Thun

Eine Kleinkunstreise von der Ukraine bis nach Mali

ThunVon Serge Gainsbourg über Trump bis zu ­Dimitri: An der Schweizer Künstlerbörse traten rund 70 Protagonisten aus elf Nationen auf.

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Wenn im Schadausaal die Wände vor lauter Lacher wackeln oder die Zeit in regungslosem Staunen verfliegt, ist Künstlerbörse. Ebenso, wenn sich das bunte Stimmengewirr in den Foyers zu einer Weltsprache vermischt. Wie Stippvisiten vor Ort zeigen, blüht die Vielfalt der Nationen und ihrer Kleinkunst in kreativem Gewusel, in gestenreichen Gesprächen und in feinen Tönen.

Deutschland: Lars Reichow wohnt mobil

Lars Reichow sammelt Kleinkunstpreise wie andere Pilze. Der Mainzer Kabarettist scheint eher aus Ironien am sarkastischen Meer zu kommen. Auf der Bühne des Schadausaals plaudert er über einen Familienausflug mit dem Wohnmobil. «Man kann nur frühstücken, wenn alle einverstanden sind.» Mit seiner Frau im Alkoven eingepfercht über dem Lenkrad gesteht er: «Bei uns geht es nicht jede Nacht um alles.» Dafür stinke es vorne nach Essen, während die Füsse seines Sohnes hinten ein ganz anderes Aroma verströmten.

Dann wechselt Reichow an den Flügel und singt sich quer durch Europa, bis er in Frankreich ankommt mit «Wäsche-se», einer zum Schreien komischen Verhohnepipelung des Schmuseklassikers «Je t’aime moi non plus» von Serge Gainsbourg. «Seien wir doch mal ehrlich, der Text war uns doch egal.»

«Bei uns geht es nicht jede Nacht um alles.»Lars Reichow

Erstaunt, dass die 20 Minuten fast um sind, wird Reichow plötzlich ernst: «Ich möchte noch etwas zu Trump sagen. Dreist, schlicht dumm, rassistisch und sexistisch bricht er Regeln, kündigt Verträge und ­Abkommen und – er zerstört das empfindliche Gleichgewicht der weltbeherrschenden Mächte. Als Trump ins Weisse Haus zog, war das so, als ob in Berlin die Geissens einziehen.» Bämm!

Schweiz: La Famiglia Dimitri zelebriert die Lachkunst

Auch nach dem Tod von Clown Dimitri im Juli 2016 erquicken längst die nächsten Generationen der Dimitris das Publikum meisterlich weiter. Zum Glück. Wer auf der Welt lacht so unverkennbar breit wie sie? Und wer liegt derart entspannt auf dem Seil, als ob der Rücken auf einem Sofa gebettet wäre? Masha Dimitri, Nina Dimitri, die Clownin Silvana Gargiulo und Samuel Müller Dimitri zelebrieren mit dem quietschvergnügten Publikum die Lachkunst im Quartett.

Die Famiglia Dimitri besingt Donna Clara und bringt die Säge zum Singen, tänzelt akrobatisch, ist lustvoll wortlos, einzigartig clownesk und burlesk. Da klammern sich schon mal drei elfenbeinfarbige Klaviertasten an den Fingern fest oder fällt die Perücke vom Kopf. Ein Fingerzeig oder ein Zwinkern genügt, und der bis auf den letzten Platz gefüllte Saal weiss, was gerade erzählt wird.

Italien: Banda Osiris’ blech­bläserne Kunststücke

Die Formation aus Bella Italia macht dem Klischee des temperamentvollen Volkes alle Ehre. Wirbelwindig schleudern sie musikalisch ihr Publikum bis zum Schwindeligwerden und zeigen akrobatisch, trotz gesetztem Alter der Künstler, wahres Können. Beim Cancan werfen sie die Beine in die Höhe und hüpfen wie Kängurus – das wäre ja für so manchen noch machbar.

Der Beatles-Hit «Hey Jude» mutiert zum Jodel- oder Wiegenlied.

Banda Osiris aber spielen gewagt turnend gleichzeitig Blasinstrumente vom Tenorsax bis zur Tuba und singen aus goldenen Kehlen. Der Beatles-Hit «Hey Jude» mutiert zum Jodel- oder Wiegenlied, erklingt als Orientalweise, Kasa­tschok, Klezmer oder Kirchenchoral. Zum Schluss erwecken sie die Tuba zum Leben und verpassen ihr ein Tutu zur bekannten Schwanenseemelodie. Ihre Show birgt Suchtpotenzial.

