Thun

Ein Tausendsassa mit Frauenpower

ThunEr schreibt Theaterstücke und Drehbücher, führt Regie, ist Projektleiter und Produzent: Ueli Bichsel ist ein Tausendsassa im Theaterbereich – im Duo mit ­seiner Frau, Daniela Schneiter Bichsel.

Zwei Theaterfreaks auf gemeinsamen Pfaden: Daniela Schneiter Bichsel und Ueli Bichsel präsentieren ab 10. Oktober im Rittersaal des Schlosses Thun ihre 7. Produktion eines Theaters am Tatort. Sie führen beide Regie und inszenieren gemeinsam das Schicksal einer eingemauerten Frauenleiche.

Zwei Theaterfreaks auf gemeinsamen Pfaden: Daniela Schneiter Bichsel und Ueli Bichsel präsentieren ab 10. Oktober im Rittersaal des Schlosses Thun ihre 7. Produktion eines Theaters am Tatort. Sie führen beide Regie und inszenieren gemeinsam das Schicksal einer eingemauerten Frauenleiche. Bild: Patric Spahni

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18 Theaterstücke geschrieben und etliche Prosatexte, 29-mal Regie geführt und Musical und Theater inszeniert oder auch selber produziert, soeben Ihre Neuinszenierung der Tellspiele mit Erfolg beendet, jetzt wartet ein Psychokrimi im Schloss. Wann ist Schluss?
Ueli Bichsel: In zwei Jahren, vielleicht (und schmunzelt)! Denn eigentlich sage ich seit Jahren: Mit siebzig höre ich auf. Doch ich weiss nicht, ob ich das schaffe.

Würden Sie das, wo sie nun als pensionierter Lehrer mehr Zeit für sich und ihre Familie hätten, überhaupt (noch) wollen?
Jein... Ja für geruhsamere Tage, mehr freie und frei verfügbare Zeit, aber nein, da ich – nebst der bevorstehenden 7. Produktion eines Theaters am Tatort – noch zu viele und zu spannende Projekte am Laufen habe.

Die Sie verraten?
Derzeit schreibe ich an einem neuen Theaterstück. Weiter verwirklicht sich, sofern sich die ­Finanzierung realisieren lässt, im nächsten Winter hoffentlich meine Idee für ein Winter-Open-Air-Musical, welches mit den Komponisten Balz Burch und Sami Hammi in Arbeit ist. Ein solches durchzuführen, wäre in Europa erstmalig und ein­malig.

Ein Winter-Open-Air-Musical?
Genau, doch ich möchte und kann nicht mehr dazu sagen. Falls es zustande kommt, wäre es ein künstlerisches Wagnis. Doch genau das reizt mich daran.

«Nächsten Winter verwirklicht sich hoffentlich meine Idee für ein Winter-Open-Air-Musical.»

Analog dem Musical der Thunerseespiele, welches der Idee und Initiative von Ihnen und Ihrer Frau Daniela Schneiter Bichsel 2001 entsprungen ist?
Ja, diese Art von Produktion und Qualität ist mit dem geplanten Winter-Open-Air-Musical mit professionellen Darstellenden und einem Laienchor vergleichbar. Doch wie gesagt, ich möchte mich erst wieder dazu äussern, wenn die Finanzierung steht.

Apropos Thunerseespiele: Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie vom Verkauf an das Freddy Burger Management in Zürich gehört haben?
Dieses Thema ist für uns Vergangenheit. Unser Abschied von diesem «Kind» liegt zehn Jahre zurück, und das ist für uns mittlerweile okay. Meine Frau und ich gehen jedes Jahr gerne hin und geniessen den Abend und pflegen dort auch Freundschaften. Daher möchte ich dazu nichts sagen.

Noch kurz zu Ihren erwähnten Projekten. Gibt es noch weitere?
Noch zwei Theater sind gesetzt. Im nächsten Sommer inszeniert die Kulturlandbühne in Heimenschwand unter der Regie von Mitja Staub mein «Wie im Himmel». Ich habe dieses Freilichttheater nach dem gleichnamigen schwedischen Film «As It Is in Heaven» geschrieben. Das zweite ist ein neues «Nottiswiler Stück» für den Bären Trubschachen, im Stil von «Si hei dr Wilhälm Täll uf­gfüert». Sein Titel lautet «Hansjakobli und Babettli», und es wird vom Gemischten Chor Nottiswil und Matthias Zellweger aus Thun für die Wintersaison 2019/2020 produziert.

