In neuen Operationssälen wird der Touchscreen zum Assistenten

Das Spital Thun verfügt seit kurzem über einen hochmodernen Operationsbereich mit fünf sanierten Sälen. Diese Zeitung war bei einem Eingriff dabei und erlebte, wie die Digitalisierung im OP-Bereich Einzug hält.

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Ein Blick auf den grossen Bildschirm im Eingangsbereich reicht: Georg Linke weiss Bescheid. In den sieben besetzten Operationssälen laufen die Eingriffe nach Plan, Notfälle sind keine gemeldet. Der Chefarzt Chirurgie des Spitals Thun kann sich deshalb seinem eigenen Programm zuwenden: einer Leistenbruchoperation im Saal 5.

Operieren einfach gemacht

Georg Linke holt das elektronische Dossier seines Patienten auf einen weiteren Bildschirm. Nur wenige Meter von ihm entfernt legen derweil die beiden Operationstechnik-Fachfrauen das für den Eingriff nötige Operationsbesteck bereit. Auch sie blicken auf einen Monitor, der ihnen die genaue Anordnung der Instrumente aufzeigt.

Kurz darauf gibt Georg Linke seinem Team im Operationssaal das Startsignal für den Eingriff. Und durchtrennt dann dreimal kurz die Hautschichten im oberen Bauchbereich des Patienten. «Von hier gelangen wir mit stabförmigen Geräten zur Leiste, wo die eigentliche Operation per ­Kamera stattfindet», erklärt der Chefarzt. «Bei einem Schnitt in der Leistengegend müssten viel mehr Gewebeschichten durchtrennt werden.»

Georg Linke kennt die Krankengeschichte des 68-jährigen Mannes, der vor ihm liegt, gut. Auf den Eingriff musste er sich nicht speziell vorbereiten: «Ich führe diese Operation etwa 150-mal im Jahr durch», sagt er, während er durch die kleinen Schnittstellen röhrenförmige Instrumente schraubt. Seine Bewegungen sind geschmeidig, jeder Handgriff sitzt.

Georg Linke wendet sich kurz dem Bildschirm zu, der direkt neben ihm von der Decke hängt, und steuert per Touchscreen die Umgebung: Per Knopfdruck fahren die Jalousien herunter, die Leuchten an der Decke schalten sich aus, und der Saal wird in blaues Licht getaucht.

«Früher haben wir solche Operationen jeweils im Dunkeln durchgeführt, damit wir uns auf die Kamerabilder auf dem Monitor konzentrieren konnten», sagt Georg Linke. «Dank dem neuen farbigen Licht, das jeder Chirurg nach seinen Vorlieben wählen kann, sehen wir heute mehr, ohne dass unsere Augen ermüden.»

Ebenfalls per Touchscreen bringt Georg Linke schliesslich den OP-Tisch in eine leichte Schräglage und lässt dann Kohlendioxid in den Bauchraum des Patienten fliessen. «Das Gas schafft mehr Raum zum Operieren», erklärt er.

Spitalfachärztin Joana Mürmann, die gegenüber von Georg Linke am OP-Tisch steht, hat unter­dessen die Kamera durch eine der Röhren geschoben. Sofort erscheint auf den Bildschirmen im ganzen Saal die Innenansicht des Bauchbereichs des Patienten. «Dreh den Winkel noch 30 Grad nach links!», bittet Linke die Ärztin. «Dann stimmts für mich.»

Technik und Teamwork

Mit einer Pinzette und einer Schere, die er durch die beiden anderen Röhren einführt, schneidet Georg Linke nun kleine Teile des Bauchfells weg, um an die Bruchstelle zu gelangen. «Ist der nächste Patient bereits bestellt?», fragt er in den Raum. «Etwa in zwanzig Minuten sind wir so weit.»

Es ist gar nicht so einfach, bei dieser Ansicht die Distanzen richtig einzuschätzen. Deshalb werden wir im Januar 3-D-Kameras im Operationssaal testen.»Georg Linke, Chefarzt Chirurgie

Gleichzeitig führt Linke ein ­zusammengefaltetes Netz in Richtung der Bruchstelle, entfaltet dieses und fixiert es mithilfe eines flüssigen Spezialklebers. «Es ist gar nicht so einfach, bei dieser Ansicht die Distanzen richtig einzuschätzen», sagt er, während er das Bauchfell mit sicherer Hand zunäht.

«Deshalb werden wir im Januar 3-D-Kameras im Operationssaal testen.» Sagts und drückt rasch auf den Touchscreen: Wie von Geisterhand geht der Gasdruck zurück, die Jalousien fahren hoch, und die Leuchten gehen an.

Und noch während Joana Mürmann die äusseren Hautschichten zunäht, wendet sich Georg Linke einem anderen Bildschirm im OP-Saal zu und studiert das elektronische Dossier seines nächsten Patienten. Dieser wartet bereits im angrenzenden Narkoseraum auf seinen Eingriff. (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 21.12.2017, 11:03 Uhr

Die neuen OP-Säle

In den letzten anderthalb Jahren hat die Spital STS AG den OP-Bereich in Thun um 250 Quadratmeter ausgebaut und umfassend saniert: Dabei wurden fünf bestehende, teilweise über dreissigjährige Operationssäle vergrössert und auf den neusten technischen Stand gebracht. Der Bereich wurde aber nicht nur an die aktuellen Arbeitsprozesse angepasst, sondern auch vollständig digitalisiert.

Ein zusätzlicher Operationssaal wurde bereits zu Beginn der Bauarbeiten eingebaut, um den Betrieb weiter aufrechterhalten zu können. Schliesslich bestehen noch zwei weitere Operationssäle aus dem Jahr 2011, welche für kleinere Operationen konzipiert wurden. Seit dem 16. Oktober dieses Jahres sind deshalb acht Operationssäle in Betrieb.

Die Kosten für das Projekt belaufen sich auf 14,5 Millionen Franken, wobei 3 Millionen in die neue Medizintechnik investiert wurden. Das Projekt ist Teil einer umfassenden Sanierung und Erweiterung des Thuner Spitals für rund 42 Millionen Franken (wir berichteten). don

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