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Eltern werden ist nicht schwer...

Die Kunstgesellschaft bringt am 20. Februar das Schauspiel «Wunschkinder» auf die KKThun-Bühne. Wir sprachen mit der Schauspielerin Claudia Wenzel.

«Hotel Mama wäre für mich undenkbar gewesen»: Claudia Wenzel ist nächsten Mittwoch auf der KKThun-Bühne zu sehen. In der Rolle der lebensklugen Tante im Stück «Wunschkinder».
«Hotel Mama wäre für mich undenkbar gewesen»: Claudia Wenzel ist nächsten Mittwoch auf der KKThun-Bühne zu sehen. In der Rolle der lebensklugen Tante im Stück «Wunschkinder».
PD

«Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte», beschwerte sich nicht etwa kürzlich die Oma von nebenan, sondern Sokrates fast 500 Jahre vor Christus.

Ein neuzeitliches Phänomen allerdings zeigt die junge Generation, das allgemein als «Hotel Mama» bezeichnet wird. Vollpension samt Wäscheservice bei Mama (und Papa) bevorzugen immer mehr erwachsene Kinder, statt sich zu Studium oder Ausbildung in die grosse weite Welt zu stürzen.

Aktionsradius einer Koralle

Im Theaterstück «Wunschkinder» von Sarah Nemitz und Lutz Hübner («Frau Müller muss weg») ist es Marc (Lukas Schöttler), der es sich nach dem Abitur bei den Eltern gemütlich gemacht hat. Mit dem Aktionsradius einer Koralle hängt er zu Hause rum und treibt seine Eltern Bettine (Ulla Wagener) und Gerd (Martin Lindow) in den galoppierenden Wahnsinn. Besonders der Vater glüht weiss vor Zorn, weil der Sohnemann weder Plan noch Biss zeigt.

Die alleinerziehende Tante Katrin (Claudia Wenzel) versucht mit pädagogisch geschultem Händchen und Empathie zu vermitteln. Von null auf hundert beschleunigt der einstige Schlaffi Marc, als er sich in die zielstrebige Selma (Josepha Grünberg) verliebt.

Die 19-Jährige kümmert sich um ihre psychisch schlingernde Mutter Heidrun (Katharina Heyer), wuppt zwei Jobs und besucht das Abendgymnasium. Das frisch gebackene Pärchen überlegt zusammenzuziehen – dann ist Selma plötzlich schwanger, und Bettine und Gerd fühlen sich auf den Plan gerufen, die Zukunft der beiden in die Hand zu nehmen...

Pudelwohl als Tante

Die dankbare Rolle der lebensklugen Katrin spielt Claudia Wenzel, die den Fernsehzuschauenden bestens bekannt ist als das Biest Vera Bader in der ARD-Erfolgsserie «In aller Freundschaft». Im Gespräch mit dieser Zeitung verrät sie, dass sie sich auch privat als Tante von neun Nichten und Neffen pudelwohl fühlt.

Sie selbst habe leider keine Kinder, bedauert die 59-Jährige, dafür vergöttert sie den Nachwuchs ihrer vier Geschwister umso mehr. Liebevolle Worte findet sie für ihren grossen Bruder Heinz-Eckardt Wenzel, der als Liedermacher, Musiker, Autor und Komponist besonders im Osten Deutschlands als «Wenzel» einen grossen Namen hat. Zur Thematik der Inszenierung «Wunschkinder» unter der Regie von Volker Hesse findet Claudia Wenzel klare Worte.

Frau Wenzel, wie erklären Sie sich das Phänomen «Hotel Mama»? Pure Bequemlichkeit? Sparsamkeit? Oder glauben Sie, dass es den jungen Leuten an Biss fehlt?

Claudia Wenzel: Ich glaube nicht, dass es der jüngeren Generation an Biss fehlt. Die heutige Zeit ist so anderes als die, in der wir gross geworden sind! Geld, Leistung und Statussymbole sind heutzutage viel wichtiger. Da haben die Medien und die sozialen Netze einen entscheidenden Anteil. Da dies schon in der Schule beginnt, wollen viele Kinder erst mal abschalten, raus aus dem Druck. Das kann ich gut nachvollziehen. Man geht ins Ausland oder bleibt eben im Hotel Mama. Wenn ich die Mietpreise in Berlin sehe, dann frage ich mich: Wie können sich das junge Leute leisten? Wo sind die Studentenwohnheime, wo die Unterstützung?

Wann sind Sie von zu Hause ausgezogen? Was hat Sie angetrieben?

Ich bin in der DDR aufgewachsen. Nach meinem Abitur ging es direkt ins Schauspielstudium an die Leipziger Theaterhochschule Hans Otto. Ich wollte meinen Weg gehen mit 18, obwohl es schwer war, denn ich habe meine Familie sehr vermisst. Wenn der Studienort in einer anderen Stadt war, gab es für alle Studenten Wohnheime oder preiswerte Wohnungen. Meine war damals in den 80er-Jahren in Leipzig. Mit einer Studienkollegin teilte ich mir zwei Zimmer, Küche, Ofenheizung, Toilette eine halbe Treppe tiefer für 35 Ost-Mark. Hotel Mama wäre für mich undenkbar gewesen.

Muss man als Eltern jede Entscheidung der erwachsenen Kinder akzeptieren? Oder darf man sich einmischen?

Ich glaube, eine gesunde Mischung von Akzeptanz und dezenter Einmischung ist gut. Manchmal ist der Rat der Eltern wichtig und angebracht, und wenn man das als junger Mensch begreift, ist dies für einen selber nur von Vorteil. Denn Eltern wollen immer das Beste für ihre Kinder.

Was ist in Ihren Augen der grösste Fehler, den Eltern machen können?

Wenn Eltern alles besser wissen, wenn sie nicht loslassen können und wenn sie nicht versuchen, aus der Sicht der jungen Menschen die heutige Welt zu betrachten.

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Neben den Dreharbeiten fürs Fernsehen, aktuell für «In aller Freundschaft» als Vera Bader, die Ende März wieder beginnen, versucht Claudia Wenzel regelmässig auf «den Brettern, die die Welt bedeuten» zu stehen, wie sie selber sagt. Sie komme vom Theater, und der unmittelbare Kontakt zum Publikum sei für sie immer wieder etwas ganz Besonderes.

Mit dem Stück «Wunschkinder» sei das Ensemble des Eurostudios Landgraf Titisee-Neustadt seit Anfang Dezember auf Tournee in Deutschland, Luxemburg und der Schweiz. «Das Schweizer Publikum habe ich aus vergangenen Gastspielen als ein sehr aufmerksames und intensives Publikum in Erinnerung und freue mich auf Thun!»

Schauspiel «Wunschkinder» von Sarah Nemitz und Lutz Hübner, Mittwoch, 20. Februar, 19.30 Uhr, KKThun. Tickets unter: www.kgt-thun.ch.

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