Erstes Dampfer-Foto wiederentdeckt

Die Bellevue kam 1835 als erstes Dampfschiff auf dem Thunersee zum Einsatz. Seit dem Wiederauffinden einer alten Fotografie ist sie auch das älteste, Schweizer Dampfschiff, das überhaupt je fotografiert wurde.

Die älteste Aufnahme eines Schweizer Dampfschiffes ist diese Daguerreotypie aus dem Jahr 1847.

Die älteste Aufnahme eines Schweizer Dampfschiffes ist diese Daguerreotypie aus dem Jahr 1847. Bild: zvg

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Das sagenumwobene Dampfschiff Bellevue ist um eine Geschichte reicher. Vom ersten Thunersee-Dampfschiff, welches unter dem Namen Faulhorn auch auf dem Brienzersee fuhr und 1864 vor Oberhofen als Schleppschiff sank (siehe zweite Infobox), ist eine Fotografie aufgetaucht. Und es ist nicht einfach irgendein Bild, sondern die vermutlich älteste fotografische Abbildung eines Schweizer Dampfschiffs überhaupt. Laut Mark Bachmann, Leiter Werbung bei der BLS AG, welche die Schifffahrt auf dem Thuner- und Brienzersee führt, stammt das Bild ungefähr aus dem Jahr 1847. Es handle sich genau genommen um eine sogenannte Daguerreotypie, fügt er an (siehe Kasten rechts).

Zufallsfund in Bulle

Damit das Bild überhaupt wieder entdeckt werden konnte, habe es mehrere Zufälle gebraucht. Eine Anfrage aus Paris hatte im Jahr 2002 insgesamt 61 Daguerreotypien von Joseph-Philibert Girault de Prangey (1804–1892) überhaupt erst wieder zutage gebracht. Der Franzose, der reich geboren worden war, reiste um die Welt und machte auch in der Schweiz für die damalige Zeit spektakuläre Aufnahmen. Das Musée gruérien in Bulle FR besass die 61 Schweizer Bilder seit mehr als einem halben Jahrhundert, wusste aber nichts mehr davon. Als 1978 das Musée gruérien vom alten Landvogteischloss in neue Museumsräume und Magazine umzog, hatte man die Daguerreotypien schlichtweg vergessen. Ein Enkel des Comte Charles de Simony, welcher 1950 die Daguerreotypien dem Musée gruérien geschenkt hatte, wandte sich an Direktor Denis Buchs. Auf der Suche nach den Kostbarkeiten konzentrierte man sich auf die Fondation Henry Naef im Dézaley VD und stiess tatsächlich auf eine kleine Holzschachtel mit den 61 Daguerreotypien.

Ein weiterer Zufall half mit

Doch bis auf einem der 61 Bilder das erste Thunersee-Dampfschiff Bellevue wieder entdeckt wurde, brauchte es Jahre später einen weiteren Zufall. «Ein Artikel in der Zeitschrift GEO über die 61 Daguerreotypien aus Bulle hatte mich auf dieses Foto aufmerksam gemacht», erklärt Mark Bachmann. Und im GEO-Artikel sei ein Bild eines Dampfschiffes mit der Bildlegende «Dampfschiff Thunersee» abgebildet gewesen. «Erst als wir das Bild spiegelten, sah ich, dass auf dem Bild der Brienzersee und eben die DS Bellevue, welche damals auf dem Brienzersee unter dem Namen Faulhorn verkehrte, zu sehen ist», fügt er an. Bachmann nahm mit dem Musée gruérien in Bulle FR Kontakt auf, und die BLS erhielt das Bild in digitalisierter Form zum Gebrauch (siehe Bild).

Aufnahme aus dem Jahr 1847

Das Bild stamme laut Musée vermutlich aus dem Jahr 1847. «In den bekannten Büchern über die Schweizer Schifffahrt sind Bilder ab ungefähr 1865 vorhanden – und aus dieser Perspektive scheint unser besagtes Bild tatsächlich das wohl älteste Dampfschiffsbild der Schweiz zu sein», betont Bachmann.

Zu dem Zeitpunkt, als andere Schweizer Dampfschiffe überhaupt erstmals fotografiert wurden, war die DS Faulhorn bereits buchstäblich von der Bildfläche verschwunden. Das zu einem Schleppkahn umgebaute Schiff sank 1864 in einem Sturm vor Oberhofen (siehe erste Infobox). Einzig seine Schiffsorgel ist übrig geblieben. Sie ist im Schlossmuseum Thun zu sehen und kann auch heute noch bespielt werden.

Das Bild und seine Geschichte werden auch in der Ausstellung zum Jubiläum 175 Jahre Schifffahrt auf dem Brienzersee in Giessbach thematisiert. (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 19.07.2014, 13:29 Uhr

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Das Daguerreotypie-Verfahren

Als Daguerreotypie wird ein Fotografieverfahren des 19.Jahrhunderts bezeichnet (im Sammlerjargon kurz Dago genannt). Es ist nach dem französischen Maler Louis Jacques Mandé Daguerre benannt, der es zwischen 1835 und 1839 entwickelt hat. Die Aufnahme des Dampfschiffes Bellevue entstand also rund 10 Jahre nach dem Entstehen des Verfahrens. Die Daguerreotypie ist eine Fotografie auf einer spiegelglatt polierten Metalloberfläche. Hierzu wurden in der Regel versilberte Kupferplatten genutzt, die unter dem Namen Silberplaque von den Fabrikanten silberplakierter Waren verkauft wurde. Die Daguerreotypie lieferte von Anfang an gut nuancierte, fein strukturierte Bilder, die, mit der Lupe betrachtet, noch kleinste Details zeigen. Sie begründete dadurch bereits zu Beginn der Fotografiegeschichte einen hohen Standard, an dem sich alle späteren Verfahren messen lassen mussten. ksu

Das Dampfschiff Bellevue/Faulhorn

1834 bestellte die neu gegründete Gesellschaft zur Einführung einer Schiffsverbindung zwischen Thun und Neuhaus ein aus Eisen gebautes Dampfschiff bei der Maschinenfabrik Cavé in Paris. Schon am 26.Juli lief das erste Passagierschiff des Thunersees in Thun-Hofstetten vom Stapel und nahm seinen fahrplanmässigen Einsatz auf. Mit der Beschaffung der DS Niesen verlegte man die DS Bellevue auf den Brienzersee. Im Frühling 1843 fuhr das nun als DS Faulhorn getaufte Schiff das erste Mal auf dem Brienzersee. In dieser Phase entstand dann auch die Aufnahme von Girault de Prangey. Nach nur 14 Jahren Einsatz auf dem Brienzersee wurde das Schiff wieder auf den Thunersee versetzt. 1860 wurde dann endgültig entschieden, das Schiff ausser Betrieb zu setzen und zu einem Schleppschiff umzubauen. Am 2.April 1864 geriet der Schleppkahn zusammen mit dem Schlepper Neptun und der DS Helvetia in einen schweren Sturm vor Oberhofen. Die Verbindung zwischen der DS Helvetia und dem zuhinterst eingereihten Faulhorn konnte glücklicherweise gelöst werden, der Untergang der DS Faulhorn konnte jedoch nicht verhindert werden. Zwar konnten zwei Matrosen sowie ein Teil der Fracht gerettet werden, der Steuermann fand jedoch den Tod bei diesem Untergang. Noch heute liegt das Wrack des Schiffes in 120 Metern Tiefe vor Oberhofen. ksu

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