Ein Abschiedsessen, das keines hätte sein dürfen

Thun

Am vergangenen Dienstag ist Pädu Anliker völlig unerwartet verstorben. Noch eine Woche vor seinem Tod hatte der Mokka-Chef sechs Mitarbeiter dieser Zeitung zum Essen eingeladen. Und mit ihnen über Gott und die Welt philosophiert.

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«Essen ist eine internationale Sprache!» Wenn Pädu Anliker über das Zubereiten von Speisen und den kulinarischen Genuss sprach, war er in seinem Element. Nichts verabscheute der Master of Ceremonies mehr als den lieblosen Umgang mit Nahrungsmitteln. Dies war auch der Grund, weshalb er begann, die Musiker, die in seinem Lokal auftraten, persönlich zu bekochen.

Rund eine Woche vor seinem überraschenden Tod kamen auch sechs Mitarbeiter dieser Zeitung in den Genuss von Anlikers Kochkünsten und seiner legendären Gastfreundschaft. Der Artikel, der daraus entstanden ist, hätte eine Einstimmung auf die bevorstehende Verleihung des Thunpreises sein sollen.

Jetzt ist er ein Nachruf auf einen Menschen mit unglaublich vielen Facetten, der viel zu früh gegangen ist.Wir haben uns dafür entschieden, den Artikel an dieser Stelle zu publizieren, weil er Pädu Anliker und den Mokka-Kosmos wunderbar wiedergibt. Und weil wir überzeugt sind, dass er auch dem Master of Ceremonies gefallen hätte...

Dort fliegt eine Möwe, da brütet ein Flamingo, hier grinst ein Plastikschwein. Es funkelt wie an Weihnachten, und der ganze Bühnenraum strahlt wie ein explodiertes Poesie­album.

«Es hat noch nie Sinn gemacht, schlecht zu kochen!»Pädu Anliker

Ein Duft von schmurgelndem Knoblauch durchzieht die Räume und verspricht ein schmackhaftes Mahl. Pädu Anliker taucht hinterm Tresen auf und wirkt etwas grantig. Er habe gerade ein Gestürm mit der Bürokratie gehabt, lässt er wissen und macht aus seinem Herzen keine Mördergrube.

Der Gastgeber geleitet die schreibende und fotografierende Zunft in die heiligen Hallen – ins Speisezimmer im oberen Stockwerk. Barbie und Ken winken, unzählige Band­aufkleber zieren die Wände, dort eine Gitarre, hier ein Akkordeon und nebenan eine Heiligenstatue.

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«Ich reisse ab und zu ein paar Aufkleber wieder ab. Denn es kann ja nicht sein, dass sich hier ’ne schlechte Band verewigt», erklärt der Zeremonienmeister und bittet zu Tisch. Der Kandelaber auf der blumig-bunten Tischdecke wird von zwei Elefanten flankiert und besitzt eine Computermaus samt Kabel. Unweigerlich klickt jemand drauf. Könnte ja sein, dass dann die Kerzen ausgehen. Tun sie aber nicht.

Die Teller zieren je ein Marshmallow und ein Tattoo zum Abwaschen. «Kultur ist ein dünner Lack, der sich mit Al­kohol leicht auflöst», steht an der Wand. «Getränke stehen im Kühlschrank, Gläser daneben», fordert MC Pädu auf. Biere in ­Bügelflaschen werden verteilt, Anliker himself bevorzugt flüssige Negroamaro-Reben.

Die Esskultur nimmt aber keinen Schaden, denn mit Schwung serviert der Gastgeber den Salat in einer grossen Schüssel. Was zunächst wie ein gewöhnlicher Mischsalat mit französischem Dressing aussieht, entpuppt sich bald als Geschmackserlebnis. Das Rätsel­raten der Redaktionstruppe beginnt: «Was hast du denn da alles drin?», fragt Franziska Streun genüsslich kauend.

Gabriel Berger entdeckt Granatapfel, Barbara Schluchter will Schokolade ­gesichtet haben, Stefan Geissbühler schmeckt Bergkäse, und Fotograf Markus Hubacher ruft: «Ingwer, ist da Ingwer drin?» Anliker verzieht das Gesicht: «Nein, Ingwer ist Scheisse. Was da so ­intensiv schmeckt, sind Rucola und Sellerie!»

