«Im Leben fällt man ab und zu auf die Nase, wenn man mutig ist»

Oberhofen

Vor rund fünf Wochen ist die Gemeindeversammlung in Oberhofen abgebrochen worden. Seither herrscht im Dorf Ausnahmezustand. Gemeindepräsidentin Sonja ­Reichen-Geiger sagt, wieso der Abbruch kein Weltuntergang ist.

Sonja Reichen-Geiger lässt sich nicht unterkriegen.

Sonja Reichen-Geiger lässt sich nicht unterkriegen.

(Bild: Patric Spahni)

Sonja Reichen-Geiger, vor rund fünf Wochen musste die Gemeindeversammlung von Oberhofen abgebrochen werden. Die Gemeinde hat deshalb kein genehmigtes Budget. Wie schlafen Sie seither?Sonja Reichen-Geiger:Ich erinnere mich noch gut an den Abend. Es wurde spät, ich war in einer Art Schockstarre. Geschlafen habe ich dann aber gut – und tue es ­seither auch. Für mich war irgendwann klar, dass der Abbruch der Gemeindeversammlung kein Weltuntergang war. Das hat mir geholfen.

Wäre der Abbruch denn zu verhindern gewesen?Ich denke nicht. Vielleicht hätten wir eine Chance gehabt, wenn wir die Sanierung des Strandbads an einer anderen Versammlung traktandiert hätten. Nachdem die Oberhofner letztes Jahr viel Geld für die Sanierung und die Erneuerung des Hallenbads gesprochen hatten, war es ein sensibles Thema. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass wir beim Strandbad etwas machen müssen. Die Debatte artete dann aber in viel zu lange Grundsatzdiskussionen aus. Ich habe es nicht geschafft, dort früher einen Schnitt zu machen. Als wir schliesslich zum Budget kamen, waren alle bereits müde.

Dann war das Budget aus Ihrer Sicht gar nicht ausschlaggebend?Ich denke nicht, dass es Stein des Anstosses war. Es ist ein ordent­liches, da ausgeglichenes Budget. Vielleicht müssen wir einmal den Mut haben, den Zeitpunkt der Gemeindeversammlung zu überdenken. Wieso setzen wir sie nicht am Samstagnachmittag statt am Montagabend um 20 Uhr an? Und um die Versammlungen nicht zu überladen, braucht es möglicherweise einen dritten Termin im Jahr.

Bleiben wir bei der historischen Gemeindeversammlung vom 20. November: War es nicht vielmehr eine Art öffentliche Abrechnung einiger Bürger mit dem Gemeinderat als die ­Müdigkeit?Das ist schwierig zu sagen. Ich empfinde das Klima in Ober­hofen als gut und habe das Gefühl, dass die grosse Mehrheit der Oberhofner mit der Arbeit des Gemeinderates zufrieden ist. Auch wenn sie dies nicht täglich kundtut. Es ist aber auch eine Tatsache, dass es an besagter Versammlung eine Eigendynamik gab, verursacht durch einige wenige Wortführer.

Wer den Schaden hat, muss für Spott und Hohn nicht sorgen. Oberhofen wurde in den letzten Wochen teils genüsslich durch den Kakao gezogen.Das ist mir auch aufgefallen. Ich wurde überall darauf angesprochen – selbst in Bern. Es ist eine Situation, die man aushalten muss. Ganz nebenbei ist es ­spannend festzustellen, wer am meisten Schadenfreude hat. Es sind oft die Räte anderer Gemeinden, die mutlos abwarten, was Oberhofen bei heiklen Themen wie den Gemeinderatsentschädigungen macht. Im Leben fällt man ab und zu auf die Nase, wenn man mutig ist. Das Entscheidende ist, die richtigen Schlüsse aus einer Krise zu ­ziehen. Dabei schadet es nicht, sich und seine Arbeit zu hinterfragen.

«Es wäre auch nicht glaubwürdig, wenn wir jetzt einfach locker eine Million streichen könnten.»

Dass zwei Termine für die ausserordentliche Gemeindeversammlung angekündigt wurden, hat für weitere Erheiterung gesorgt.Ach, ich lache gerne mit. Ich lebe nach dem Motto: Scheitere heiter! Zur Panne kam es, weil wir zuerst den Plan verfolgten, noch in diesem Jahr eine Gemeindeversammlung abzuhalten. Damit hätten wir zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Oberhofen wäre – hoffentlich – nicht ohne Budget ins neue Jahr gestartet, und ich hätte den Vorsitz der ­Versammlung gehabt. Ich fliege nämlich Anfang Januar nach Costa Rica. Die Reise ist schon länger geplant. Ich habe den Termin daraufhin einem Journalisten genannt. Dann wehrten sich die Ortsparteien, und wir haben die Versammlung neu auf den 22. Januar angesetzt. Ich habe leider vergessen, dies dem Journalisten noch mitzuteilen. So gelangte das falsche Datum in den «Berner Landboten».

