Häusliche Gewalt: «Die Dunkelziffer ist hoch»

Berner Oberland

Seit zwanzig Jahren unterstützt die Fachstelle Vista in Thun und im Oberland Opfer von häuslicher und sexueller Gewalt. Da sich Betroffene im Oberland kaum melden und die Dunkelziffer hoch ist, analysiert Vista die aktuelle Situation.

Sie repräsentieren Vista, die Opferhilfestelle bei sexueller und häuslicher Gewalt (v. l.): Barbara Morawec Repp (Beratung), Madeleine Pfander-Loder (Leitung) und Ines Megert (Sekretariat).<p class='credit'>(Bild: Patric Spahni)</p>

Sie repräsentieren Vista, die Opferhilfestelle bei sexueller und häuslicher Gewalt (v. l.): Barbara Morawec Repp (Beratung), Madeleine Pfander-Loder (Leitung) und Ines Megert (Sekretariat).

(Bild: Patric Spahni)

Trotz Ihrer Arbeit gibt es jeden Tag neue Fälle von häuslicher Gewalt, und im Oberland braucht es sogar noch zusätzliche Efforts. Ist das nicht frustrierend?Madeleine Pfander-Loder:Nicht frustierend, aber schwer zu akzeptieren. Häusliche und sexuelle Gewalt ist immer noch ein Tabu – in ländlichen Gebieten wie in der Region Thun und im Oberland noch mehr als in der Stadt.

Ines Megert:Mich betrübt vor allem, dass wir die Kinder nicht besser davor schützen können.

Barbara Morawec Repp:Zu sehen, dass unsere Hilfe begrenzt ist und es nicht alle Frauen aus der Gewaltspirale schaffen, ist manchmal schwer zu ertragen.

Weshalb geht Vista im Oberland in die Offensive?Morawec:Sippenzugehörigkeit und familiäre Zusammengehörigkeit sind im Oberland und besonders in Bergtälern ausgeprägter als in der Stadt. Die soziale Kontrolle ist allgegenwärtig.

Megert:Die Intimität in der Familie ist das wohl heikelste Thema. Wenn etwas gegen aussen getragen wird, sind sofort alle Mitglieder blossgestellt.

Pfander:Hilfe zu holen, braucht Überwindung. Sexuelle Gewalt hat immer mit der Intimsphäre zu tun, ob daheim, auf der Strasse oder am Arbeitsplatz.

Wie gelangen Opfer zu Ihnen?Morawec:Einige melden sich selbst, andere werden uns von Angehörigen, weitere von Fachstellen und Sozialdiensten sowie durch die Polizei gemeldet.

Wie hoch schätzen Sie die Dunkelziffer im Oberland?Pfander: Wir vermuten, dass sie sehr hoch und gerade in den Tälern ausserordentlich hoch ist.

Megert:Wir wissen nicht, wo die Opfer Hilfe holen und an wen sie sich wenden. Daher ja auch die Sozialraumanalyse im Oberland.

Morawec:Oft kommen die Frauen nicht weg, deshalb möchten wir herausfinden, was sie brauchen und wie wir helfen können.

Was gäbe es für Möglichkeiten?Pfander:Um die Anonymität zu erhöhen, könnten wir beispielsweise unsere Fachstelle in bestehende Institutionen wie dem Spital oder in einer Praxis einmieten.

Ist keine Gewalt eine Illusion?Megert:Ich glaube nicht mehr an eine gewaltfreie Gesellschaft, Gewalt ist ein menschliches Phänomen. Mit unserer Arbeit können wir sexuelle oder häusliche Gewalt kaum verhindern, aber wir können informieren und helfen.

Pfander:Gerade kürzlich suchte uns eine Oberländerin auf, die sich nach vierzig Jahre Ehe, die jeden Tag von Gewalt geprägt war, endlich zu befreien versucht.

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Welchen Einfluss haben die ewig patriarchalen Strukturen?Morawec:...einen grossen, da sie häusliche und sexuelle Gewalt durch die schwächere Rolle der Frau begünstigen. Dies ist verstärkt in ländlichen Gebieten der Fall, jedoch auch je nach Kultur und je nach sozialem Umfeld in den Familien und in der Stadt.

