«Eine Totalsanierung ist nicht nötig»

Thun

Am Donnerstag führte der renommierte Denkmalpfleger Bernhard Furrer rund hundert Interessierte durch die Johanneskirche. Wie er den Zustand des Gebäudes einschätzt.

<b>Grosses Interesse:</b> Rund hundert Personen folgten am Donnerstag dem Vortrag von Bernhard Furrer, welcher über die Architektur und die Bedeutung der Johanneskirche sprach.<p class='credit'>(Bild: pd)</p>

Grosses Interesse: Rund hundert Personen folgten am Donnerstag dem Vortrag von Bernhard Furrer, welcher über die Architektur und die Bedeutung der Johanneskirche sprach.

(Bild: pd)

Bernhard Furrer, wie kommen Sie als renommierter Schweizer Denkmalpfleger dazu, eine ­Führung durch eine Thuner Quartierkirche zu machen?Bernhard Furrer:Ich wurde vom Architekturforum Thun eingeladen, weil ich die Architektur jener Zeit sehr gut kenne. Zufälligerweise interviewte ich den zuständigen Architekten Werner Küenzi im Rahmen meiner Dissertation vor zwanzig Jahren und sprach mit ihm auch über die Johanneskirche.

Ihnen ist aber bewusst, dass in Thun derzeit ein Abstimmungskampf über die Zukunft der Kirche tobt? Davon brauche ich eigentlich gar nichts zu wissen. Ich kann als Aussenstehender lediglich neutrale Informationen über den Bau und die Architektur der Kirche weitergeben. Eine Abstimmungsempfehlung mache ich nicht.

Kannten Sie die Johanneskirche zuvor? Ja, aber nur aus der Literatur, gesehen hatte ich sie nie. Im Vorfeld der Führung habe ich die Kirche nun aber mehrmals eingehend besichtigt.

Und zu welchem Schluss ­kommen Sie? Ich habe an der Führung versucht, den rund hundert Anwesenden die Augen zu öffnen und sie sehen zu lassen, was sie an Qualitäten vielleicht schon zuvor unbewusst wahrgenommen haben.

«Ich kann als Aussenstehender lediglich neutrale Informationen über den Bau und die Architektur der Kirche weitergeben.»

Haben Sie ein Beispiel dafür? Ganz wichtig bei dieser Kirche sind der differenzierte Kirchenraum innen und der Eingangshof draussen sowie der gute Übergang zwischen diesen beiden Bereichen. Eindrücklich sind auch der einzigartige Umgang mit dem Licht sowie das Zeichen, welches der Bau setzt: Er ist eine regelrechte Kirchenskulptur.

Ein grosses Thema in der laufenden Diskussion ist die Bau­substanz der Kirche. Wie beurteilen Sie diese? Ich habe die Johanneskirche sehr intensiv angeschaut. Ich habe gehört, dass man von Sanierungskosten in Höhe von 5,5 Millionen Franken spricht. Ich bin der Ansicht, dass man diese Summe für eine umfassende Totalerneuerung durchaus investieren kann. Diese Zahl zweifle ich nicht an. Aber ich bezweifle die Notwendigkeit einer solchen Sanierung. Ich bin der Meinung, dass man die Kirche mit einem wesentlich tieferen Betrag in Schuss halten kann, sodass sie ihren Zweck auch für die kommenden 25 Jahre erfüllt.

Von welchem Betrag gehen Sie denn aus? Im Gemeindesaal müsste man zum Beispiel den Boden schleifen und ölen, die Vorhänge ersetzen, Malerarbeiten durchführen und die Fenster abdichten. Für den ganzen Baukomplex wäre so mit Kosten in Höhe von einer halben bis zu einer Million Franken zu rechnen.

Die Gesamtkirchgemeinde möchte das Gebäude künftig umnutzen. Ist denn eine solche wegen der Neueinstufung der Kirche als schützenswertes K-Objekt überhaupt möglich? Diese Frage kann allein die Denkmalpflege des Kantons Bern beantworten.

«Ich bin der Meinung, dass man die Kirche mit einem wesentlich tieferen Betrag in Schuss halten kann»

Eingriffe am Gebäude wären aber problematisch? Ja, jede Veränderung ist heikel, weil die Kirche ein Gesamtkunstwerk darstellt. Veränderungen sind aber nicht grundsätzlich unmöglich. Es stellt sich dabei aber immer die Frage, was verändert werden soll und wie man dabei vorgeht.

Ein Abbruch wird aber wohl kaum mehr zum Thema? Alles, was ich dazu sagen kann, ist, dass dadurch ein ausserordentlich wichtiges architektonisches Werk der 60er-Jahre zerstört würde.

Hand aufs Herz: Ihre Meinung zur Kirche ist wirklich völlig unabhängig? Ja, ich sagte dem Architekturforum im Vorfeld, dass ich noch nicht wisse, was ich an der Führung erzählen würde. Ich hätte durchaus zu einem anderen Schluss kommen können. Ich sage bei einer Begutachtung immer das, was ich als richtig erachte. Und nicht das, was die Auftraggeber von mir hören wollen.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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