Der Anti-Diktator als Triumphator

Thun

Für Schweizer Meister Wacker Thun ist Coach Martin Rubin mehr als bloss der Kerl an der Seitenlinie. Wir küren den hervorragenden Repräsentanten Thuns zum Kopf des Jahres 2018.

Feuchtfröhliche Feier auf dem Thuner Rathausplatz: Martin Rubin wird mit dem Meisterpokal geschultert.

Feuchtfröhliche Feier auf dem Thuner Rathausplatz: Martin Rubin wird mit dem Meisterpokal geschultert.

(Bild: Patric Spahni)

Adrian Horn

Mannschaftssport ist ja schampar kompliziert geworden. Es gibt nun Konzepttrainer und Laptoptrainer, Mentalcoachs und Ernährungscoachs, die falsche Neun und die schnelle Mitte, und wenn Leute wie Pep Guardiola über das Spiel ihres Teams reden, hört sich das mitunter an wie eine Buchbesprechung im Feuilleton. Bei Wacker Thun steht Martin Rubin an der Seitenlinie; der nennt sich Tinu und sagt: «Mir bruchä ä guätä Goalie, ä guäti Deckig, es paar, wo spinnä, u de chunnts guet.»

Der 54-Jährige macht die Dinge nicht komplizierter, als sie sind. Weil er sich nicht zu wichtig nimmt. In seinen Augen ist er bloss der Trainer und damit der Typ, der die Voraussetzungen und nicht die Differenz schafft. Brillieren sollen die Akteure. Anders als etliche Berufskollegen ist der Familienvater kein Kontrollfreak. Rubin überträgt Verantwortung. Unter ihm ist der Assistenzcoach nicht bloss dazu da, Hütchen auszustecken und Überziehleibchen zu verteilen. Routinierte Spieler haben teilweise ein Mitspracherecht in Bezug auf ihre Einsatzzeiten. Und wenn sein Vertrag ausläuft, pflegt der Trainer die Eckpfeiler zu fragen, ob sie mit ihm weiterarbeiten möchten oder eine Trennung für sinnvoll hielten. Er kriegt ehrliche Antworten – weil die Beziehungen mit ihm auf Offenheit basieren.

Mister Authentizität

Im Nachgang zu den Partien mischt sich Rubin unter die Zuschauer, er trägt dabei Jeans und Kapuzenpulli, unterhält sich mit jedem, der sich austauschen möchte. Auch weil er weiss, dass dies dazugehört. Vor allen Dingen aber weil er es gerne tut. Der Sportlehrer ist ein geselliger Mensch, gewiss kein Lautsprecher zwar, aber jemand, der sich im Beisein weiterer Leute wohlfühlt. Andere Coachs verabschieden sich bei derlei Gelegenheiten durch die Hintertür und verweisen auf die bevorstehende Begegnung, die es vorzubereiten gelte. Rubin bleibt jeweils noch ein bisschen und schämt sich für das Bier, das er in der Hand hält, genauso wenig wie dafür, dass Wein im offiziellen Steckbrief als sein Hobby bezeichnet wird. Der Mann mit der tiefen Stimme und dem hohen Authentizitätsgrad betrachtet die Dinge erfrischend unverkrampft, ist überdies selbst während Höhenflügen bodenständig. Mit all seinen Attributen ist er ein hervorragender Repräsentant von Club und Stadt. Wir küren ihn auch deswegen zum Kopf des Jahres 2018.

Rubin, geboren in Thun, aufgewachsen in Spiez, wohnhaft in Thierachern, hat bei Wacker ein Klima geschaffen, in dem Sport auch auf Spitzenebene ist, was er sein sollte: etwas, das man ganz einfach gerne tut. Anders als beim Gros der Konkurrenz verpflichten sich Schweizer Akteure im Oberland bis über das 30. Altersjahr hinaus, trotz vorzüglicher privater und beruflicher Perspektiven. Und Teambetreuer André Taubenheim sagte einst, er sei vorab «wägm Tinu» noch immer dabei.

Im Frühsommer führte der ehemalige Weltklasse-Linkshänder Wacker zum zweiten Meistertitel, obwohl Verstärkung aus dem Ausland fehlte. Die Thuner verloren Match 1 des Playoff-Finals unglücklich, sie entschieden den zweiten Vergleich knapp für sich, deklassierten Pfadi in der dritten Begegnung und siegten im vierten Kräftemessen mit den Winterthurern durch ein Tor in der Schlusssekunde, nachdem sie bereits zu Qualifikations- sowie zu Finalrundenende vorne gestanden waren und Viertel- wie Halbfinal mit 3:0 Erfolgen gewonnen hatten. «Die zentrale Figur steht neben dem Feld» lautete der Titel des Kommentars dieser Zeitung. Zur Halbzeit der neuen Saison belegen die Oberländer Rang 3, jüngst qualifizierten sie sich für den Cupfinal. Sie sind unverändert ein Spitzenclub, vermochten die gewichtigen Abgänge genauso zu kompensieren wie das Verletzungspech, das sie verzeichneten.

Das Lebenswerk

Bei sportartenübergreifenden Wahlen nationalen Ausmasses wird Rubin oft nicht berücksichtigt. Paradoxerweise ist dies vor allen Dingen seine Schuld. Längst gilt ein Titelgewinn Wackers nicht mehr als Sensation. Das ist primär das Verdienst des Coachs, der aus Nobodys Nationalspieler formte. Unsere Wahl – sie ist auch Anerkennung eines Lebenswerks.

Thuner Tagblatt

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt