Das Internet nimmt, das Internet gibt

Das Internet hat Edi und Eva Geissler einen Teil ihres Geschäftsmodells ruiniert. Neue Geschäftsfelder erschliessen sie jetzt dank...dem Internet. Ironie des Schicksals?

Sie hatten die Idee für Coworking Steffisburg in der Alten Schmitte (v. l.): Phil Wenger, Eva und Edi Geissler.

(Bild: zvg / Phil Wenger)

Marco Zysset@zyssetli

Wenn ein Macbook neben einer Esse steht, die womöglich noch eingefeuert ist, steht dem Besitzer des Edelnotebooks aus Cupertino in der Regel für einen kurzen Moment das Herz still; vor dem inneren Auge sieht er den schweren Hammer des Schmieds runtersausen und das tausend Franken teure Stück in ebensoviele Teile zerspringen.

Nicht so in der Alten Schmitte am Zibelegässli in Steffisburg. Dort treffen rustikales Handwerk, modernste digitale Technologie und edles Design ohne Nebengeräusche aufeinander, im Gegenteil.

Kindheit in der Schmitte

Edi Geissler übernahm die Alte Schmitte im Jahr 2002, nachdem sie ein Jahr lang leer gestanden war. «Als ich den Raum das erste Mal betrat, war sofort klar: Da kann man was machen», erinnert er sich. «Vielleicht, weil ich in einer Schmitte aufgewachsen war.»

Anstatt zu schmieden, zügelte er seine Schuhmacherei in das Gebäude und richtete gleich noch einen Schuhladen ein. «Der Zeitpunkt war ideal, zwei Schuhgeschäfte im Oberdorf hatten kurz zuvor geschlossen.» Weil seine frühere Schuhmacherei mit ihrer Kaffeemaschine schon lange zu einem beliebten Treffpunkt avanciert war, kam zur Abrundung des Portfolios in der Alten Schmitte noch ein Bistro hinzu.

Raum für Neues

«Zehn Jahre lief es recht gut, auch mit dem Schuhladen», sagt Geissler. «Dann merkten wir, dass es schwieriger wird.» Immer mehr Leute kauften Schuhe im Internet und nicht mehr im Laden im Dorf; auch Versuche mit Westernboots oder Wanderschuhen im Sortiment waren nicht von Erfolg gekrönt.

Die Folge: Vor zwei Jahren wurde der Entscheid gefällt, den Schuhhandel aufzugeben: «Im Nachhinein das Beste, was wir machen konnten», sagt Geissler, und meint damit nicht nur den Umstand, dass er ein serbelndes Geschäftsfeld verlassen konnte. «Es entstand auch Raum für Neues», sagt er.

Im sprichwörtlichen Sinn bedeutet das, dass in den ­Regalen, in denen früher Schuhe standen, seit kurzem verschiedenste Personen ihre Produkte ausstellen und dafür den Schmitte-Betreibern eine kleine Miete bezahlen. «Denn das Internet kann keinen Showroom ersetzen, in dem man Produkte fühlen und riechen kann», sagt Eva Geissler, die die Idee einer Bekannten umsetzte, die leeren Regale mit den Produkten anderer zu füllen.

Fotograf mit zündender Idee

Das andere neue Geschäftsfeld ist das Coworking in der Alten Schmitte. «Phil Wenger, ein Fotograf, der im Haus wohnt und immer wieder bei uns den Laptop zum Arbeiten aufschlug, brachte uns auf die Idee», sagt Edi Geissler. Nach einem Besuch im «Effinger – Kaffeebar & Coworking Space» in Bern war klar: Das ist das Richtige. «Vor allem, weil sich der technische und infrastruk­turelle Aufwand in Grenzen hält», sagt Edi Geissler.

Die Website setzte ein Fachmann auf, der als Gegenleistung bis Ende Jahr die Infrastruktur in der Alten Schmitte gratis nutzen darf – und schon bald fingen die ersten digitalen Nomaden an, regelmässig halt in der Schmitte zu machen. «Ich stelle fest, dass nicht nur ich den Austausch unter den Menschen schätze», sagt Geissler und schwärmt begeistert davon, wie innert kürzester Zeit schon Neues entstanden sei.

Neue Ideen entstehen

Zuletzt war es eine Tavolata: Einer der Männer, die neuerdings am Zibelegässli ihr Notebook aufklappen, ist begeisterter Hobbykoch. Er bekochte eine Gesellschaft mit einem Chili, zuberei­tet auf dem Feuer in der alten ­Esse. «Gut möglich, dass wir das künftig öfter anbieten», sagt Edi Geissler.

«Unter den Coworkern herrscht ein ungezwungener Austausch. Es treffen sich Illustratorin, Filmer, Webmaster, Schreiber einer Masterarbeit oder ein Aussendienstler, um an einem offenen Platz zu arbeiten. Das ist spannend und befruchtend.»

Noch können Regalvermietung und Coworking-Space die fehlenden Erträge aus dem weggefallenen Schuhladen nicht kompensieren, sagt Edi Geissler. «Aber in Anbetracht dessen, dass die Schuhmacherei seit eh und je das wichtigste wirtschaftliche Standbein für uns ist, haben wir noch Zeit.»

Er bleibe auf jeden Fall zuversichtlich. Anders als sein Vater: Der habe schon in den 1970er-Jahren im Angesicht von Öl- und anderen Krisen Befürchtungen geäussert, dass es kaum mehr lange weitergehen könne; ähnlich denken heute viele. «Und trotzdem gibt es uns noch», sagt Edi Geissler.

www.coworking-steffisburg.ch

Thuner Tagblatt

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