«Die Pantomime hat mich befreit»

Thun

Der in Thun wohnhafte Pantomime Christoph Staerkle veröffentlicht seine Autobiografie. Damit möchte er Mitglieder der hörenden Gesellschaft in seine stille, aber keinesfalls einsame Welt entführen.

Pantomime Christoph Staerkle in Thun, wo er mit seiner Familie wohnt, stellt am 26. Oktober sein Buch vor.

Pantomime Christoph Staerkle in Thun, wo er mit seiner Familie wohnt, stellt am 26. Oktober sein Buch vor.

(Bild: Damaris Oesch)

Die Blätter rascheln unter meinen Füssen. Meine Freundin schwärmt von ihrer neuen Wohnung; kurz darauf untermalen Violinklänge die herbstliche Szenerie. Christoph Staerkle erlebt den Herbst anders. Nie hat er ­raschelnde Blätter gehört, die Stimme seiner Frau ist lediglich ein Produkt seiner eigenen Fantasie, und Musik ist ein Bereich des Lebens, den er nie ganz auskosten können wird.

Der bestens bekannte Pantomime ist seit seiner Geburt gehörlos. «Ich lebe wie in einem nie endenden Stummfilm», beschreibt Christoph Staerkle seine Welt. Um diese Welt Aussenstehenden näherzubringen, hat er ein Buch verfasst. Bereits vor 30 Jahren hat der heute 66-Jährige den Wunsch gehegt, einmal ein Werk über sein Leben herauszubringen.

Jetzt ist die Zeit endlich reif: Am 26. Oktober erscheint «Mein Leben als Mime» im Orell-Füssli-Verlag. «Ich möchte Hörende mit Nicht-Hörenden verbinden», sagt der in Thun wohnhafte Christoph Staerkle über sein Werk, das die Co-Autorin ­Johanna Krapf aufgezeichnet hat.

Geschichten aus dem Leben

Im Buch findet sich ein bunter Strauss voller Erinnerungen, schöne und schmerzhafte. Von den Schlägen in der Schule bis zur Spritzfahrt im Auto ist alles dabei. Die Lebenserinnerungen des Pantomimen, dargestellt anhand vieler kurzer Szenen und Geschichten aus der Biografie Staerkles, sind kunstvoll verknüpft mit der Geschichte der Gehörlosen und den Hörbehinderten in der Schweiz und der Entwicklung der Gebärdensprache. So nimmt der Text die Leserinnen und Leser an die Hand und führt sie ein in das Leben in der anderen, stillen Welt.

Vom Hobby zum Beruf

«Ich musste alles selber anpacken», beschreibt Christoph Staerkle die ersten Jahre in dieser ruhigen Welt, «niemand half mir.» Mitten in seiner von Ausgrenzung und Diskriminierung geprägten Schulzeit (vgl. Kasten) entdeckte der damals 14-Jährige Faszinierendes: Die Pantomime.

Die Vorstellung eines Kleintheaters fesselte ihn, und er stellte erstaunt fest: «Hier war ich richtig. Hier musste ich mich nicht anstrengen, um zu verstehen, musste mich nicht anpassen. Denn die Pantomime bedient sich der Körpersprache, und die Körpersprache ist meine Sprache.»

Pantomimisches Theater hatte für Christoph Staerkle deshalb immer schon eine wichtige Bedeutung: «Die Pantomime hat mich befreit», erzählt er, «das ist das grösste Glück, das ich erleben durfte.»

Positive Lebenseinstellung

«Könnte ich hören, wäre ich nicht Pantomime», gibt Staerkle zu bedenken. Musiker wäre er dann vielleicht. Über solche Szenarien denkt er aber sowieso selten nach. Christoph Staerkle ist völlig zufrieden mit seinem Leben, sein Nicht-hören-Können hat er akzeptiert: «Ich bin taub, na und?», reagiert er rhetorisch.

Das sei ein Teil seiner Persönlichkeit, aber längst nicht der wichtigste Bestandteil davon, erklärt der Autoliebhaber. Immer habe er in der Gegenwart gelebt und positiv gedacht, sagt er und deutet auf seinen Kopf. Dort beginnt ­ alles. «Man muss das nutzen, was man hat», sagt er dann.

Kommunikation 2.0

In der Welt der Nicht-Hörenden wird auch viel kommuniziert – nur auf eine andere Art. «Sprache ist nicht alles», sagt der 66-Jährige. Man dürfe bei der Kommunikation die restlichen vier Sinne nicht ausser Acht lassen. «Mit meinen Augen kann ich nicht nur sehen, sondern sie sind auch meine Fühler, und sie ersetzen mein Gehör», sagt Christoph Staerkle.

Der humorvolle Gartenliebhaber erkennt die Angst im Blick seines Gegenübers; er nimmt kleinste Bewegungen wahr. Auch kann er dank seiner geschärften Wahrnehmung eine Situation oder Person deshalb oft besser einschätzen als manch hörende Person.

Keine Hemmungen

Bis heute ist Christoph Staerkle manchmal enttäuscht und verletzt, wenn er sieht, dass die Welt immer noch auf Hörende ausgerichtet ist. Klar, viel habe sich verändert seit seiner Kindheit, trotzdem «sind wir teilweise noch immer auf dem Abstellgleis.»

Der Pantomime wünscht sich mehr Austausch zwischen den beiden Welten. Hemmungen oder die Angst vor Missverständnissen solle doch niemanden abhalten, mit ihm in Kontakt zu treten. «Habt Verständnis für die Nicht-Hörenden und seid offen», appelliert Christoph Staerkle an seine hörenden Mitmenschen.

«Wenn man einige einfache Grundsätze wie das Anschauen beim Sprechen oder ausgeprägtere Mimik und Gestik beachtet», sagt er, «steht einem gewinnbringenden Austausch nichts mehr im Weg.»

Am 26. Oktober findet um 20 Uhr die Buchvernissage bei Orell Füssli im Bälliz statt. Hansueli von Allmen moderiert den Abend, der neben der Lesung auch einige pantomimische Darbietungen ­beinhalten wird. Die Veranstaltung wird simultan in Gebärdensprache übersetzt.

Thuner Tagblatt

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