Geben Sie mir recht, wenn ich behaupte, dass der Rat mit dem Budget noch einmal Schiffbruch erleidet, sollte er es in gleicher Form vorlegen?Das Budget ist in grossen Teilen gesetzt. Der Handlungsspielraum ist gering. Es macht viel mehr Sinn, den Finanzplan an­zuschauen. Dort können Gemeinderat, Parteien, aber auch Bürger Einfluss nehmen. Wir planen deshalb, im Frühling einen Workshop zu organisieren. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: Wir haben beschlossen, das Thema Schlössli aus dem Budget rauszunehmen und es einem ­Gesamtkonzept zu unterziehen. Daneben gab es noch zwei, drei kleinere Anpassungen, aber keine grossen Würfe. Es wäre auch nicht glaubwürdig, wenn wir jetzt einfach locker eine Million streichen könnten.

Ein Hauptvorwurf der Kritiker ist die fehlende Transparenz bei den Ausgaben. So gebe es beispielsweise keine klaren Gesamtstrategien für zentrale Liegenschaften wie das Turmhaus und das Schlössli. Alles werde scheibenweise präsentiert – und koste am Ende eine Stange Geld.Wir haben ein offenes Gemeindehaus – für alle Oberhofner. Der Austausch mit den Ortsparteien ist sehr rege. Zweimal im Jahr ­organisieren wir einen runden Tisch. Dort sind unter anderem die Geschäfte der Gemeindeversammlung ein Thema. Ich empfinde die Zusammenarbeit in den allermeisten Fällen als sehr konstruktiv. Aber natürlich gibt es auch eine Handvoll Nörgler, die wir nie zufriedenstellen können. Es ist wichtig zu analysieren, woher die Kritik kommt und ­welche Interessen damit verfolgt werden. Meistens geht es nicht um die beste Lösung für die Mehrheit, sondern um jene für eine kleine Minderheit.

Würde eine Geschäftsprüfungskommission längerfristig nicht für Transparenz sorgen?Die Diskussion rund um die Einführung einer GPK ist nicht neu. Wir sind davon abgekommen, weil die Gefahr gross ist, dass es einen Papiertiger gibt. Es existiert eine Finanzkommission, welche alle Geschäfte auf ihre ­finanzielle Tauglichkeit überprüft. Die aktuelle Organisation inklusive der Rechnungsrevision lässt gar keine Mauscheleien zu. Aber um es klar zu sagen: Wenn die Oberhofner eine GPK als ­richtiges Instrument erachten, dann wird sich der Gemeinderat nicht dagegen wehren. Die Ini­tiative wird aber nicht von ihm ausgehen.

Das Geld ist in Oberhofen ein heisses Eisen. Lange Zeit war das Dorf die Steueroase. Jetzt ist es noch im Mittelfeld, und es stehen grosse Ausgaben an. Hat man lange Jahre über den Verhältnissen gelebt?Ich kann dazu ein gutes Beispiel nennen. In viele Gemeindeliegenschaften wie das Turmhaus, die Riderbachhalle oder das Schlössli ist jahrzehntelang nichts investiert worden. Wir wollten verantwortungsvoll handeln und haben eine umfassende Analyse gemacht, damit wir wissen, was uns die Häuser kosten, um sie auf Vordermann zu bringen. Jetzt wird uns in diesem ­Zusammenhang vorgeworfen, wir gäben zu viel Geld aus. Dabei machen wir das, was auf die lange Bank geschoben wurde, um den Steuerfuss möglichst lange tief zu halten.

Sie klingen frustriert. Fehlt Ihnen die Wertschätzung aus dem Dorf?Nein, eigentlich nicht. Ich erwarte ja auch nicht, dass ich eine tägliche Portion Wertschätzung bekomme. Ich musste aber lernen, die Kritik nicht persönlich zu nehmen. Natürlich bin ich gelegentlich frustriert. Der Gemeinderat ist hier, um Probleme zu lösen. Die Themen, mit denen er sich konfrontiert sieht, sind nur selten amüsant.

Nun neigt sich das Jahr dem ­Ende entgegen. Es ist auch eine Zeit der Versöhnung. Vergibt sich der Gemeinderat nicht gerade diese Chance, wenn er den Neujahrsapéro aufgrund der Budgetsituation streicht?Ohne genehmigtes Budget dürfen wir nur Ausgaben tätigen, die gebunden sind. Wir müssen genau Buch führen. Ich bedaure, dass wir den Anlass nicht durchführen können, aber das ist nun die Konsequenz der Situation.

Die Absage eines Apéros aus ­finanziellen Überlegungen wirkt bei einer Gemeinde mit einem Jahresumsatz von 12,5 Millionen Franken wie eine Trotz­reaktion.Der Gemeinderat hat so entschieden – aufgrund der Vorgaben, an die er sich zu halten hat. Eine Trotzreaktion ist es nicht.

Es liegen turbulente Wochen hinter Ihnen. Haben Sie irgendwann bereut, Gemeindepräsidentin von Oberhofen geworden zu sein?Gefühlsschwankungen ist man immer unterworfen. Und klar, es gibt Momente, wo man an seine Grenzen stösst. Aber bereut habe ich den Entschluss noch nie. Es ist ein Job, bei welchem man besonders nahe am Leben ist. Das ist doch wunderschön.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt