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Goethes Geliebte lästert, flucht und gestikuliert

Kraft hatte das Stück, das am Mittwoch auf der Bühne des KKThun aufgeführt wurde. Der Theatermonolog «Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe» zeichnete sich durch die herausragende Leistung der Schauspielerin aus.

Flavia von Gunten
Einem Vulkan gleich: Anika Mauer als Charlotte von Stein im KKThun.
Einem Vulkan gleich: Anika Mauer als Charlotte von Stein im KKThun.
Patric Spahni

Weimar 1786: Nach zehn Jahren in der Stadt ist Johann Wolfgang von Goethe über Nacht nach Italien gereist, ohne Abschied oder Ankündigung. Ganz Weimar macht Goethes Geliebte Charlotte von Stein verantwortlich, dass der Dichter den Ort verlassen hat. Die Adelige von Stein lässt die Vorwürfe nicht gelten, verteidigt sich und lässt kein gutes Haar an Goethe.

Aus diesem Beziehungsdrama, dokumentiert in über 1700 Briefen, schmiedete der Dramatiker Peter Hacks «Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe» – einen der meistgespielten Theatermonologe des 20. Jahrhunderts. Seit der Uraufführung 1976 ­wurde das Stück auf über 200 Bühnen in Deutschland und 25 weiteren Ländern aufgeführt. Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki nahm es in seinen Kanon der 42 lesenswerten deutschsprachigen Dramen auf.

Zorn und Verzweiflung

Johanna Schall, Enkelin Bertold Brechts, inszenierte mit dem Renaissance-Theater Berlin das Einpersonenschauspiel für die Kunstgesellschaft Thun auf der Bühne des KKThun. Über 80 Minuten zelebrierte Schauspielerin Anika Mauer den Monolog Charlotte von Steins, in dessen Spiegel sich das Wesen Goethes enthüllte. Zornig und verzweifelt lästerte und fluchte sie, warf sich auf den Boden und unterstrich ihre Worte mit ausladenden Gesten und starker Mimik.

Einem Vulkan gleich explodierte sie immer wieder, fiel aber nie aus der auf Haltung getrimmten Rolle der adeligen Dame. Der gewaltige und unablässige Körpereinsatz der Schauspielerin forderte die Zuschauenden heraus: Derart zog er sie in den Bann, dass sich ihnen kaum eine Gelegenheit zum Durchatmen bot – was aber angesichts der zahlreichen Lacher in den Rängen nötig gewesen wäre.

So zum Beispiel, wenn von Stein voller Spott Goethes Frankfurter Mundart imitierte. Aus dem hintersten Teil des Rachens presste sie das Wort «Wetter» hervor, das Goethe verantwortlich machte für all seine Launen, denen die Geliebte ausgesetzt war. Um das Wetter drehte sich auch der Brief von Goethe, der aus Rom eintraf. Statt des erwarteten Heiratsantrages äusserte sich der Dichter darin über die Sonne und Wärme in Italien. Zum ersten und einzigen Mal verschlug es Charlotte von Stein die Sprache.

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