«Die zwei Meter zum Mülleimer sind vielen Leuten zu weit»

Wenn gegen 5 Uhr früh am Samstagmorgen die letzten Feierfreudigen vom Thunfest nach Hause taumeln, sind Urs Fahrni und seine Truppe schon unterwegs, um die Stadt auf Vordermann zu bringen.

Der Einsatz muss geplant sein: Vorarbeiter und Chef Urs Fahrni zeigt seinen Mitarbeitern, wo ihr nächster Einsatzort ist. Damit alles fair bleibt, rotiert Fahrni die Besetzung jedes Postens wöchentlich.

Der Einsatz muss geplant sein: Vorarbeiter und Chef Urs Fahrni zeigt seinen Mitarbeitern, wo ihr nächster Einsatzort ist. Damit alles fair bleibt, rotiert Fahrni die Besetzung jedes Postens wöchentlich.

(Bild: Simon Boschi)

Samstagmorgen 3.30 Uhr, Startpunkte Bahnhof Thun, Allmend-Unterführung, Maulbeerkreisel und Bälliz: Die vier Einsatztruppen unter der Leitung von Urs Fahrni (43), Vorarbeiter Strassenreinigung der Stadt Thun, beginnen mit den Aufräumarbeiten nach der ersten Thunfest-Nacht. Mit jeweils drei Mann pro Gruppe und ausgerüstet mit Maschinen, beseitigen sie die Spuren der vergangenen Nacht.

Mit Akkubläsern wird der Müll unter Bänken, Stühlen und aus engen Passagen hervorgeblasen, sodass die Trottoir-Kehrmaschinen im Vorbeifahren allen Abfall einsaugen können. «In der Oberen Hauptgasse waschen wir zusätzlich die Fussgängerzone und die Treppen mit Wasser runter – Erbrochenes und andere Exkremente lassen sich so am besten beseitigen», erklärt Fahrni. «Die zwei Meter zum Mülleimer sind vielen Leuten zu weit – vor allem auf dem Mühleplatz.»

Jedes Wochenende unterwegs

Seit zwanzig Jahren arbeitet er bei der Stadt Thun und weiss mittlerweile, was am Thunfest-Wochenende abgeht. «Die Verwüstung am Samstagmorgen beträgt nur etwa 40 Prozent des Ausmasses, welches wir am Sonntagmorgen antreffen. Viele Leute müssen samstags noch arbeiten, weshalb in der Nacht von Samstag auf Sonntag jedes Jahr massiv mehr Abfall liegen bleibt.» Was viele Leute jedoch nicht wissen, ist, dass an jedem Wochenende – Samstag und Sonntag – morgens früh die ganze Innenstadt geputzt wird. «Anstelle von vierzehn Mann sind wir an normalen Wochenenden aber nur zu viert unterwegs.»

Magische Trinkgrenze

Fahrni teilt die Gruppen ein, plant die Einsatzzeiten und legt die Startpunkte fest. Diese sind aber nicht zufällig so festgelegt: «Bei der Allmend-Unterführung zum Beispiel gibt es immer einen letzten grossen Müllhaufen – die Festbesucher nehmen ihr letztes Bier mit auf den Nachhauseweg, doch gleich wie am Aarequai kurz nach dem Thunerhof scheint es dort eine magische Grenze zu geben, wo die Leute endgültig genug getrunken haben.» Doch dieses Phänomen zeigt sich nicht nur am Thunfest, sondern an jedem Wochenende. Das Putzen läuft aber auch deshalb so gut, weil Standbetreiber und Barkeeper selbst auch mit anpacken.

Marco Ramseier, Besitzer der Chillounge in Thun, sieht es als Ehrensache, mitzuhelfen: «Wir wollen am Samstagmorgen den Leuten, die nicht am Thunfest waren, die gewohnt ­gute Atmosphäre sowie guten Service bieten, weshalb es definitiv in unserem Interesse ist, den Mühleplatz aufzuräumen und den Geruch von Alkohol wegzuwaschen.»

So ist denn auch um 6.15 Uhr die Altstadt sauber und der Mühleplatz gereinigt. Nach einer kurzen Kaffeepause gehts für die Truppe weiter zu den Parkanlagen Thuns, bis gegen 9 Uhr alles erledigt ist. Doch während für die Besucher das Thunfest am Sonntag zu Ende ist, sind Fahrni und seine Männer noch bis mindestens Dienstag mit Reinigungsarbeiten beschäftigt: Unter anderem werde zum Beispiel die Obere Hauptgasse komplett gereinigt, und die Gehäuse aller Mülleimer müssten geputzt werden.

Mitarbeiter Markus Oesch (47) und Peter Buensoz (62) sind sich aber einig: «Lieber putzen wir hundertmal nach dem Thunfest als einmal nach der Fasnacht», sagt Oesch. «Das Konfetti ist ein Albtraum – vor dem Putzen sieht es praktisch gleich aus wie danach», ergänzt Buensoz.

Berner Zeitung

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