Sie und Ihre Frau Daniela Schneiter Bichsel sind seit 2008 sozusagen als Duo im Theaterbereich unterwegs. Welchen Part übernimmt sie jeweils?
Sie ist meine Stütze und steht mir sowohl kritisch wie auch aufbauend bei. Wir realisieren die Regie für unsere Projekte eigentlich stets gemeinsam. Dies variiert je nach Stück. Ich bin sozusagen der Mann fürs Grobe und für die grossen Bilder auf der Bühne, sie für die vielen wichtigen Details und den Feinschliff. Ihre Stärke ist nebst Maske und Kostümen vor allem die Dialogregie.

«Ich liebe Krimistücke, da sich mit ihnen die Spannung und die menschlichen Charaktere ideal darstellen lassen.»

Könnten Sie Beispiele nennen?
Daniela hat ein ausgesprochen stimmiges Gefühl für die menschlichen Charaktere und ihre Ausdrucksweisen; also dafür, wie im Nonverbalen die Charaktere für sich sprechen und sich entwickeln können. Meine Frau legt den Subtext mit den Gefühlen, und die gefeilten, darauf abgestimmten Dialoge und Worte verstärken diese, indem Gesten und Worte zu einer Einheit werden.

Das tönt nach Dream-Team?
Ja, das finde ich auch (lacht). Wir freuen uns sehr über die bislang erfolgreichen Produktionen und Medienechos. Einzig die geplante Mundartversion von «Die Päpstin» kam aus mehreren Gründen nicht zur Aufführung. Natürlich verdanken wir den Erfolg auch einem starken Team – ob bei den Darstellenden, der Technik oder beim Bühnenbild.

An wen denken Sie dabei vor ­allem?
Zum Beispiel an den Verein Theater am Tatort: Daniela und ich sind dabei, eine optimale Nachfolgeregelung für diesen aufzugleisen – und sind auf guten Wegen. Eveline Sorgen und Markus Wey haben unser nächstes Stück geschrieben, und wir haben diese Arbeit lediglich begleitet.

Diese 8. Theater-am-Tatort-Produktion steht bereits?
Ja, sie heisst «Nemesis» und spielt indoor voraussichtlich im Herbst 2020. Sie nimmt Bezug auf alle bisherigen Theater-am-Tatort-Stücke. Ob Daniela und ich Regie führen, ist noch offen. Die Autoren mischen dabei Theater und Filmeinspielungen. Wir freuen uns auf diese interessante Produktion. Doch mehr möchte ich noch nicht verraten.

Aber vielleicht noch, was Sie bei Ihren zahlreichen Theatertätigkeiten am meisten reizt?
Ich liebe Krimistücke, da sich mit ihnen die Spannung und die menschlichen Charaktere ideal darstellen lassen. Auch probiere ich gerne Neues aus und bin ­ehrgeizig, die Grenzen auszuloten und zu entdecken, was sich spielerisch realisieren lässt.

«Ich versuche, auf der Bühne zu überraschen, dem Publikum den Spiegel des Lebens vorzuhalten und zugleich mit Humor und Können neue Facetten aufzuzeigen.»

Und worauf legen Sie bei Ihrer Arbeit besonderen Wert?
Mir ist wichtig, möglichst qualitativ hochstehende Stücke mit entsprechender Qualität an Schauspielkunst zu präsentieren. Ich versuche, auf der Bühne zu überraschen, dem Publikum den Spiegel des Lebens vorzuhalten und zugleich mit Humor und Können neue Facetten aufzuzeigen. Das Resultat unserer Arbeit verstehe ich als Gesamtkunstwerk: Ort, Stück, Darstellende, Ambiance, Bistro, Stimme und Stimmung stellen eine möglichst gelungene Einheit dar.

Wie ein Tausendsassa spielen und arbeiten Sie gleichzeitig auf mehreren Theaterprojektbühnen. Wird Ihnen das nie zu viel?
Doch, natürlich. Manchmal ist es zu viel. Aber es lässt sich nicht immer leicht steuern und zeitlich aufeinander anpassen. Die letzten Monate waren happig: Tagsüber schrieb ich an Stücken und trieb Geld auf, abends waren wir an den Tellspielen und aktuell nun an den Proben und Vorbereitungen für die Premiere von «Stiller Tod» im Schloss.

