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Feurige Liebe zu Aschenputtel weltweit

Die Rossini-Oper «La Cenerentola» am Samstag im KKThun basiert auf dem Märchen vom Aschenputtel. Wir sprachen mit Andreas Sommer, Spezialist für Volksweisen.

Eine Szene aus der Inszenierung «La Cenerentola» von Theater Orchester Biel-Solothurn, die morgen im KKThun gezeigt wird.
Eine Szene aus der Inszenierung «La Cenerentola» von Theater Orchester Biel-Solothurn, die morgen im KKThun gezeigt wird.
PD

«Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich, wirf Gold und Silber über mich.» Die Faszination, von der grauen Maus zur strahlenden Schönheit zu werden, funktioniert im ältesten Märchenbuch genauso wie im neuesten Frauenmagazin. Die ersten Spuren des Mädchens, das sich aus der Asche erhebt, finden sich im China des neunten Jahrhunderts. Das erklärt möglicherweise die chinesische Vorliebe für zierliche Füsse in ebenso zierlichen Pantoffeln. Es gibt weltweit circa 2000 Fassungen, die Fachwelt spricht vom «Cinderella Cycle».

Die Geschichte um Aschenputtel, Aschenbrödel, Äschengrusel oder Aschengrübel weist eine Fülle an Symbolen auf. Das Märchen hält das Versprechen für unsichere Menschen bereit: Du bist etwas wert, du musst nur Vertrauen in dich selbst haben! «Aschenputtel ist jedermanns Geschichte», erklärt der Psychoanalytiker und Schriftsteller Eugen Drewermann, «denn jeden Menschen plagen Umfelder, in denen er sich abgelehnt fühlt, keine Anerkennung bekommt.» Oft handle es sich um ausgeblendetes Leben, das darauf warte, entdeckt zu werden. Und so geht von Aschenputtel ein besonderer Zauber aus, es ist das beliebteste aller Grimm-Märchen. Als Archetypus hat es eine lange Geschichte hinter sich.

Sogar in Marokko

Die Figur des Aschenputtels, das am Samstag im KKThun in der Rossini-Oper «La Cenerentola» im Mittelpunkt steht (siehe Kasten), tauche in vielen Märchentraditionen auf, weiss Sagenwanderer Andreas Sommer aus dem Eriz. Seit Jahren erforscht und erzählt er Märchen, Mythen und Sagen: Sogar in Marokko gebe es das Märchen ‹Aischa Ramada› – Ramada ist arabisch für Asche) –, «welches dem gleichen Muster folgt», berichtet der Spezialist für Volksweisen.

Sagenwanderer Andreas Sommer. (Foto: PD/Yves Hug)
Sagenwanderer Andreas Sommer. (Foto: PD/Yves Hug)

Aus kulturgeschichtlich-mythologischer Sicht beschreibe die scheinbar schmutzige und erniedrigende Tätigkeit des Aschenputtels einen tiefen und wesentlichen Einweihungsprozess. Die Feuerstelle sei für unsere Vorfahren über Jahrtausende existenziell und heilig gewesen, erklärt Sommer. Es brauchte Menschen, die geduldig und mit Hingabe zur Feuerstelle schauten. Wer das Feuer zu hüten wusste, hielt ein lebenserhaltendes Mysterium in seinen Händen und stand im Bund mit transzendenten Elementarmächten. Bis zur Erfindung von Streichholz und Feuerzeug musste sich eine Magd vor ihrer neuen Herrschaft zunächst im Umgang mit Feuerstein und Stahl bewähren, weiss Andreas Sommer aus alten Überlieferungen.

Wenn das Aschenputtel jahrelang an der Feuerstelle kauert und in der Asche wühlt, wird es dadurch eingeweiht in tiefere Geheimnisse des Lebens, die in der Asche wohnen. Die Asche schafft eine Verbindung mit der Ahnenwelt, in ihr schlummert die Weisheit der Altvorderen. «Ich erlebte bei den Tuareg-Nomaden in der Sahara noch in heutiger Zeit, dass sie jede nicht mehr genutzte Feuerstelle sorgfältig zudeckten, um bösen Geistern den Einlass in die kalte Asche zu verwehren», erzählt der weit gereiste Sagenerzähler.

Das Aschenputtel huldige an der Feuerstelle somit auch den Verstorbenen, vor allem ihrer Mutter. Das Aschenputtel scheint ein tiefes Bündnis mit der unsichtbaren Welt zu pflegen und erntet letzten Endes als Lohn eine Hochzeit mit dem Königssohn – im Märchen ein Symbol für die vollendete Reife eines Menschen.

Diverse Versionen

Das hierzulande geläufige «Aschenputtel» entspricht der Schreibweise der Brüder Grimm, welche dieses Märchen aus der deutschen Überlieferung niederschrieben. In der Schweiz kennen wir einerseits aus dem Tessin die Version «Cenerentola», welche Walter Keller in seiner Sammlung «Am Kaminfeuer der Tessiner» aufgezeichnet hat. Sie ist wohl mit der italienischen Version verwandt, die Rossini als Vorlage für seine Oper diente. Im Entlebuch ist eine andere lokale Variante als «Aschengrübel» überliefert, aufgezeichnet von Otto Suttermeister in seiner Schweizer Märchensammlung von 1873. Die Entlebucher Version endet mit dem Satz: «Da ward eine Hochzeit gefeiert, ihr habt in eurem Leben noch keine schönere gesehen ...»

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