Weg. Auf die Frage, ob er schon einmal in diesem Schluf war, antwortet er mit einem Lachen: «Ich habe ihn vermessen.»

«Ende» steht am Schluss des ausgebauten Teils an der Wand. Doch hier beginnt das eigentliche Abenteuer erst. Mit einem Sprung über das Geländer steht man erstmals auf dem nackten Höhlenboden mitten im sprudelnden Bächlein. Vor einem eröffnet sich eine Welt, die sich doch ganz anders gebiert ohne betonierte Wege und Treppen und ohne künstliches Licht. Die bizarren Formen des Kalksteins muten an wie aus einer fremden Welt.

Die bizarren Formen des Kalksteins muten an wie aus einer fremden Welt.

Dem Schein der Stirnlampen folgend, gehen wir hinauf das Wasser entlang. Die Gummistiefel leisten hervorragende Dienste, doch schon bald kommt der erste tiefe See, um den kein Weg führt. Häuselmann zeigt vor, wie das nasse Hindernis zu passieren ist.

Man gehe der Wand entlang im seichten Wasser, stelle den linken Fuss so auf diese untiefe Stelle, greife mit der rechten Hand um und hinter den Gesteinsvorsprung, um sich dann mit einer eleganten 180-Grad-Drehung um selbigen zu schwingen und mit einem letzten Ausfallschritt auf jene untiefe Stelle und einem gleichzeitigen Griff in die Felsspalte ans andere Ufer zu ziehen. Im Nullkommanichts und grazil wie eine Gazelle hat Häuselmann den See passiert. Für den entmutigten Kommentar der Fotografin hat er nur ein Lachen übrig.

Nun, es hilft nichts. Die 8 bis 10 Grad warme Luft mag angenehm sein, aber die Stiefel voll mit ebenso kaltem Wasser kaum. Wenn auch wesentlich umständlicher und langsamer als der Vorführer, schaffen es ebenso die Begleiter trockenen Fusses über den See.

Von Fischgräten . . .

Wie sich herausstellen wird, ist das Hindernis erst ein kleiner Vorgeschmack auf kommende. Eine Passage trägt den Namen Fischgrät. Hier öffnen sich ­plötzlich Klüfte im Boden, über die sich dünne, gewölbte Felsrippen – wie Fischgräte eben – spannen. Es folgen weitere Seen, Schluchten, die mittels Metallleitern überquert werden, Wasserfälle, Kletterpassagen mit überhängenden Felsen, und oftmals bietet nur der nackte Kalkstein Halt.

Die anfängliche Vorstellung, dass die Expedition im wahrsten Sinne des Wortes ein Spaziergang werden würde, kommt einem inzwischen sehr blauäugig vor. Und beim dritten oder vierten schwierig zu passierenden See geschieht das, was man mittlerweile bereits erwartet hat. Die rettende Untiefe wird verfehlt und das erfrischende Fussbad ist Tatsache.

Gleichzeitig er­fordern heikle Kletterpassagen immer wieder vollste Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt.

Glücklicherweise passt sich die Wassertemperatur schnell der Körpertemperatur an und nasser können die Füsse auch nicht mehr werden. Insofern geht es schon fast sorglos weiter durch die verwinkelten, labyrinth­artigen Gänge. Gleichzeitig er­fordern heikle Kletterpassagen immer wieder vollste Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt. Zusammen mit dem Zeitgefühl, das allmählich verloren geht, versetzen einen die Höhlen in eine Art meditativen Zustand.

. . . und fossilen Urtieren

Bei der Rückkehr lässt Philipp Häuselmann seine Begleiter vorausgehen. Auf gleichem Weg wieder aus der Höhle zu kommen, dürfte so schwierig ja nicht sein. Einmal fragt er noch, ob wir wüssten, wo wir uns befinden. Man bejaht. Wenige Minuten später jedoch fliesst das Bächlein unter den Füssen in ein Siphon – und getaucht ist man auf dem Hinweg definitiv nicht. Ohne den Höhlenforscher würde man im Labyrinth sogar die Orientierung verlieren.

Doch auch Häuselmann, der bereits über 150-mal in den Beatus-Höhlen war und nebenbei gesagt immer noch knochentrocken ist, entdeckt kurz vor dem Ausgang etwas Neues: einen versteinerten Belemniten, den die Wand freigegeben hat. Das tintenfisch­artige Urtier ist mehrere Millionen Jahre alt und ein maritimes Relikt aus der Zeit, als es noch keine Alpen gab. Für solch faszinierende Augenblicke sind die klammen Füsse dann doch ein kleiner Preis.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 04.01.2017, 11:24 Uhr

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Mehr Mitspracherecht für die Leserinnen und Leser: Das haben die Redaktionen des Thuner Tagblatts und des Berner Oberländers in den letzten Monaten versprochen. Uns haben viele Ideen erreicht, von skurril bis spektakulär, von bewegend bis bombastisch. Vielen Dank! Leider konnten wir im Rahmen unserer Wunschserie nur einige wenige umsetzen. Sie werden in den nächsten Ausgaben publiziert. Viel Spass bei der Lektüre!

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