Begegnungen mit Carla del Ponte

Thun

Die Schweizer Juristin Carla del Ponte gab in der Buchhandlung Krebser einen Einblick in ihr Leben. Vor 250 Besucherinnen berichtete sie von den Bösen und Mächtigen dieser Welt.

Carla del Ponte in der Buchhandlung Krebser in Thun. Sie sprach über ihr Leben und signierte ihr neues Buch «Im Namen der Opfer».

Carla del Ponte in der Buchhandlung Krebser in Thun. Sie sprach über ihr Leben und signierte ihr neues Buch «Im Namen der Opfer».

(Bild: Damaris Oesch)

«Wenn Blicke töten könnten, wäre ich schon mehrfach tot», sagte Carla del Ponte am Mittwochabend in der Buchhandlung Krebser. Vor allem an die Blicke des ehemaligen serbischen Prä­sidenten Slobodan Miloševic er­innert sich die ehemalige Chef­anklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehe­malige Jugoslawien und den Völkermord in Ruanda in Den Haag noch gut.

Der Kriegsverbrecher habe sie jeweils äusserst hasserfüllt angestarrt. Doch nicht nur Blickkontakt hatte die 71-jährige Juristin in der Zeit von 1999 bis 2007 mit Massenmördern. Sie habe die Verhafteten immer persönlich getroffen und einigen von ihnen auch die Hand geschüttelt.

«Danach musste ich mir immer sofort die Hände gründlich waschen», sagte Carla del Ponte, «denn die Hände dieser Verbrecher trieften vor Blut.»

Handkuss des Präsidenten

Neben diesen eher belastenden Begegnungen mit Kriminellen erlebte Carla del Ponte auch viele schöne Momente während ihrer bewegten Karriere, die sie 1994 als Bundesanwältin nach Bern, danach nach Den Haag, später als Schweizer Botschafterin nach Argentinien und ganz zum Schluss nach Syrien führte.

«Der Handkuss vom damaligen französischen Präsidenten Chirac war einfach fantastisch», freute sich Carla del Ponte und erntete damit im proppenvollen Untergeschoss von Krebser Thun einige Lacher. «Die Mächtigen der Welt sind wie wir», meinte die ­bekannte Schweizer Juristin in ihrem Vortrag weiter.

In vielen Anekdoten führte sie die 250 Anwesenden charmant und humorvoll zu verschiedenen Stationen ihres Lebens.

Fehlender politischer Wille

Die vorerst letzte Station dieses Lebens war die Zeit von 2011 bis 2017, die del Ponte als UNO-Sonderberichterstatterin für Kriegsverbrechen in Syrien zubrachte. Sie habe während dieser Arbeit Unglaubliches sehen müssen, «das tut einem wirklich weh!».

Und trotz genauer Auflistung ­dieser Verbrechen habe man bis heute kein Tribunal für Syrien eingerichtet. «Internationale Justiz ist nur dann möglich, wenn der politische Wille da ist», sagte Carla del Ponte dazu. Da dies nicht der Fall war, «hatte unsere Kommission keinen Nutzen». Deshalb habe sie demissioniert und ein Buch geschrieben. «In diesem Buch steht die Wahrheit», betonte del Ponte.

Dass die Juristin ihr neustes Werk «Im Namen der Opfer» ­exklusiv in der Buchhandlung Krebser Thun vorgestellt hat, verdanken die Organisatoren langjährigen Kontakten. Durch die Zusammenarbeit mit dem Internationalen Alpensymposium und dessen Gründer Oliver Stoldt konnte der Kontakt zu Carla del Ponte hergestellt werden.

«Sie ist für mich eine der mutigsten Frauen der Welt», sagte Stoldt. Auch der Geschäftsführer der Krebser AG, Louis Krebser, war begeistert davon, dass Carla del Ponte eine ihrer voraussichtlich letzten öffentlichen Auftritte in Thun bestritt. «Es ist für uns eine grosse Ehre und wahnsinnig beeindruckend, eine solche Persönlichkeit treffen zu dürfen.»

Begegnungen mit Opfern

«Wie konnten Sie sich immer wieder für diese Arbeit motivieren?», das war die Frage, die den Anwesenden nach dem Vortrag unter den Nägeln brannte. Der Kampf für Gerechtigkeit gleiche nur einem Tropfen auf einen heissen Stein. «Manchmal war das schwierig», gab Carla del ­Ponte in der äusserst kurzen Fragerunde ehrlich Auskunft. Was sie immer zum Weitermachen angetrieben habe, seien die Treffen mit Opfern gewesen: «Wenn du diese Menschen triffst, spürst du ihre Leiden so stark, dass du danach einfach weitermachen musst.»

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