Die Kettenfähre kommt – vielleicht schon nächstes Jahr

Thun

Nach beinahe 20 Jahren Planung ist die Realisierung der Aarequerung Scherzligen in Thun bereits für nächstes Jahr geplant.

So könnte der Kettenfährenbetrieb dereinst aussehen.

So könnte der Kettenfährenbetrieb dereinst aussehen.

(Bild: Visualisierung: PD)

Im Saal der Hotelfachschule Thun präsentierte der Initiant Peter Dütschler, FDP-Grossrat und Präsident des Vereins Panorama-Rundweg Thunersee, am Mittwochabend rund 70 Interessierten ein realisierbares Projekt Kettenfähre für die Querung Scherzligen. Nachdem von keinem der 16 Ämter auf die Bewilligungsvoranfragen als Antwort ein Nein gekommen sei, habe die Arbeitsgruppe die Realisation intensiv vorangetrieben, äusserte er sich.

Grössere Hürden seien die Thunersee-Schifffahrt und die Seefischerei gewesen. Erstaunlicherweise habe man sich schnell einigen können. Dass es seit Jahren keinen regelmässigen Fährbetrieb gebe, sei ein unhaltbarer Zustand. Der Umweg via Bahnhof Thun von 30 Minuten könnte mit einer Fähre umgangen werden, die Querung Scherzligen würde noch 3 Minuten dauern, so Dütschler.

Setzen sich für die Fähre ein (v.l.): Konrad Hädener, Peter Dütschler, Theodor Schmidt, Franz Rüegg, und Adrian Christen. Bild: Verena Holzer

Nachdem im Rahmen der Gesamtverkehrsstudie der Agglomeration Thun bereits anno 2000 die Aarequerung ein Thema gewesen war, gründeten Peter Dütschler, Melchior Buchs und Michael Dähler 2009 eine Arbeitsgruppe. Danach schlief das Projekt etwas ein, wurde jedoch 2016 von einer Arbeitsgruppe des Verkehrs-Clubs der Schweiz wieder aufgenommen, und 2017 nahm das aktuelle Team mit Peter Dütschler, Adrian Christen, Franz Rüegg und Theo Schmidt die Fäden in die Hand.

Varianten geprüft

Von der Stadt Thun seien verschiedene Möglichkeiten der Aarequerung geprüft worden, erklärte der für Bau und Liegenschaften zuständige Thuner Gemeinderat Konrad Hädener (CVP). So habe man eine Querung Bächimatt–Kohlenweiher, einen Fährbetrieb mit der Infrastruktur des heutigen privaten Fährbetriebs von Lucie Schröder oder auch Brückenvarianten ins Auge gefasst. «Das Projekt Kettenfähre ist mir jedoch sympathisch, und wir befassen uns nun mit den Abklärungen zur Betriebsbewilligung.»

«Schulen, Bahnhof, Arbeitsplätze sowie sportliche wie auch kulturelle Anlässe können direkterreicht werden.»Franz Rüegg, FDP-Gemeinderat Hilterfingen und Mitglied der Arbeitsgruppe

Franz Rüegg, Gemeinderat in Hilterfingen (FDP), hat nach der Erfindung der mobilen Brücke Mobri2 auch die Kettenfähre mitentwickelt. Die Gemeinde Hilterfingen habe bereits vor Jahren ein Vorprojekt mitfinanziert und damit das Interesse an einer Aarequerung bekundet, erklärte er. Eine solche sei ein Bedürfnis, und eine Kettenfähre nahe Seeauslauf wäre optimal. «Schulen, Bahnhof, Arbeitsplätze sowie sportliche wie auch kulturelle Anlässe können direkt erreicht werden», sagte er. Es würde zudem die überlastete Hofstettenstrasse entlastet. Als langjähriger Befürworter der Mobri, welche er 1994 vorgestellt habe, sei aber das Projekt bei ihm immer noch präsent.

Eine Weltneuheit

Nachdem sich der Bau einer Brücke als kaum bewilligungsfähig erwiesen hatte, wurde für das Team klar, dass nur etwas Automatisches infrage kommt. «Die Kettenfähre ist für uns eine Herzensangelegenheit», betonte Peter Dütschler. Die Kettenfähre ist computergesteuert und kann eigenständig anlegen und muss dort auch nicht befestigt werden. Sie wird elektrisch betrieben und erzeugt keine Abgase. Die Batterie wird mittels Solarpanels auf dem Dach der Fähre aufgeladen.

Eingerichtet für den nicht motorisierten Verkehr bietet sie Platz für 12 Personen und kann ohne Probleme mit Rollator, Rollstuhl und Kindewagen benützt werden. Der Fahrgast ruft die Fähre bei der Anlegestelle und wird abgeholt. Natürlich gibt es auch eine Stopptaste bei einem Notfall oder um Hilfe zu holen. In der Schweiz ist die Kettenfähre einzigartig und könnte nach einer gewissen Zeit wie ein Lift und ohne Fährpersonal funktionieren – das wäre eine Weltneuheit. Analog der Hängebrücke will Peter Dütschler auch hier Rangers einsetzen.

«In den ersten Jahren ist  Fährpersonal ein Muss.»Peter Dütschler, FDP-Grossrat und Initiant des Projekts, über die Fähre, die dereinst automatisiert werden könnte.

«In den ersten Jahren ist Fährpersonal ein Muss. Auch falls der Betrieb automatisiert wird, wären Rangers ein tolles Aushängeschild für den Tourismus», so Dütschler. Er habe so viele gute Begegnungen bei der Hängebrücke erlebt, dass er nicht auf diese Unterstützung verzichten möchte. Einerseits seien die Rangers prädestiniert, die Touristen über Events und Sehenswürdigkeiten zu informieren. Andererseits seien sie, wie an der Brücke bewiesen worden sei, eine willkommene Hilfe für ängstliche Fahrgäste.

Einweihung nächstes Jahr

Für das Team beginnt nun der intensive Austausch mit der Berufsschifffahrt, welche immer Vorfahrt hat. Dies soll, wie in der Fliegerei, mittels Transpondertechnik gelöst werden. Nach Abklärung der Kostengutsprache wird die Ausarbeitung des Bauprojekts in Angriff genommen. 2020 soll das Baugesuch eingereicht und danach die Detailplanung erarbeitet und die Finanzierung sichergestellt werden. Ob die Fähre jemals kostendeckend sein wird, hängt von den Betriebszeiten ab und davon, ob die Benutzung kostenlos ist oder nicht. Vorerst müssen noch Testfahrten durchgeführt werden. Wenn aber alles optimal läuft, wird die Kettenfähre schon im nächsten Jahr eingeweiht.

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