Die Verfasserin dieser Zeilen legt die Gabel weg und schreibt fleissig mit. «Und das Dressing?», will sie wissen. «Minze, Schnittlauch, Kräuteressig, Sonnenblumenöl, Senf, Rahm, Curry, Paprika scharf und Fenchel», zählt der Gründesigner auf.

Das Tischgespräch badet in Erinnerungen. Hach ja, der Jugendclub damals Mitte der 80er... «Ich war einfach immer da, dann haben wir beschlossen, den Club zu renovieren. Aber man weiss ja, wie so was abläuft. Da werden ein paar Eimer Farbe gekauft, und am nächsten Tag sind die Pinsel eingetrocknet», erinnert sich der heutige Preisträger, schon immer ein begabter Handwerker.

«Stimmt es, dass du mal ein ­Demotape von Nirvana auf die Strasse geschmissen hast?», will Redaktor Gabriel Berger wissen. «Klar», erwidert der Gefragte, «das war Scheisse!», und kehrt zu den Anfängen zurück: «Die Jugendlichen haben damals ­immer präventiv gesoffen und sind dann vorgeglüht in den Club gekommen. Deshalb haben wir beschlossen, selbst Bier ­auszuschenken.» Der Gastgeber schwelgt in Erinnerungen.

Die Vorspeise nennt der Koch Caponata. Es sei ein süsssaures Gemüsegericht aus der sizilianischen Küche, lässt er wissen. Kochen sei für ihn Meditation, und er liebe das Improvisieren. «Ist doch blöd, nach einem Rezept zu kochen. Da kauft man dann Gewürze, die man nie wieder braucht und fünf Jahre im Schrank verstauben.»

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Die Caponata hat eine deftige Bräune. Die gebackenen Auberginen, Zucchini und Feigen munden allerseits. «Essen ist eine Sprache, Musik auch, Liebe nicht!», philosophiert der Meister der Röstaromen. Wenn er für seine Bands ­koche, dann denke er an die Leute auf der Autobahn und was sie vor dem Auftritt brauchen. «Das geht aber auch lustvoll», fixiert er seine Gäste mit kajalunter­stütztem, packendem Blick.

­«Afrikanische Musiker lieben Fleisch und Brot, Russen serviere ich keinen Kohl, das fressen die zu Hause dauernd. Schweizer essen kein Brot», verrät er. «On the road verdrücken die Musiker nur Junkfood, ich koche deshalb Gemüse rauf und runter.»

Der Hauptgang wird serviert: Lauchgemüse mit Kapern und saurem Most, Fenchel und Granatapfel in Rahm und eine grosse Schüssel sizilianische Pasta lassen einem das Wasser im Mund zusammenlaufen. «Es hat noch nie Sinn gemacht, schlecht zu ­kochen!», predigt Anliker.

«Wusstet ihr, das Pädu seine Maurerlehre zusammen mit ­Adrian Amstutz von der SVP gemacht hat?», fragt Chefredaktor Stefan Geissbühler. Schwer vorzustellen. 30 Jahre Thuner Kultur- und Jugendbewegung kommen an diesem Abend auf den Tisch. Pädu Anliker kehrt mit Fotos aus dem Büro wieder.

Ja, da ist tatsächlich der Chefredaktor als junger Mann mit langer ­Mähne. Das waren noch Zeiten: «Macht aus dem Staat Gurken­salat!» Das Dessert besteht aus Crème fraîche, roten Pflaumen, Joghurt, Quitten und Apfelmus. Auf dem Café schwimmt etwas Zimt. «Man könnte den Verstand verlieren, wenn man welchen hätte», steht an der Wand, und «Arbeiten während des Rauchens verboten».

Es ist schon bald Geisterstunde, als sich die kleine Gesellschaft auflöst. Die Schüsseln sind ausgeschleckt. Der kulinarisch eindrucksvolle Abend mit Thuner Kultur­geschichte im Zeitraffer bleibt unvergessen.

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