Backstage geht das Vogellisi wandern

Als Gesamtkunstwerk vor herrlicher Kulisse erlebte das Publikum das «Vogellisi» im vergangenen Jahr. Grund genug, das Märchen 2018 wieder aufleben zu lassen. Ein Besuch an der Premiere mit Blick hinter die Kulissen.

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Vogellisi Guandalena Tuck, Tsch Tsch! Osterhasen Läägi Giba, Tsch Tsch! Jetzt geits los, mir gäh aus, Jiiiuuuu Päng!!!» Das Märlibühne-Ensemble hat sich vor seinen Containern hinter einem Hügel des Theaterareals um Regisseurin Annemarie Stähli-Richard versammelt und zelebriert mit einem Schlachtruf die Premiere. Zeitgleich brennt eine Zündschnur auf einem Gemälde ab, auf dem die Worte zu lesen sind. Ein letzter prüfender Blick in den Spiegel, Schleifen werden gezupft, Haarsträhnen fixiert. Das Publikumsgemurmel vor der Tribüne weicht einer erwartungsvollen Stille.

Während die Kräuterfrau Guandalena auf der Bühne zum Monolog ansetzt, fragt die Schreiberin dieser Zeilen den Hauptdarsteller Ronnie Grossenbacher alias Karl-Joseph Thüngen: «Gibts hier Zecken?» Gelassen antwortet er: «O ja, als wir probten, war das Gras noch kniehoch, da hiess es ‹Hose in Socken stopfen!›» Das lässt sich die Schreiberin nicht zweimal sagen. Während ihres Einsatzes in freier Natur zieht sie es vor, sich vor den Biestern zu schützen. Denn backstage bedeutet in dieser Inszenierung das Pendeln zwischen dem Schauspielerzelt direkt hinter der Bühne und der Umkleide rund 200 Meter steil bergauf, bergab. Allerdings steht ihre Optik nun im krassen Gegensatz zu den eleganten Roben der Schauspielerinnen, die Anfang des 20. Jahrhunderts en vogue waren. Egal.

Lampenfieber? Ronnie Grossenbacher schüttelt vergnügt den Kopf: «Eher Vorfreude. Wir haben ja alle Routine, und die Proben geben uns ein sicheres Gefühl.» Er spiele den reichen Deutschen Karl-Joseph, der zunächst unsicher in seiner Welt umhertapst. Mit Schalk im Nacken gibt er eine Kostprobe seines blütenreinen Hochdeutsch, an dem er – durch einen Coach unterstützt – gefeilt hat: «Ob er aber aus dem Oberammergau oder aber aus dem Unterammergau oder aber überhaupt nicht kommt . . .» Wie auf Knopfdruck wird der Schauspieler hellwach und konzentriert, erklärt noch kurz Schreiberin und Fotograf: «Wenn ihr auf dem Weg hinter die Bühne unterhalb der Stablampen bleibt, kann das Publikum euch nicht sehen», und weg ist er.

Wie Bergziegen hechelt die journalistische Zunft den Hang rauf zum Zelt hinterm «Grandhotel», in dem sich märchenhafte Handlungen und Wandlungen ab­spielen. Direkt hinter der Bühne befindet sich die Bühnenumkleide samt Garderobiere. Wie vor einem Taubenschlag öffnet sich immer wieder die Plane und spuckt Schauspielerinnen und Schauspieler aus. Karl-Joseph, der sein Lodenwams inzwischen durch einen champagnerfarbenen feinen Zwirn getauscht hat, taucht wieder auf. Auf der Bühne erklingt «Ds Bärner Oberland isch schöö-hö-höön». Wir laufen jetzt wieder den Hang hinunter zu den Umkleidecontainern. Viele Schauspielerinnen müssen ihre Garderobe wechseln. «Da helfe ich immer», spricht K. J. – und rennt los. Also hinterher. «Wo isch mis Chind? Hetts ä Schlaftablette gässe?», ruft eine Darstellerin.

Emsig wird sich in Schale geworfen. Karl-Joseph bindet Hutbänder, Schürzenzipfel oder Kropfband. Die aufwendigen Schnürstiefel werden mit flinken Fingern geschlossen. Es sitzt jeder Griff. Die Schreiberin schaut kurz auf ihre Hosenbeine, die in die Socken gestopft sind. «Los jetzt, den Hang wieder hinauf hinter die Bühne!» Dort halten sich jetzt einige Akteu­rinnen und Akteure auf, die leise miteinander flüstern. Das Zischen beim Öffnen einer Wasserflasche ist weitaus das lauteste Geräusch hier. Jetzt bloss keinen Hustenanfall bekommen. Tuck, der Bruder der Kräuterfrau, schiesst bereits zum xten Mal in den Backstagebereich – immer in anderer Kostümierung.

Ein Page des Grandhotels schreibt schnell eine Nachricht auf seinem Smartphone, seine Kollegin positioniert ihre Pagenkappe, wobei ihr Dutt dies zu ­verhindern sucht. Von vorne ist ein lautes «Iiiiiiiiiiiiiiii – Tschschschsch» vom Publikum zu hören. Der inzwischen wieder aufgetauchte Karl-Joseph, jetzt mit einer Kreissäge auf dem Kopf, erklärt: «Das ist die Lieblingsszene aller Kinder, denn das Publikum darf mitmachen.»

Auf der Bühne beginnt das 20. Jahrhundert, als Frauen nicht nur durch Korsetts eingeengt waren. Hinter der Bühne diskutieren drei junge Darstellerinnen über die heutige Ungerechtigkeit, dass Männer immer noch mehr verdienen als Frauen. Ronnie Grossenbacher alias Karl-Joseph ist voll in seinem Element, als er offenbart: «Ich liebe es, Geschichten zu erzählen – mit vollem Körpereinsatz und allen Emotionen!»

Alle 16 Vorstellungen sind bereits ausverkauft. Eventuell ist es möglich, zurückgegebene Tickets zu ergattern. www.maerchenhaft.ch

Berner Zeitung

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