Serie Digitalisierung

Sie suchen die gemeinsame Sprache

Serie DigitalisierungMaschinen sprechen alle eine andere Sprache. Lorenz Zellweger sucht mit seinem Team zusammen mit Industrieunternehmen eine einheitliche Sprache, mit der Mensch und Maschine kommuni­zieren können.

Lorenz Zellweger (r.) und Luca Roncarati suchen eine gemeinsame Sprache für Europas Maschinen.

Lorenz Zellweger (r.) und Luca Roncarati suchen eine gemeinsame Sprache für Europas Maschinen. Bild: Patric Spahni

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Lorenz Zellweger (53) ist keiner dieser Computernerds, die in die Welt hinausposaunen, wie die ­Digitalisierung das Leben besser mache und in nächster Zukunft ganze Gesellschaftsformen auf den Kopf stellen werde. «Ich habe schon vor 30 Jahren Maschinen digitalisiert», sagt er. «Damals sprach man von ‹computer in­tegrated manufacturing› – der computerunterstützten Fabrikation.» Der aktuelle Trendbegriff ist die Smart Factory, die sogenannte intelligente Fabrik. «Am Ende sind es aber doch nur Maschinen, die zusammen einen Auftrag erfüllen, den wir ihnen geben», sagt Zellweger. Im Unterschied zu früher werde das Thema heute einfach «laut und intensiv» breitgeschlagen.

Der «Marktsprung»

«Viele Leute kamen lange nicht mit digitalisierten Elementen in ihrem Alltag in Berührung. Jetzt passiert das plötzlich bei einer breiten Masse», sagt Zellweger, der seine ganze berufliche Laufbahn in der Industrie verbracht hat (vgl. Kasten «Zur Person»). Er spricht deshalb nicht gerne von einem Technologiesprung im Zusammenhang mit Digitalisierung, sondern von einem Marktsprung. «Die Technologie für das Smartphone war zehn Jahre vor dem ersten iPhone vorhanden. Es brauchte einfach noch jemanden, der sie benutzerfreundlich zusammenbaut.» – «Praktische Relevanz» ist eines der Stichworte, die Zellweger umtreiben.

«Standardisierte Plattformen ­werden die heutigen proprietären Lösungen mit ­eigenen Systemen von jedem Her­steller mehr und mehr ablösen.»

Lorenz Zellweger

Es ist die Frage, was etwas, das digital machbar ist, dem Nutzer bringt. Mit dem Prodnet-Programm sucht er zusammen mit Partnern aus der Industrie Antworten auf die Frage, welche digitalen Elemente der Industrie tatsächlich hilfreich sein können. «Am Anfang war die Feststellung, dass der Hype um die Industrie 4.0 und das Gerede von der Digitalisierung sehr wenig mit den eigentlichen Bedürfnissen der Industrie zu tun hat», sagt Zellweger. «Deshalb haben wir uns die Frage gestellt: Was braucht die Industrie überhaupt?»

In einer ersten Auslegeordnung zeigte sich, dass nicht spektakuläre Produkte gefragt sind, sondern einheitliche Standards. «Ein zentrales Anliegen ist etwa, dass Maschinen alle eine einheitliche Sprache sprechen», sagt Zellweger. Dass Maschinen heute Informationen ausgeben über ihren Zustand, Wartungs- oder Nachschubbedarf, sei gang und gäbe. Doch diese Daten werden uneinheitlich ausgegeben. Ein erstes Projekt hat deshalb zum Ziel, die Informationen von Maschinen verschiedener Hersteller auf einer einzigen Bildschirmoberfläche einheitlich darzustellen, «und zwar nicht, weil einheitliche Bilder für teures Geld darüber konstruiert werden, sondern weil die Daten alle im gleichen Format angeliefert werden», wie Zellweger betont.

Auch in Deutschland

Dass die Initiative der Schweiz relevant sei, zeige sich an der Tatsache, dass in Deutschland praktisch zeitgleich ein ähnliches Programm mit denselben Fragestellungen wie Prodnet angelaufen sei. «Wir befinden uns mittlerweile in einem regen Austausch mit den Kollegen in Deutschland», sagt Zellweger. «Ich gehe davon aus, dass sich unser technischer Ansatz dank der deutschen Kraft am Markt zumindest in Europa durchsetzen kann.»

«Die Technologie für das Smartphone war zehn Jahre vor dem ersten iPhone vorhanden. Es brauchte einfach noch jemanden, der sie benutzer-freundlich zusammenbaut.»Lorenz Zellweger

Dass ausgerechnet in einem Thuner Büro die Fäden in Sachen Digitalisierung der Schweizer – oder eben gar der europäischen – Maschinenindustrie zusammenlaufen, ist indes kein Zufall. Lorenz Zellweger hat Ende der 2010er-Jahre im Auftrag des Thuner Stadtmarketings eine Studie zu den wirtschaftlichen Strukturen in der Region Thun gemacht. Dabei hat sich gezeigt, dass es nirgends in der Schweiz so viele Maschinenbauer gibt wie in der Region Thun beziehungsweise dass die Schweiz weltweit die höchste Dichte an Maschinenbau-Arbeitsplätzen hat. Deshalb sind am Prodnet-Programm auch grosse Maschinenbauunternehmen aus der Region Thun massgeblich beteiligt.

Prototyp noch heuer

Zellweger geht davon aus, dass es noch dieses Jahr gelingt, aufzuzeigen, dass der Ansatz für die einheitliche Datenausgabe machbar ist. «Bis in zwei, drei Jahren sollte es möglich sein, das Produkt in den Verkauf zu bringen», schätzt er und ist überzeugt: «Standardisierte Plattformen werden die heutigen proprietären Lösungen mit eigenen Systemen von jedem Hersteller mehr und mehr ablösen.» Unter Maschinen verhalte es sich wie unter Menschen: «Beim Telefonieren interessiert sich niemand für die technische Lösung des Netzwerks, es muss simpel sein und für alle funktionieren. Wenn alle dieselbe Sprache sprechen, macht das sehr vieles einfacher.» Eine konfliktfreie Kommunikation sei damit aber noch nicht ­sichergestellt.

Bisher erschienen in der Serie Digitalisierung: 12. August: «Für normale Anwender schreitet die ­Digitalisierung zu schnell voran». 17. August: «Digitale Revolution made in Thun». 24. August: «Wir fokussieren zu sehr auf die Risiken». (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 22.09.2017, 21:25 Uhr

Zum Programm

Prodnet ist ein Programm der Vereinigung für angewandte Produktionstechnik und wurde 2016 lanciert. Ziel ist, die neuen Vernetzungs- und Digitalisierungsmöglichkeiten «pragmatisch» nutzen zu können, wie es auf der Website von Prodnet heisst. Mitinitianten sind die Inspire AG, welche als Scharnier zwischen der Industrie und der ETH und Swissmem fungiert. Swissmem ist nach eigenen Angaben der führende Verband für KMU und Grossfirmen der schweizerischen Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM-Industrie). maz

Zur Person

Lorenz Zellweger (53) ist in Thun aufgewachsen. Nach Schule und Gymnasium studierte er an der ETH in Zürich ­Maschinenbau und Betriebs­wissenschaft. Anschliessend beschäftigte er sich als Wissenschafter mit der computerunter­stützten Fabrikation (vgl. Haupt­text). Nachdem er zuletzt als Leiter Forschung/Entwicklung bei Mikron tätig gewesen war, machte er sich 2006 selbstständig. Zellweger ist verheiratet und Vater von vier Kindern. Er lebt mit seiner Familie in Thun. maz

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