Pfander:In der Stadt können sich die Frauen allein schon durch die Infrastruktur und die kurzen Distanzen leichter Hilfe holen. Doch Gewalt gibt es in der Stadt genauso wie in der heilen Bergwelt.

Sind Schweizer weniger gewalttätig als Nichtschweizer?Pfander:Weder Herkunft, Gesellschaftsschicht noch Nationalität oder Beruf spielen eine Rolle. Doch leider dominiert die bequeme Meinung, dass vor allem die Ausländer gewalttätig seien.

Leiden heute gegenüber früher mehr Frauen und Kinder und zum Teil auch die Männer unter häuslicher oder sexueller Gewalt?Pfander:Das können wir aufgrund von Zahlen nicht abschliessend beurteilen, hingegen nehmen unsere Beratungen zu.

Morawec:Wir stellen dabei fest, dass es heute bei häuslicher und sexueller Gewalt an Frauen mehr körperliche und massive Verletzungen gibt und bei männlichen Opfern mehr psychische.

Megert:Sowohl die Gewaltbereitschaft wie auch die Verletzungen – etwa mit Messern – nehmen zu.

Wie gehen Sie mit der an­dauernden Konfrontation von gewaltgeprägten Schicksalen um?Morawec:Um uns gut abgrenzen zu können, treffen wir uns regelmässig zu einer Supervision und tauschen uns im Team aus.

Welches sind die Geschichten, die Sie nie vergessen?Megert:Vor neunzehn Jahren flüchtete eine 17-Jährige nach ei­ner Vergewaltigung durch ihren Freund zu uns. Wir suchten einen Platz im Frauenhaus Thun, doch nur in Freiburg hatte es noch ein freies Bett. Obwohl ich Sekretärin war, übernahm ich deren notwendige Begleitung spätabends.

Pfander:Früher war ich im Kinderschutz tätig und begleitete jahrelang ein Mädchen. Erschüttert traf ich sie bei Vista als junge Frau an – wieder als Opfer.

Morawec:Mir fährt ein, wenn ich eine Frau berate, die von einem Unbekannten vergewaltigt worden ist, und dabei weiss: Das kann allen geschehen.

Megert:Früher war ich in der Jugendarbeit tätig und wetterte über die Flegel. Hier haben wir es mit den Eltern zu tun, und ich bin erschüttert, wie die Kinder leiden. Oder auch, wenn Frauen bei uns auftauchen und den gleichen Täter nennen.

Morawec:Mich geprägt hat der Fall einer Migrantin, die häusliche Gewalt erlebte und von ihrem Mann wegwollte. Da sie aber Angst hatte, in der Folge ausgewiesen zu werden, ging sie zu ihm zurück und kam nie mehr zu uns.

Mit den Flüchtlingsströmen gelangen auch Menschen zu uns, deren Leben von Gewalt geprägt ist. Ist Vista damit konfrontiert?Pfander:Wenn die Gewalt nicht in der Schweiz ausgeübt wurde, fällt die Betreuung nicht unter das Schweizer Opferhilfegesetz. Diese Problematik ist erkannt, und alle Beteiligten suchen nach Lösungen; wie etwa Workshops für Mitarbeiter in Asylzentren.

Morawec:Da ist der Handlungsbedarf gross. 90 Prozent aller Frauen erleiden gemäss Statistik auf ihrer Flucht sexuelle Gewalt.

Gegenüber was erleben Sie sich am ohnmächtigsten?Morawec:Nebst aller anderen Gewalt? Die sexuelle Belästigung durch Worte oder Gesten. Die Frauen wagen nicht, sich zu wehren oder Hilfe zu holen, weil sie nicht als prüde oder überempfindlich gelten wollen. Rechtlich sind die Frauen den Männern zwar gleichgestellt, im Alltag aber noch längst nicht.

Infos: 033 225'05'60, info@vista-thun.ch, www.vista-thun.ch

Thuner Tagblatt

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