Handwerks-Kunst statt Weihnachts-Kitsch

Zum traditionellen Chrischtchindlimärit in Steffisburg strömten am Freitag Tausende von Besuchern aus nah und fern ins Ober- und Unterdorf. Erfreulich viele Private boten ihre selbst gefertigte Ware feil.

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«Ich sammle gerade Schwemmholz, aus dem ich Engeli anfertige», erzählt eine ältere Dame einer Amsoldinger Standbesitzerin von geflügelten himmlischen Skulpturen aus Stein für Freunde der abstrakten Deko. Nicht weit weg gibt es antibakterielle Bambus-Viskose-Socken, die der Samichlaus bestimmt besonders gern befüllt. Am Rande des Geschehens präsentiert jemand grossflächig Flohmarktware: Eine rasante Mischung aus ungeliebtem Geschirr, das schon bessere Tage gesehen hat, und anderer windschiefer Tand haben sich hier breitgemacht. Mittendrin ein schmunzelnder Deko-Osterhase, der sich wohl im Datum geirrt hat. Und der Trockenfrüchteverkäufer hat ausserdem Feuerlaufseminare im Programm.

«Wenn ich die Stunden nicht rechne, habe ich schon einen Gewinn», gibt eine Hobbyseifensiederin an ihrem niedlich dekorierten Stand Auskunft. An die hundert verschiedene Waschstücke, jeweils schenkfertig verpackt, zieren die Auslage. «Hier liegt mein Thuner Trio», weist sie auf drei Seifen der Sorten Fulehung, Schlossgeist und Aarebedli. Sie gehe immer nur an Weihnachtsmärkte, um die Resultate ihres Herzenshobbys zu verkaufen, erklärt die Thunerin.

Gleich mehrfach vertreten sind Stände unterschiedlicher Firmen mit Brühe, Saucenpulver und Würzmischungen – jeweils hygienisch verpackt in Plastikdosen, denen zwar nichts Weihnächtliches anhaftet, die aber dem Festtagsbraten geschmacklich auf die Sprünge helfen können. Der Markt füllt sich am frühen Nachmittag zusehends – die Stille irritiert etwas. Kein «Jingle Bells», «Last Christmas» oder «O Tannenbaum» dringt ans Ohr. Dafür duftet es plötzlich nach Basmatireis. Insgesamt drei Stationen mit Thaifood sind im Chrischtchindlimärit auszumachen.

Der Renner scheint aber Knoblibrot zu sein, wie zahlreiche ­Passanten kauend beweisen, während sie künstlerisch anmutende Krippenfiguren, Holzkleiderbügel mit Meerschweinchenoptik oder Alpenmotiv beäugen. Es fliegen Kühe und Helikopter über den Köpfen mancher Kinder in Form von schillernden Luftballons. Verliebt werfen die Kleinen Plastikgitarren und Prinzessinnensets samt Krönchen und Collier Blicke zu. «Nei, das bruuche mir nid», sagt die Mutter und schüttelt den Kopf.

Ganz dem Handel mit Polyester-Couture hat sich ein Spanisch sprechender Händler verschrieben, der einer älteren Dame in seiner Sprache zu erklären versucht: «Esto es el tamaño correcto...» (Das ist die richtige Grösse). Die Kundin echot: «Korrekto, korrekto», und zahlt zufrieden das mausgraue Oberteil. Die Stille durchdringen Flötenklänge, die den Anden entsprungen sind, eine südamerikanische Truppe spielt zum Halb-Play-back volkstümliche Weisen aus ihrer Heimat.

Am Karussell glotzen bei einer Spielzeugbude Plüschwaschbären mit giftgrünen oder pinkfarbenen Tatzen von den Wänden. Industriell gefertigte Figuren aus Kunststein, wie ein Terrier mit kessem Schal um die Lenden, finden wahrscheinlich auch ihre Fans – genauso wie die schwarzgrundigen Klamotten mit Pegasus, Tiger, Katze oder Ferrari. Doch die wirklichen Geschmacksverirrungen halten sich auf dem Märit in Grenzen. Handgestrickte Puppenpullover oder Mützen für jeden Geschmack, gefilzte Schäfli, herzige Engel aus Naturmaterialien, Gewürze, Tees, Honig, Kerzengestecke, Schmuck: Das Angebot an herausragendem Kunsthandwerk und heimischer Kulinarik ist atemberaubend. «Läck, hie gits aber schöni Sache z kitsche», meint ein älterer Herr mit qualmendem Stumpen. Statt kitschiger Massenware finden die Besucherinnen und Besucher hier Kleinode und herzige Trouvaillen.

Nach einem ersten Blick auf das Markttreiben muss ein Engel ins Büro von Petrus gestürzt sein: «Chef, du hast vergessen, zum Steffisburger Chrischtchindlimärit Schnee zu schicken!» Petrus drückte dann wohl statt des Knopfs «Leise rieselt der Schnee» die Taste «Blowing in the Wind». Doch der Schneeregenschauer mit fiesen Böen währt nicht lange. Ein Leierkasten spielt «O du fröhliche...», und der Bus am Bösbach spuckt die nächsten Märitbesucher aus.

Thuner Tagblatt

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