Thun

Zwischen Ferne und Heimat

ThunVom Oberland in den Amazonas, von Nepal nach Afghanistan und ins Universum fotografischer Lebenswelten: Die Sommerausstellung «Aller-retour» im Kunstmuseum Thun stellt die Ferne und die Heimat in den Fokus.

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Eine Backsteinmauer im einstigen Konzentrationslager Au­schwitz ruft Gedanken über den Horror hervor. Inmitten von über- und nebeneinander gehängten, kleinen und grossen Fotografien, bunt und schwarzweiss, springt einen das Bild von einem geköpften Krokodil mit weit aufgerissenem Maul am Ufer des Rio Cararay in Peru an.

Stimmen aus Lautsprechern füllen in rätoromanischen Satzfetzen einen leeren Raum. Akustisch ergänzen sie die stummen Bilder einer Brückensanierung mit Geschichten von der Zeit, als die Vatschielbrücke im bündnerischen Donat die Talseiten noch nicht miteinander verband.In der neuen Ausstellung im Kunstmuseum Thun «Aller-Retour. Schweizer Fotografie im Wechselspiel zwischen Fernweh und Heimat» nehmen die Bildwelten von sechs Schweizer Fotografinnen und Fotografen die Betrachtenden mit auf eine Zeitreise.

Die Bilder von Reto Camenisch, David Favrod, Martin Glaus, Yann Gross, Daniela Keiser und Ella Maillart spannen in ihrer eigenen Sprache den Bogen über drei Generationen. Im Kontrast zur Sensation haschenden Bilderflut auf Social Media und in Fake-News erzählen sie ruhig und bedächtig von Menschen und ihren Geschichten. Von Reisen nach Nepal, von Besuchen in Brasilien, von Japanerinnen, die den Krieg zu vergessen versuchen, von einer Bäuerin, die ihren riesigen Heusack auf dem Rücken trägt.

Eine Postkarte als Auslöser

Wenn die Museumsdirektorin Helen Hirsch durch die einladenden Räume aus der Belle Epoque spaziert, kommt sie ins Schwärmen. Abrupt bleibt sie stehen. «Einer Postkarte von diesem Bild ist das Thema der neuen Ausstellung zu verdanken», sagt sie und zeigt auf eine Fotografie in Schwarzweiss, die unauffällig zwischen weiteren Szenerien an der Wand hängt.

Vor einem hellen Horizont zeichnen sich dunkel die kleinen Konturen von Kindern ab. Vornübergebeugt ziehen sie vom rechten zum linken Bildrand über einen Feldweg, allein oder zu zweit, mit Kisten beladene Leiterwagen. «Diese Postkarte stand zwei Jahre auf meinem Schreibtisch und rief in mir Bilder vom Reisen, von der Ferne wach, aber auch von Menschen auf der Flucht», erzählt Hirsch. «Das war eine ideale Vorlage für das Thema der Ferne und der Heimat, die auch fern liegen kann.»

Tatsächlich jedoch hat Martin Glaus (1927–2006), Sohn des einstigen Direktors des Kunstmuseums Alfred Glaus, in den 1950er-Jahren einen Umzug eines Kindergartens im Gwatt bei Thun fotografiert. «Es zeigt, wie auch im Alltäglichen grosse Themen stecken», sagt Helen Hirsch.

«Auch im Alltäglichen stecken grosse Themen.»Helen Hirsch, Direktorin Kunstmuseum Thun

Nie ohne Leica unterwegs

Die eindringlichen Schwarzweisswerke der Fotoreporterin Ella Maillart (1903–1997) fesseln den Blick, der an ihren Kompositionen des Augenblicks haften bleibt. Die Genferin, die als junge Frau über den Ärmelkanal segelte und 1924 als Seglerin an den Olympischen Spielen in Paris teilnahm, eroberte in den 1930er- und 40er-Jahren allein, aber nie ohne ihrer Leica-Kamera die Welt.

1935 reiste die Abenteurerin mit dem britischen «Times»-Korrespondenten Peter Fleming durch China und 1939 in nationalsozialistischen Zeiten mit der Schweizer Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach in den Iran.

Während Maillart vor allem den Blick auf ­Augenhöhe mit den Menschen fokussierte, lässt der gebürtige Thuner und in Bern wohnhafte Reto Camenisch die Natur und auch das Übriggebliebene oder das Neuerwachte aus der Vergangenheit sprechen.

In Camenischs neusten Fotografien spricht das Moos Bände, welches in den Wäldern rund um Bantigen und Geristein die Resten der Molassesandsteine kuschelweich überzieht. Ebenso lässt er die stillen Zeitzeugen aus den Mauern schreien, welche uns das Leid der vergasten und gequälten Menschen in Auschwitz noch immer spüren lassen.

Ausstellung «Aller-Retour»: bis 13. August, Kunstmuseum Thun. Vernissage Freitag, 18.30 Uhr. Am 14. Juni (19.30 Uhr) füllen die Schlosskonzerte Thun die Ausstellung musikalisch, am 25. Juni (11.15 Uhr) findet ein Werkgespräch mit dem Fotografen Reto Camenisch statt. www.kunstmuseumthun.ch (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 18.05.2017, 18:14 Uhr

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