Auch mit 100 noch gefragt

Thun

Die Brockenstube des Frauenvereins Thun wird 100-jährig. Seit 46 Jahren ist Heidi Winzenried (87) mit dabei und engagiert sich ehrenamtlich für das Geschäft.

Im Einsatz: Die langjährigste Helferin Heidi Winzenried (87) mit Präsidentin Kathrin Rüegsegger in der Brockenstube Thun im Grabengut. Foto: Patric Spahni

Im Einsatz: Die langjährigste Helferin Heidi Winzenried (87) mit Präsidentin Kathrin Rüegsegger in der Brockenstube Thun im Grabengut. Foto: Patric Spahni

An der Grabenstrasse 6 wird jubiliert. Die dem Frauenverein Thun angegliederte Brockenstube wird am 8. Mai, hundertjährig. Sie blickt auf eine bewegte Zeit zurück. So hatte sie 1987 mit den Folgen eines Wasserbruchs und im Dezember 1999 mit denen eines Brandes zu kämpfen. Viel Ware und damit Einnahmen gingen verloren. Doch das ist Vergangenheit.

«Das System Brockenstube ist aber immer noch berechtigt und gefragt», hält Präsidentin Kathrin Rüegsegger fest. Gemeinnützige Brockenstuben gibt es in der Schweiz seit 1895 (vgl. Kasten). Um die 27 Frauen betreiben die Thuner Brockenstube ehrenamtlich. Manche davon seit vielen Jahren; zum Beispiel die heute 87-jährige Heidi Winzenried.

Die gelernte Papeteristin ist vor 46 Jahren durch eine Bekannte zum Team gestossen. «Ich fand das eine gute Sache», begründet sie ihr Engagement. Zudem habe sie immer schöne Sachen geliebt, vor allem Kleider und Geschirr. Und sie schätze den Kontakt zu Leuten. Weil die Brocki, so der Volksmund, als Verein organisiert ist, amtete sie zeitweilig auch als Kassierin und Sekretärin.

Noch heute ist die immer von Kopf bis Fuss gepflegt erscheinende zweifache Mutter und zweifache Grossmutter zwei- bis dreimal pro Monat im Einsatz. Sie kennt das Prozedere von Warenannahme, -beschriftung und Verkauf aus dem Effeff.

Blick zurück: 1984 erschien im «Thuner Tagblatt» ein Bericht über Helferin Heidi Winzenried (l.) in der Brocki Bälliz. Foto: Archiv

«Manches ist gleich geblieben, anderes hat sich verändert», sinniert sie. So nimmt die Brockenstube mangels Platz keine Möbel und Fachbücher mehr an; nur noch Taschenbücher und Romanheftli. Das war einst anders. «Der verstorbene Antiquitätenhändler Aegerter hat sich bei uns oft nach Trouvaillen umgesehen und manchmal auch welche gefunden; so etwa antike Kinderbettchen», schildert Heidi Winzenried mit ihrem typisch trockenen Kurzlacher.

Mit demselben beantwortet sie die Frage, ob sie angesichts des Angebots nicht auch ab und an in Versuchung geraten sei: «Ja schon, ich habe einiges gekauft; heute gibts für uns aber keinen Rabatt mehr, wir bezahlen den vollen Preis», sagt sie. Solange sie könne und man sie wolle, werde sie in der Brockenstube weiterhin «Dienst tun».

Preise sind fix

Einst wie heute wird die Brockenstube oft als Gratisentsorger missbraucht; «nur mehr und unverfrorener als früher», schildert Präsidentin Kathrin Rüegsegger. Die Kosten für die Entsorgung nicht verwertbarer Ware seien steigend. Und die jeweils zwei Helferinnen müssten mit Sperberaugen darauf achten, dass nicht gestohlen werde. Das gelinge leider nicht immer.

«Aber im Grossen und Ganzen läuft es gut», versichert die Leiterin. Nicht zuletzt, weil die Brocki viel Stammkundschaft habe. Etwas mühsam sei, wenn Kunden den Preis herunterhandeln wollen. «Das geht bei uns nicht, wir haben feste Preise, denn das ist gerecht», findet Rüegsegger.

Manchmal werde Ware geliefert, bei der deren Zweck, Funktion und Wert nicht auf Anhieb erkennbar sei. Vor allem bei Schmuck, Uhren oder Bildern müsse man bei Fachleuten nachfragen. «Wir wollen die Ware weder zu teuer noch zu billig anschreiben und verkaufen», erläutert sie.

Gegen das Wegwerfen

Immerhin erfülle die Brocki Mehrzweck. Als Secondhand-Laden wirke sie gegen die Wegwerfmentalität. Sie ermögliche auch weniger Bemittelten Einkäufe zu vernünftigen Preisen. Aus dem Erlös leistet die Brocki zum Teil namhafte Beiträge an gemeinnützige Organisationen, Heime und auf Anfrage auch an anderes, wie zum Beispiel die Voliere Schwäbis.

Mit jährlich 6000 Franken ist die Brocki zudem für den Frauenverein eine wichtige Einnahmequelle. Und das Fazit der Betreiberinnen? «Es ist nach wie vor eine gute Sache, es fägt, und wir sind ein sehr gutes Team», sagt Vizepräsidentin Irma Rupp. «Als Dank für den Einsatz gibt es dieses Jahr mit den Mitarbeiterinnen ein besonderes Reisli», stellt Kathrin Rüegsegger in Aussicht; mehr verraten will sie nicht.

Die Brockenstube ist wöchentlich viermal geöffnet: Dienstag, Mittwoch, Donnerstag 9–11 und 14–17 Uhr, Samstag 10–12 Uhr.

Thuner Tagblatt

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