Kommen wir doch zum Abschluss noch einmal auf Ihren Plan zurück, mit 70 zu reduzieren. Wie wäre das dann?
Das weiss ich noch nicht (lacht). Doch sicher möchten wir es einmal etwas ruhiger nehmen und auch unsere Reisen unabhängiger von Theaterproduktionszeiten planen können.

Gibt es bestimmte Pläne oder vielleicht auch Wünsche?
Im letzten Winter waren wir zwei Monate unterwegs in Asien und Australien, was erholsam war. Als nächstes grösseres Reiseprojekt möchten wir Europa noch besser kennen lernen. Unsere Idee ist, mit dem Camper ohne Zeitdruck von der norddeutschen bis zur südspanischen Küste zu fahren und dabei alles auszukundschaften, was uns anlockt.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 30.09.2017, 10:41 Uhr

Zum aktuellen Stück

Der Psychokrimi «Stiller Tod» handelt vom Schicksal einer jungen Frau, die in ein Drama um Eifersucht und Macht verwickelt ist – und vor allem von einer Frau, die bei lebendigem Leibe in einer Mauernische eingemauert wurde (wir berichteten). Es ist die 7. Theater-am-Tatort-Produktion, bei welchen das Theater jeweils am «Tatort» – indoor oder unter freiem Himmel – aufgeführt wird. Die erste, «Dr Fall Fulehung», spielte 2010 in der Thuner Altstadt; weitere waren unter anderen «Automanie», «Grandhotel Thunerhof» und «Si hei dr Wilhälm Täll ufgfüert», eine Komödie im Gasthof Bären in Trubschachen. «Stiller Tod» spielt im Rittersaal (Tribüne mit 160 Plätzen). Von den 25 Vorstellungen sind einige bereits ausverkauft. Premiere ist am 10. Oktober, Derniere am 18. November.

Nebst Ueli Bichsel (Projektleitung, Autor) und Daniela Schneiter Bichsel (Regie und Leitung Maske) wirken mit: Margherita Echaud (Dramaturgie), Dany Rhyner (Bühnenbild), Esther Käsermann (Kostüme), Beat Jörg (Licht- und Tontechnik), Jean-Claude Mettraux (Gastronomie) und Marlise Mettraux (Vorverkauf). Die acht Rollen spielen Tina Straubhaar (Fahnderin), Christoph Graf (Fahnder), Melanie Arnold (Archäologin), Babs Schweizer (Architektin), ­Peter Wey (pensionierter Berufsoffizier), Markus Wey (Berufs­offizier), ­Alexandra Stoll (Frau des Berufsoffiziers) und Lionel Romero Lanz (Rekrut). sft

Zur Person

Ueli Bichsel (Jahrgang 1949, in Bern geboren) hat Berufspädagogik studiert, ist heute pensionierter Lehrer und seit Jahrzehnten als Autor, Regisseur und Projektleiter unterwegs. Mit seiner Familie lebt er in Thun. Der 68-Jährige hat das Theater am Tatort und die Schlossspiele Thun mitbegründet und ist Projektleiter, Produzent und Regisseur von vielen Freilichtspielen. Zudem hat er die Thunerseespiele initiiert und mitbegründet. Von 2002 bis 2006 war er deren künstlerischer Direktor und führte Regie bei den Musicals «Evita», «Anatevka», «Miss Saigon» und «Elisabeth». Bichsel inszeniert die Tellspiele Interlaken mit dem Stück «Tell – ein Stück Schweiz» neu, dies 2016 bis 2018 jeweils in den Sommermonaten.

Im Sommer 2018 wird sein Freilichtspiel «Wie im Himmel» von der Kulturlandbühne im Zulgtal aufgeführt. Ueli Bichsel ist Autor von 18 Theater­stücken; so etwa von «Eine Frau wird enthauptet», «Chäserei i dr Vehfröid» und «Die Päpstin». Ausserdem hat er insgesamt 29 Stücke inszeniert.
Daniela Schneiter Bichsel (Jahrgang 1964, in Uetendorf geboren) ist Regisseurin und Maskenbildnerin. Sie war Theaterspielerin bei der Mundartbühni Uetendorf und leitete die Maske bei den Thunerseespielen. Ak­tuell ist sie für den Spielbetrieb am Theater am Tatort verantwortlich und wirkt seit 2008 als Co-Regisseurin mit Ueli Bichsel in allen Inszenierungen. sft

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