«Du bisch da bi üs!»

Thun

Der letzte Woche überraschend verstorbene Beat «Pädu» Anliker ist am Dienstagabend von der Stadt mit dem Thunpreis für seine besonderen Verdienste ausgezeichnet worden.

Die Thunpreis-Ehrung von Pädu Anliker war stimmungsvoll und voller Anekdoten. Video: Martin Bürki

Ein bisschen stiller, eine Spur langsamer bewegten sich die geladenen Gäste an diesem Abend in den Rathaussaal. Angehörige wie gute Freunde aus der Kultszene hätten gerne Pädu Anliker als Preisträger gefeiert. Es war der Wunsch der Familie, die Preisverleihung trotz allem in Gedenken an den Verstorbenen zu zelebrieren. Mit einem anfänglich leisen Musikstück, das an Tempo und Lautstärke gewann und sich ins Rockige steigerte, begleitete das Colin Vallon Trio die Gedanken der Anwesenden, die sich um den drehten, der ­fehlte.

Stadtpräsident Raphael Lanz drückte der Familie sein tiefes Mitgefühl aus. Er sei sehr bestürzt über den Tod von Pädu Anliker. Man sei unsicher gewesen, ob Pädu den Preis überhaupt annehme, doch er habe auf die Eröffnung reagiert mit: «I nime dä!» Voller Respekt sprach Lanz über den Preisträger: «Er war der oberste Jugendarbeiter und hat viel Liebe für die Stadt Thun gehabt!» Er hoffe, so der Stadt­präsident weiter, sein Geist lebe im Mokka weiter: «Merci, keep on rocking, Pädu ­Anliker.»

Alle sind sie gekommen

Mit Blick auf das kraftvolle Ölgemälde vor sich, das Michael Streun 2007 von Pädu gemalt hat, lauschten die Trauernden im Anschluss der sonoren Stimme von Pedro Lenz: «Liebe Pädu, liebe MC, hesch gseh, es si aui do, es si aui cho . . . i weiss, dass de jetzt grad – gärn bi nis wärsch . . .» begann Lenz seine Trauerrede. Der Geehrte wählte als Laudator den Schriftsteller aus, mit dem er eng befreundet war.

Traurige und tröstliche Worte fand Lenz, dem sein eigener Kummer um den Verlust seines Freundes deutlich anzumerken war. «Drum wott i unbedingt gloube, dass du jetzt im Himu bisch und mit em ne wüssende Lächle zue nis abeluegsch . . .» Die bleierne Schwere löste sich in tröstliches Lachen auf, als der Laudator, der zum Trauerredner werden musste, Pädu beschrieb, der eigentlich in der ersten Reihe hätte sitzen müssen: «mit au dine Fingerringe, mit au dine Haus­chöttine, mit dine glänzige Chleider . . .».

Auch Lenz’ Schilderung über den streitbaren Geist Pädu zaubert so manches Lächeln in die Gesichter der Familie und Freunde: «Du hesch di Jungen erzoge, und wenns di nötig het dünkt, hesch ou di Auten erzoge: ‹Tüet d Füess ab däm Sofa, das isch ke Fuessmatte! Tüet doch afe mou di blöde unpersönleche Smartphones wägg, das isch kes Mediezäntrum, das isch e Garderobe, do wird zäme gredt!›»

Mit den Worten: «Du hesch de Kulturpriis fescht verdient. Du bisch einzigartig, du bisch grossartig, du bisch für immer, du bisch do bi üs!» schloss Pedro Lenz seine berührende Ansprache. Bevor sich Sven Regener von der Band «Element of Crime» zum Rednerpult begab, liess das Colin Vallon Trio die intensiven Worte von Lenz musikalisch getragen mit einem Stück nachklingen, das unter die Haut ging.

Exzentrisch wie Anliker

«Wir waren jung, wild und nicht populär», erinnerte sich der Bandleader Sven Regener in blütenreinem Hochdeutsch. Die Preisverleihung sei exzentrisch und passe gut zu Beat Anliker, denn der sei ja auch ein Exzentriker gewesen. Im Jahr 1987, so der Musiker und Autor, sei es gewesen, als er Anliker kennen lernte. Kurz bevor sie in Thun aufschlugen, habe sich ihr Agent aus dem Staub gemacht, um Busfahrer bei den Toten Hosen zu werden. Als noch junge Band habe man auf Tour immer wieder Ärger mit der Unterbringung, dem Catering und der Bezahlung der Gage gehabt. Irgendwas sei da immer schiefgegangen. Das regelte dann der Agent.

«Nun im Mokka musste ich in die Bresche springen. Vor mir stand eine Version von Robert Smith, nur geschminkter» (Anm. der Redaktion: Robert Smith, schillernde Persönlichkeit der Gruppe The ­Cure), erzählte der Musiker lächelnd. Er habe allen Mut zusammengenommen und Beat Anliker vage gefragt: «Wie machen wir das denn nun?» Und Mister Mokka antwortete: «Cool!» Es habe alles wie am Schnürchen geklappt.

«Er führte uns in der Nacht in ein sündhaft luxuriöses Hotel und wies noch darauf hin, dass wir nicht vergessen dürfen, das Mückengerät einzustecken – was wir vergassen.» Am nächsten Morgen sei die Band völlig zerstochen aufgewacht. «Das war das letzte Mal, dass ich nicht auf Anliker gehört habe», beendete Sven Regener seine warmherzige Rede.

Das Musikstück als Abschluss des offiziellen Teils steigerte sich zu einer Lautstärke, als ob sich die Musiker bis in den Himmel Gehör verschaffen wollten – und hörte abrupt auf.

Trauerfeier:Die öffentliche Trauerfeier für Pädu Anliker findet am 10. November um 14 Uhr in der Stadtkirche Thun statt.

Hier finden Sie die Laudation von Sven Regener zum Download (pdf-Datei).

Thuner Tagblatt

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