Brauchen Jugendliche noch Uhren?

Thun

Seit 1991 gibt es die Firma Haldimann Horology. Heute gehört Beat Haldimann zu den 20 bedeutendsten Uhrenmachern der Welt. Bereits mit 45 erhielt er den Prix Gaïa als Auszeichnung für sein Lebenswerk, der Preis, der in der Uhrmacherei als Nobelpreis gilt. Aber: Brauchts Uhren auch in Zukunft?

Der Thuner Uhrmacher Beat Haldimann.

Der Thuner Uhrmacher Beat Haldimann.

(Bild: PD/Lukas Lienhard)

Wie sah Ihr Werdegang aus? Von 1981 bis 1985 erarbeitete ich mir den Fähigkeitsausweis als Uhrmacher-Rhabilleur. Zuerst bei Paul Dällenbach in Uetendorf und danach im Zeitzentrum, der Uhrmacherschule in Grenchen, Solothurn. Zwischen 1990 und 1993 machte ich die Weiter­bildung zum eidg. dipl. Uhr­machermeister. Durch die Symbiosen zwischen Kunst und ­Technik sowie Geist und Hand entstand der Wunsch, selbstständig zu kreieren, und so wurde 1991 die Firma Haldimann Horology gegründet.

Werden Uhren üblicherweise mit H1, H2 und so weiter bezeichnet, oder beziehen Sie sich auf den Familiennamen? Nein. Das ist nur die Kaliberbezeichnung für das Uhrwerk, und die ist frei wählbar. Das H steht hier für Haldimann. Ich glaube, diese Idee wurde auch schon kopiert.

Sie haben verschieden Modelle, bei denen die Zeit nicht ablesbar ist. Was bewegte Sie dazu? Ich denke, genial ist etwas nicht, wenn man nichts mehr hineinstopfen, sondern wenn man nichts mehr wegnehmen kann. In der heutigen Zeit kommt die relative Zeit, also unsere Zeitwahrnehmung, gegenüber der linearen Zeitangabe oft zu kurz. Durch das Weglassen der Zeiger kann man sich Rückbesinnen auf die persönliche Zeit. Anstelle des vorrückenden Zeigers ist das Ticken der Uhr zu vernehmen. Das Ziel ist es, der Armbanduhr eine Stimme zu geben, so wie bei den alten Taschenuhren. Dieser fesselnde Klang erzählt von einer früheren Zeit und gibt der Uhr ein Herz. Die Zeit wird so abstrahiert wiedergegeben, denn Bewegung, Frequenz, ist Zeit. Wie ein Pendel, welches ständig hin und her schwingt.

Wie lange brauchen Sie für die Produktion einer Uhr? Das kostet mehrere Hundert Stunden. Wenn man bei uns eine Uhr kauft, zahlt man für den Wert der Handarbeit, nicht für Marketingausgaben.

Brauchen Jugendliche heutzutage noch Uhren, oder sind das nur noch Modeaccessoires? Ich denke, Uhren waren schon immer ein Schmuckstück. Besonders der Mann trägt häufig nur eine Armbanduhr. Und wenn das Handy keinen Akku mehr hat, ist es sicher gut, eine Armbanduhr bei sich zu haben.

Sind Uhren wie die Apple Watch eine Konkurrenz? Nein, ich finde nicht. Es ist sogar gut, gibt es sie. Denn so bringt man die jungen Menschen zurück zur Armbanduhr und zurück zu Sinnlichem.

Machen Sie noch Werbung? Nur noch sehr wenig. Einmal im Jahr gehen wir an die Baselworld-Messe, wir haben ein Firmenheft, und ab und zu gebe ich ein Interview. Das ist ja irgendwie auch Marketing.

Wie viele Uhren verkaufen Sie jährlich? Nicht sehr viele, nur ein paar Hände.

Wer kauft Ihre Uhren, und wie alt sind diese Abnehmer? Die Kunden kommen von überall, sind aber meistens älter als 35.

Wo befindet sich Ihr grösster Absatzmarkt? Wir haben Kunden aus China, Japan, Russland, den USA und aus der EU. Das ist stark abhängig von der politischen Situation. Da kann die Nachfrage von 0 auf 100 steigen.

Wieso produzieren Sie in Thun? Es gefällt mir hier. Die meisten Kunden kommen direkt zu uns, wenn sie eine Uhr kaufen möchten, und für die meisten ist Thun eine sehr idyllische Stadt. Ich bin ein Wahlthuner.

Interviewerin Meret Schmid (19) ist Gymnasiastin am Standort Thun Schadau. Ihre Hobbys sind Schwimmen, Handball und Lesen.

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