«Ich habe schon Leute angerempelt, weil sie auf der Leitlinie standen»

Thun

Um auf ihr Vortrittsrecht aufmerksam zu machen, testeten zum Tag des weissen Stockes zwölf sehbehinderte oder blinde Personen Verkehrsteilnehmende im Bälliz.

Marianne Bürki überquert die Strasse und bedankt sich bei einer Rollerfahrerin.

Marianne Bürki überquert die Strasse und bedankt sich bei einer Rollerfahrerin.

(Bild: Irina Eftimie)

«Unbegleiteten Blinden ist der Vortritt stets zu gewähren, wenn sie durch Hochhalten des weissen Stockes anzeigen, dass sie die Fahrbahn überqueren wollen.» So lautet Artikel 6 Absatz 4 der Schweizerischen Verkehrsregelverordnung. Ein Verstoss bedeutet neben einer Busse auch eine schriftliche Verzeigung mit einem darauf folgenden Strafverfahren.

Am Montag testeten im Bälliz in Thun zwölf sehbehinderte und blinde Personen aus dem Schweizerischen Blindenbund, wie gut Thunerinnen und Thuner diese Verkehrsvorschrift kennen und wer sich daran hält oder eben nicht. Anlass dafür war der Tag des weissen Stockes, für den sich der Schweizerische Blindenbund jedes Jahr ein neues Motto einfallen lässt. «In diesem Jahr haben wir das Thema Verkehrssicherheit gewählt, weil sowohl bei den Verkehrsteilnehmenden als auch bei den Sehbehinderten und Blinden Informationsbedarf da ist», sagt Oswald Bachmann, Präsident des Schweizerischen Blindenbunds.

Positive Entwicklung

Der Notwendigkeit eines solchen Informationsanlasses stimmt auch Marianne Bürki aus Thun zu. «In der Behindertenwelt ist man sehr oft geneigt zu sagen, dass alle auf einen schauen sollen», sagt Bürki, die noch rund zehn Prozent Sehvermögen besitzt. «Zum Teil vergisst man aber ein wenig, dass andere Personen Informationen brauchen, um richtig reagieren zu können.» Verkehrsteilnehmende, die für die sehbehinderte oder blinde Testperson anhielten, bekamen aus diesem Grund neben verschiedenem Infomaterial auch Schokolade und kleine Geschenke.

«Heute wird viel häufiger angehalten. Das kommt auch daher, dass das Leben von sehbehinderten und blinden Menschen früher nur selten im öffentlichen Raum stattgefunden hat», ergänzt Marianne Bürki. «Heute wird bereits in der Schule sensibilisiert. Für die jungen Leute ist das schon selbstverständlich, und ich finde das eine sehr positive Entwicklung.»

Gefährliche Situationen

Trotzdem gab es einige Verkehrssünder, die von Mitarbeitenden der Kantonspolizei verwarnt werden mussten. Vor allem mit Velofahrerinnen und -fahrern gebe es im Alltag immer wieder gefährliche Situationen. «Ich bin früher sehr gerne Fahrrad gefahren. Man erschrickt aber sehr stark, wenn plötzlich ein Velo vorbeirast. Ich mag den Leuten die Freiheit gönnen, oft ist es lediglich eine Frage des Anstands», sagt Irma Oberholzer, die sich ebenfalls als Testperson zur Verfügung gestellt hat.

Auch mit Fussgängern kann es zu Problemen kommen. «Einrichtungen, die für Blinde und Sehbehinderte vorgesehen sind, sollten für diese Menschen freigehalten werden», sagt Samuel Muhr. «Ich habe schon einige Male Leute angerempelt, weil sie am Bahnhof auf der Leitlinie gestanden sind. Das ist eine unangenehme Situation.»

Weisser Stock für Sicherheit

«Anlässe wie dieser können sehr sinnvoll sein», sagt Peter Siegenthaler (SP), Gemeinderat und Vorsteher der Direktion Sicherheit und Soziales, der den Anlass als Vertreter der Stadt Thun besuchte. «Die Leute können so sensibilisiert werden und lernen, wie man Sehbehinderte oder Blinde anspricht und in welchen Situationen man helfen kann.»

Wie der Alltag und das Bewegen in der Öffentlichkeit von den Sehbehinderten und Blinden wahrgenommen werden, ist sehr individuell. Je nach Grad der Einschränkung und je nach Selbstständigkeit der Betroffenen variieren deshalb auch ihre Bedürfnisse sehr stark. «Es ist wichtig, dass man den weissen Stock mitnimmt und ihn auch benutzt, denn er bedeutet Sicherheit und zeigt eine Behinderung an», sagt Oswald Bachmann. «Man kann von den Leuten nicht erwarten, dass sie Rücksicht auf einen nehmen, wenn sie nicht wissen, dass man eine Behinderung hat. Es müssen also beide Seiten zusammenarbeiten.»

www.blind.ch

Thuner Tagblatt

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