Thun

Als das Herz des Mokka stillstand

ThunHeute vor einem Jahr starb völlig überraschend Pädu Anliker, der das Café Mokka zu einem Club mit Ausstrahlung weit über Thun hinaus gemacht hatte. Wir blicken zurück.

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Es war ein ganz normaler Tag. Um 9 Uhr begann die Redaktionssitzung dieser Zeitung, an der die Themen für die nächste Ausgabe besprochen wurden. Ein Gerichtsfall. Die Stadt, die eine Liegenschaft in der Oberen Hauptgasse saniert. Nichts Spektakuläres.

Dann, zurück vor dem Computer, diese eine Mail. Diese Mitteilung, diese Worte, die auch nach dem x-ten ungläubigen Durchlesen dieselben blieben.

Und plötzlich war nichts mehr normal. Am späten Vorabend war Pädu Anliker gestorben – genau heute vor einem Jahr. Danach folgten für viele Menschen in Thun und weit darüber hinaus ­ereignisreiche Tage voller Trauer – aber auch voller Respekt für einen Menschen, der alles ausser gewöhnlich war.

Abschied auf kreative Art

Kaum ein anderes Haus in der Region war und ist derart von einer einzelnen Person geprägt wie das Café Mokka durch Pädu Anliker. Mit Abertausenden von Figürchen, Bildern, Stickern und weiteren Gadgets machte er den Club zum lebendigen Museum.

Dieser Umstand färbte besonders auch in den Tagen nach seinem Tod auf die Trauernden ab: Auf kreative Art nahmen sie vom selbst ernannten «Master of Ceremonies» – kurz MC – Abschied, stellten nebst Blumen und Kerzen eine aus einer Toilettenpapierrolle gebastelte Rakete oder ein eingekleidetes Skelett auf den Sims neben dem Mokka-Eingang.

Auf der Bühne im Konzertraum standen für einmal keine Bands, sondern Superhelden aus dem Mokka-Fundus, wie zum Beispiel Spiderman, die über die Clubbesucher wachten.

Und im Hintergrund lief immer wieder das Intro von «Twin Peaks» – eine Melodie, die Anliker mochte, die er selbst regelmässig aufzulegen pflegte und die nun inmitten der Trauer zum melancholisch-entschleunigten Soundtrack für die Mokka-Besucher wurde.

Heute Abend offenes Haus

«Wir haben im Team lange und intensiv diskutiert, ob und was wir zum ersten Todestag von Pädu Anliker machen», sagt Marc Schär, Geschäftsführer des Mokka. Letztlich habe man sich dazu entschieden, den Club heute Abend ab 20 Uhr für alle Interessierten zu öffnen. «Es gibt kein Programm, aber es wird sicher Musik laufen, die der MC schätzte», sagt Schär.

Wer wolle, könne etwas trinken oder auch einfach in stillem Gedenken den ersten Todestag begehen. Für nächsten Dienstag hat Colin Vallon, der mit der Reihe «Cocoon» jeden Dienstag im Mokka gastiert, «etwas Spezielles im Gedenken an Pädu Anliker» angekündet, verrät Marc Schär.

O-Ton: Des Meisters Worte

«Wir spielten Mittwochnachmittage lang ‹Whole Lotta Love› rauf und runter. Rockstar wollten wir werden, das war uns so was von klar.»Pädu Anliker erinnerte sich 2005 im Mokka-Programmheft an seine Jugendzeiten.

«Da haben die Leute ihre Joints gedreht, die Birkenstöcke gelüftet und endlos diskutiert.»Anliker erzählt von der Sitzung der Verantwortlichen des Jugendtreffs, aus dem schliesslich dank seinem Engagement 1986 das Mokka wurde.

«Such dir zuerst einen Brotjob! Und: üben, üben, üben, üben.»Anlikers Rat an junge Musiker.

«Die Frage, ob ich das noch lange machen will, stelle ich mir schon. Du musst immer neue Ideen haben, etwas erfinden, musst hin und wieder einen Skandal lancieren – das ist mühsam!»Anliker lachend zum 15-Jahr-Jubiläum des Mokka. 15 weitere sollten für ihn dazukommen.

«Ich hatte nie das Gefühl, es sei irgendwo besser.»Anlikers Antwort auf die Frage, warum er Thun stets treu blieb.

«Weil die Jugend so bekifft ist, ist sie auch so schön ruhig. Aber ich rechne damit, dass es wieder anders wird. Irgendeinmal wird die Revolte wieder kommen.»Pädu Anliker anno 2001.

«Ich nehme weiterhin kein Kokain, kein Speed, kein MDMA. Die Euphorie kommt aus dem erfüllten Arbeiten hier in diesem Musikclub.»Anliker zum Saisonstart 2013.

«In den letzten dreissig Jahren war ich nur an drei Tagen krank. Das stimmt mich zuversichtlich.»Anliker zum Saisonstart 2015 auf die Frage, ob er das Mokka noch lange selber betreiben ­könne.

«Heute will kaum noch jemand für Musik bezahlen.»Ergo sei es auch nicht einfach, das Programm für einen Musikclub zusammenzustellen, sinnierte Anliker im September 2016.

«Klar ist: Alles wird gut kommen.»Anliker im Editorial zum Programmheft November 2016, geschrieben wenige Tage vor seinem Tod.

«Im Veranstalten von schlecht besuchten Shows bin ich richtig Profi.»In ebendiesem Editorial.

Einige von Pädu Anlikers Weggefährten dachten wenige Tage nach seinem Tod an ihre Zeit mit dem Thuner Stadtoriginal und «Mokka»-Betreiber zurück. Video: Florine Schönmann (Oktober 2016)

Posthum verlieh die Stadt Thun dem überraschend verstorbenen «Mokka»-Schöpfer ihren Ehrenpreis. Video: Martin Bürki (November 2016) (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 25.10.2017, 09:46 Uhr

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