Schweiz - Mali: Kala Jula ­wirbelt Saharastaub auf

Beim Wandersänger Samba Diabaté aus Mali und dem Multiins­trumentalisten Vincent Zanetti aus der Schweiz verbinden sich musikalische Welten zu einem Universum und durchdringen melodiöse Tiefen jegliche Grenzen. Beim brillanten Gitarristen aus Bamako und dem weissen Meister der Djembé aus dem Wallis treffen sich Mandinka-Rhythmen, Blues und Jazz in einem instrumentalen Dialog.

Melodiös und lieblich, schmeichelnd und streichelnd erwachen vor dem ­inneren Auge die Weiten der Sahara und die Geister der Ahnen. Und im rhythmischen Trommeln im Lied über die Stute mit dem klingenden Namen Eclaire de Lune ist es ein Leichtes, sich vorzustellen, wie sie im Galopp die Jungpflanzen des Bauern ausreisst.

Ukraine: Housch-ma-Housch bezirzt charmant

Hi, bye, kein Stress und kaputt: Mehr Worte braucht Clown Housch-ma-Housch nicht, um sein Publikum zwischen drei und hundert Jahren zu betören. Semen Shuster besuchte die legendäre Kiewer Artistenschule und trat im Pariser Revuetheater Lido oder 2017 im Circus Knie auf. Im Schadausaal zwirbelte er einem älteren Herrn im Publikum das Seitenhaar hoch und polierte ihm permanent die Glatze. Dass Housch-ma-Housch eine Damentasche entwendet und sie einem anderen schenkt, nimmt ihm niemand übel.

Denn ein hochkarätiger Clown ist wie ein kleines Kind, dem man nicht böse sein kann. Etwas Magisches haftet dem Ausnahmekünstler an. Und er hat ­seine Zuschauerinnen und Zuschauer im Griff, wenn er sie zum «Ouuu»-Rufen oder zum Klatschen auf Einsatz animiert. Mit Beatboxkunst und der Ausstrahlung eines Zauberwesens lädt er alle ein, sich unbeschwert forttragen zu lassen in eine Zirkuswelt, in der alltägliche Nervenfresser nichts zu suchen haben.

Kanada: Les Foutoukours überleben Dschungeltour

Möwen schreien, hoher Seegang mit Kotzgarantie, nicht der Ort, an dem sich Rémi Jacques und ­Jean-Félix Bélanger wohlfühlen. Ihr Handwagen verwandelt sich in ein Flugzeug, das sie mitten in den afrikanischen Dschungel bringt. Die kultivierten Illusionen von Les Foutoukours entführen in eine zerbrechliche Welt voller Gefahren und Gefühle. Auf der Suche nach dem besten Platz schlängeln sie sich in einer Art Tanzakrobatik an Hindernissen vorbei oder sie scheitern an ihnen.

Möwen schreien, hoher Seegang mit Kotzgarantie.

Die Performance des Duos aus Québec gewährt einen Blick über den Teich. Die künstlerische Bühnensprache besitzt einen etwas anderen Zungenschlag als gewohnt, dennoch wird sie bestens vom Publikum verstanden. Ihre Mägen knurren wie Löwen, ihre Akrobatik spiegelt ihr Seelenleben, ihre leisen Zwischentöne verwandeln sich in emotionsgeladenes Wehklagen. Die Symbiose aus Pantomime, Tanztheater und Akrobatik funktioniert auch für europäische Sinne.

Deutschland: Michael Hatzius leidet an Schuppen

Er trete im deutschsprachigen Raum auf und zähle die Schweiz mal dazu, auch wenn die Sprache so klinge, als ob jemand versuche, zu pfeifen, während er an einer Toblerone ersticke . . . Ja, das ist rotzfrech. Aber in Wirklichkeit verbrennt sich ja die Echse das schuppige Maul, und die darf das!

Dahinter steckt der Puppenspieler Michael Hatzius, der dem lebensgrossen reptilen Wesen das Leben schenkte. Seither pöbelt es sich sympathisch-arrogant über die Kleinkunstbühnen. «Als der Urknall stattfand, sass ich direkt davor», plaudert die Echse: «Ich habe mit Ari das Amphibientheater gegründet, also mit Ari Sto­teles, und das erotische Stück ‹Die Prinzessin auf der Echse› als Hauptdarsteller gespielt – mit wechselnden Partnerinnen – 250 Vorstellungen – die Woche.»

Das Schuppenkriechtier prahlt mit Berliner Zungenschlag, dass sich die Balken biegen. Er verstehe jedes Schweizer Wort, behauptet er echs-zentrisch und fordert das Publikum auf, ihm ein paar davon zuzurufen. Improvisationsstark fabuliert die hatziussche Echse zu Vorschlägen hanebüchene wie urkomische Übersetzungen. Tri-tra-trullala war Puppentheater von gestern, heute fährt das Publikum ab auf «Echstasy», Michael Hatzius’ aktuelles Programm.

(Thuner Tagblatt)

Erstellt: 15.04.2018, 20:53 Uhr

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