Wattenwil

Alkohol, Gewalt und Albträume

WattenwilDie neue Ausstellung im Ortsmuseum ist dem Frauenverein Wattenwil gewidmet: ein Rückblick auf 150 Jahre, in denen sich die Frauen auch mit den dunklen Seiten des Lebens auseinandersetzen mussten.

Die Wattenwiler Frauenvereinspräsidentin Margreth Hadzikalymnios mit Anton Bähler, Präsident der Fred-und-Cécile-Zimmermann-Stiftung, vor dem Dorfbrunnen. Der Frauenverein half 1973 mit, den Brunnen zu erhalten.

Die Wattenwiler Frauenvereinspräsidentin Margreth Hadzikalymnios mit Anton Bähler, Präsident der Fred-und-Cécile-Zimmermann-Stiftung, vor dem Dorfbrunnen. Der Frauenverein half 1973 mit, den Brunnen zu erhalten. Bild: Marc Imboden

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1968 war das Jahr der Studentenunruhen auf der ganzen Welt. Ob der Frauenverein Wattenwil mit den Protestierenden und den Blumenkindern sympathisierte, bleibt dahingestellt. Sicher ist jedoch, dass der Verein vom Geist des Umbruchs erfasst worden war. Dem Protokoll der Herbstversammlung 1968 ist zu entnehmen, dass sich die Frauen heftig über den Schutthaufen echauffierten, der nach dem Abbruch des Stockeren-Schulhauses liegen geblieben war.

«Wie lange muss man sich wohl noch an dieser Wüstenei ärgern?», notierte die Protokollführerin. «Man muss sich ja schämen für unser Dorf. Ja, da muss wohl ein entsprechendes Schreiben an den Gemeinderat abgehen, sonst muss dann das Frauenstimmrecht mit Gewalt eingeführt werden bei uns.» Bereits 1944 hatte der Verein mit einer Unterschriftensammlung das Frauenstimmrecht auf Gemeindeebene gefordert – erfolglos.

Gruselige Vorstellungen

Nein, die Mitglieder des Frauenvereins Wattenwil waren nie duckmäuserisch, sondern fokussierten immer auf soziales Elend. Socken stricken für die Soldaten und Suppe kochen für die Armen waren klassische Betätigungsfelder von Frauenvereinen im ganzen Land, und auch die Wattenwilerinnen machten hier ab der Gründung im Jahr 1865 wacker mit.

«Wattenwil war damals eine sehr arme Gemeinde, die unter der Landflucht und dem Alkoholismus der Männer zu leiden hatte», sagt Anton Bähler, Präsident der Fred-und-Cécile-Zimmermann-Stiftung, der Trägerschaft des Wattenwiler Ortsmuseums. «Die bessergestellten Frauen im Dorf organisierten sich im Frauenverein und kümmerten sich um Ernährung und Bekleidung der Kinder armer Familien», ergänzt Vereinspräsidentin Margreth Hadzikalymnios.

Aktiv war der Frauenverein auch im Hinblick auf die Anstellung der ersten Gemeindeschwester und die Eröffnung des ersten Kindergartens in Wattenwil. Auch das psychische Wohl der Kinder lag den ­Damen immer am Herzen. Sie wandten sich beispielsweise an Gemeinderat und Schulkommission, weil die Theateraufführungen der Ortsvereine teils so gruselig waren, dass die Kinder danach unter Albträumen litten.

Brocki und Suppentag

Die Ausstellung im Ortsmuseum Wattenwil gibt einen Überblick über die Tätigkeiten des Frauenvereins Wattenwil in den vergangenen 150 Jahren. Während in den Anfangsjahren Armut und Trunksucht die Hauptthemen gewesen seien, gehe es heute hauptsächlich um Seniorenar­beit, hält Präsidentin Margreth Hadzikalymnios fest. Es gibt spezielle Tanznachmittage für die ältesten Mitbürgerinnen und Mitbürger, Wander- und Walking­anlässe und den Seniorenmittagstisch.

Um die Vereinskasse zu füllen und an Bedürftige inner- und ausserhalb der Gemeinde spenden zu können, gibt es nicht nur die Beiträge der 198 Mitglieder von 20 Franken pro Jahr. «Die Haupteinnahmen generieren wir mit unserer Brockenstube. Hinzu kommt der Erlös aus dem Suppentag.»

Die Ausstellung im Ortsmuseum Wattenwil dauert bis zum 24. Juni. Geöffnet ist sie jeden Sonntag von 14 bis 17 Uhr. www.ortsmuseum-wattenwil.ch (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 14.01.2018, 09:09 Uhr

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