Bharatanatyam ­– Indiens Ballett

Thun

Bharatanatyam gilt als der Balletttanz Indiens. Meret vom «Pfeffer»-Team hat eine Lektion besucht – und spannende Einblicke in eine fremde Kultur erhalten.

Konzentriert: Die Tänzerinnen in Aktion.

Konzentriert: Die Tänzerinnen in Aktion.

(Bild: Meret Schmid)

Die Tanzlektion beginnt. Einzeln treten die Schülerinnen vor ihren Guru und begrüssen zuerst sie, dann das Publikum und danach die Götter Vishnu, Shiva und ­Devi. Gemeinsam starten sie mit stampfenden Grundschritten, welche mit eleganten Handbe­wegungen verziert werden. Wenn der Takt schneller und die Drehungen häufiger werden, nimmt der Guru die kleineren Kinder auf die Seite und lässt sie als Begleitung singen.

Wenn die älteren Mitglieder ihre Tanzsequenz beendet haben, gibt es eine Pause, in welcher der Guru den jüngeren Kindern neue Handzeichen beibringt. Die älteren Tänzerinnen kennen bereits alle. Ein zweiter Tanz folgt. Der Guru begleitet die Tanzenden jetzt mit Gesang. Je länger der Tanz dauert, umso mehr Kinder setzen auf Anweisung des Gurus aus. So können sie die Tanzeinheiten – die Adavu –, welche sie noch nicht kennen, schon einmal sehen, bevor sie sie selber lernen. Die kleineren Kinder gehen nach Hause, und die grösseren tanzen noch einen letzten Tanz.

Vier Tanzgruppen

Kennen gelernt haben sich die Mädchen in der Tamilischschule, gemeinsam besuchten sie von da an den Tanzunterricht. Ihre Gruppe besteht zwar nur aus Mädchen, es tanzen aber auch Männer Bharatanatyam. Unterteilt werden die Tanzenden nach Alter. So ergeben sich vier Gruppen, zwischen 4 und 24 Jahren.

Die älteste Gruppe tanzt nun schon über 6 Jahre zusammen. Ausgebildet werden die Mädchen von Mangalanayagi Vasanthakumar, welche die Tänzerinnen und Tänzer als Direktorin leitet. Sie tanzt seit frühester Kindheit und ist nun seit 25 Jahren Guru. Auch an einer Tanzschule in Luzern bildet sie seit 20 Jahren junge Tänzer aus.

Indiens ältester Tanz

Während der Tanzlektion wird Tamil gesprochen. Der Gesang ist zwar aus dem Sanskrit, er wird ­allerdings auf Tamil notiert. Die Kinder und Jugendlichen, welche sich einmal wöchentlich zum Tanzen treffen, haben alle Vor­fahren in Sri Lanka oder dem südindischen Tamil Nadu. Die Eltern der jungen Tänzer haben teil­weise ebenfalls Bharatanatyam gelernt, allerdings weniger aktiv.

Das Wort Bharatanatyam besteht aus verschiedenen Wort­elementen aus dem Sanskrit: «Bha» kommt vom Wort Bhava (Ausdruck), «ra» von Raga (Melodie), «ta» von Tala (Rhythmus) und «natyam» bedeutet Tanz. Es ist also eine Verbindung von Ausdruck, Melodie und Rhythmus.

Bharatanatyam ist der älteste Tanz Indiens und wird aufgrund seines kulturellen Wertes oft mit Ballett verglichen. Beide Tänze verlangen jahrelanges Training, und beide Tänze erzählen Geschichten. Beim Bharatanatyam sind die Erzählungen aber viel detaillierter.

Religion tänzerisch umsetzen

Ursprünglich wurde der Tanz dazu entwickelt, südindische re­ligiöse Ideen tänzerisch umzusetzen und hinduistische Mythen zu erzählen. Die wichtigsten Götter sind dabei Vishnu, Shiva und Devi. Früher hatte eine Solo­tänzerin zu karnatischer Musik in einem hinduistischen Tempel getanzt, bis 1892 unter der Kolonialmacht des British Empire die Antitanzbewegung von Missionaren begann.

Die Begründung: Die Tänzerinnen seien Unter­haltungsmädchen und keine richtigen Tänzerinnen. Als der Bharatanatyam 1910 komplett verboten wurde, rebellierte die Bevölkerung so stark, dass der Tanz daraufhin wieder akzeptiert wurde und seitdem auch überall getanzt werden kann.

Den Takt auf Holz schlagen

Typischerweise ist der Oberkörper während des Tanzes aufrecht, währenddessen die Beine gebeugt bleiben. Die Füsse sind barfuss, und die Tänzerinnen tragen einen farbigen Sari. Die Musik ist im karnatischen Stil, welcher vor allem in Südindien bekannt ist, und der Guru ist der Sänger.

Mangalanayagi Vasanthakumar, die in Thun lehrt, verzichtet beim Üben allerdings auf Begleitmusik und begnügt sich mit einem Holzstab, den sie im Takt auf den Boden schlägt.

Sprechen mit Hand und Fuss

Das Spannendste am Bharatanatyam sind die verschiedenen Arten, auf welche eine Botschaft vermittelt werden kann: Die klarsten Zeichen sind die Handzeichen – die Hastas –, welche zu Mudras werden, sobald sie etwas versinnbildlichen. Jedes Zeichen entspricht einem Wort. Zusammengehängt entstehen komplexe Sätze. Bei den Füssen funktioniert es ähnlich.

Es gibt ver­schiedene Fussstellungen, diese bezeichnet man als Mandalas. Durch verschiedenste Kombinationen von Mudras und Mandalas, aber auch unterschiedlichen Gesichtsausdrücken und Blicken kann ein Tänzer seinem Publikum eine unglaubliche Spannbreite an Eindrücken und Empfindungen anbieten. Meret Schmid (19) ist Gymnasiastin am Standort Thun Schadau. Ihre Hobbys sind Schwimmen, Handball und Lesen.

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