Ein Sprungbrett für junge Künstler

Thun

Im März startet in Thun das kantonale Pilotprojekt Bühnenfabrik, das Jugendlichen den Sprung auf die Bühne erleichtern soll. Initiiert hat es der Thuner Daniel Linder.

An den Bass oder ans Mikrofon? Der Thuner Daniel Linder weiss, wies geht, und will Jugendlichen beim Schritt auf die Bühne helfen.<p class='credit'>(Bild: Patric Spahni)</p>

An den Bass oder ans Mikrofon? Der Thuner Daniel Linder weiss, wies geht, und will Jugendlichen beim Schritt auf die Bühne helfen.

(Bild: Patric Spahni)

«Ich habe Sachen produziert, die niemand hören wollte. Doch das war mir damals egal»: Daniel Linder ist nicht gerade zimperlich, wenn er über sich selber und seine Kunst spricht. Mit 27 Jahren zog er aus dem «engen Thun» in die weite Welt: «Ich wollte mich verwirklichen», erzählt er heute am Stubentisch in Thun, wo er seit sechs Jahren wieder lebt.

Damals war Daniel Linder nach einer Gesangsausbildung am Konservatorium Sänger bei verschiedensten «experimentellen Musikkollektiven», wie er selber sagt. «So nicht» hiess eines, «Alboth!» ein anderes, das ihn und seine Mitmusiker in Konzertlokale auf der ganzen Welt führte und den Bands begeisterte Kritiken eintrug: «Wir spielten vor bis zu 1000 Leuten und konnten in Hamburg zweimal den Titel «Konzert des Jahres» holen», erzählt Daniel Linder.

«Allerdings», und daher rührt auch seine Selbstkritik, «erreichten wir mit unserer Musik nie die grosse Masse.» Aber immerhin diejenigen, welche ihn und seine Projekte finanziell unterstützten: So erhielt Daniel Linder Beiträge der Stadt, von der Suisa und Pro Helvetia.

Gescheiterter Rebell

«Ich wollte die Welt verändern», sagt Daniel Linder rückblickend. Personen wie Nelson Mandela oder Jean Ziegler, aber auch Orte wie das Selve-Areal oder das Mokka hätten ihn beeinflusst.

Trotz der gemischten Gefühle gegenüber seiner Heimatstadt sei Thun damals ein Ort mit vielen Freiräumen gewesen: «Wir konnten spontan im Schlosshof Trommeln aufstellen und spielen», erinnert er sich. «Oder im Gaswerk zu einem Konzert laden, bei welchem alle Besucher Helme tragen mussten, weil das Gebäude derart baufällig war.»

In Bordeaux und Marseille, später in Hamburg und Berlin war Daniel Linder bei verschiedenen Projekten tätig: So komponierte er moderne Musik für zeitgenössischen Tanz und experimentierte gleichzeitig mit allem, was mit Musik und Tönen zu tun hat. «In Berlin fliegt alles», blickt Daniel Linder auf jene Zeit zurück. «Nicht von ungefähr nennt man die deutsche Hauptstadt auch die Stadt der Engel.» Die spezielle Energie in dieser Kreativitätsblase habe ihm aber nicht nur gutgetan.

Geläuterter Rückkehrer

Heute fühlt sich Daniel Linder wieder geerdeter, wie er sagt. Die Rückkehr nach Thun habe ihm dabei geholfen. «Ich bin begeistert von den Bergen. Die Landschaft hier bietet eine enorme Lebensqualität», sagt er.

Doch nicht nur seine Einstellung zu seiner Heimatstadt ist heute eine andere. Daniel Linder ist auch ein anderer Mensch geworden: «Nicht ich habe die Welt verändert, sondern sie mich», sagt er.

Er sei als überheblicher, narzisstischer Künstler gegangen und mit der Einsicht zurückgekehrt, dass er lediglich ein Teil eines grossen Gefüges sei, auf welches er nur beschränkt Einfluss nehmen könne. Dies und seine Rolle als Vater – Daniel Linder hat eine 16-jährige Tochter und einen 6-jährigen Sohn – hätten seinen weiteren beruflichen Weg beeinflusst.

Engagierter Kunstvermittler

Heute ist der 52-Jährige Mitglied der städtischen Musikkommission und in der Kunstvermittlung tätig, wo er Projekte an Schulen wie beispielsweise derzeit in Adelboden leitet.

Sein neustes Kind ist die Bühnenfabrik, ein interdisziplinäres Projekt für Jugendliche, welches er mit anderen Coachs auf die Beine gestellt hat: «Wer gerne musiziert, tanzt, Texte schreibt oder als Schauspieler auf der Bühne steht, ist bei uns richtig», sagt Daniel Linder.

Neu an diesem Projekt, welches vom Kanton, von der Stadt Thun und dem Verein Viva Thunersee unterstützt wird, ist, dass sich die Grenzen zwischen den Genres auflösen: «Wer ein Lied kom­poniert, braucht auch einen Text und muss sich auf der Bühne gut fühlen», erklärt Daniel Linder.

Nach einem Einführungswochenende Anfang März werden die Jugendlichen jeweils am Mittwochnachmittag in verschiedenen Teams zusammenarbeiten und gemeinsam eine Bühnenproduktion auf die Beine stellen.

Im Vordergrund steht dabei der Teamgedanke: «Die Jugendlichen sollen erfahren, dass sie gemeinsam stärker sind als allein und dass in dieser Zu­sammenarbeit riesiges Potenzial für jeden Einzelnen steckt.»

Daniel Linder ist überzeugt: Diese dabei gewonnene Auftrittskompetenz hilft Jugendlichen später auch in anderen Lebenslagen, sei es beim Bewerbungsgespräch oder im Berufsleben. «Nur wenn ich mit meiner ganzen Person dabei bin, kann ich überzeugend sein und meine Botschaft rüberbringen».

Thuner Tagblatt

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