Kritischer Blick auf den Weihnachtsrummel

Aus 398 Eingaben für die Cantonale Berne Jura hat das Kunstmuseum 26 künstlerische Positionen ausgewählt. Unter dem Motto «O Tannenbaum, o Tannenbaum» sind diese ab heute zu entdecken, ebenso die neue Ausstellungsreihe «Ortswechsel».

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Der Empfang beginnt weihnächtlich. In der Vitrine funkeln Girlanden, die Ramsch und Krimskrams umrahmen. Das grüne Dufttannenbäumchen mit Bergbrise baumelt schräg über der ­riesigen Zunge, welche in voller Länge ausgestreckt die Betrachtenden erwartet.

Museumsdirektorin Helen Hirsch hält ihr Gesicht nahe am Glas. Schmunzelnd zeigt sie mit dem Finger auf ein Hirschgeweih, eine Jesus­figur, einen Knallkörper. In der Arbeit «Try Me» des Bielers Monsignore Dies entdeckt sie noch ein Detail und noch eines, derweil dumpfe Schläge von weit her und rhythmisch in den Raum dringen.

Doch die Antwort auf deren Herkunft muss warten. Helen Hirsch richtet sich soeben auf und erklärt: «Mit den ausgewählten Werken möchten wir dazu ­anregen, den Rummel um Weihnachten zu hinterfragen, über Sinn und Unsinn von Kommerz und Kitsch nachzudenken.»

«Mit den ausgewählten Werken möchten wir dazu ­anregen, den Rummel um Weihnachten zu hinterfragen, über Sinn und Unsinn von Kommerz und Kitsch nachzudenken.»Helen Hirsch, Museumsdirektorin

Die 26 künstlerischen Positionen im Kunstmuseum stehen alle unter dem Motto «O Tannenbaum, o Tannenbaum». Diese hat die Jury aus 398 Eingaben ausgewählt, welche für die Teilnahme an der Cantonale Bern Jura eingereicht worden sind (vgl. Kasten «Thuner im Kunstmuseum Thun»).

Vermenschlichter Abfallsack und adressierte Postkarte

Nach der nächsten Türschwelle stolpern die Betrachtenden zwar nicht über die Antwort auf das Rätsel der Schläge, dafür über ein neues Thema. Abfall. Aus dem vermenschlichten Kehrichtsack von Karoline Schreiber schaut ein trauriges Gesicht. Prall gefüllt, erdrückt von den Überbleibseln des Schenkens und Beschenktwerdens. «Als wollte der Sack sagen: Ich bin übervoll, ich kann nicht mehr», kommentiert Hirsch die Zeichnung der in Zürich wohnhaften Bernerin.

Im nächsten Raum reihen sich auf Regalen Postkarten aneinander. Sie sind adressiert – an jene Person, die im Haus wohnt, welches der Karte das Sujet gibt. Stühle an Tischen laden ein, sich hinzusetzen, daneben steht ein Briefkasten. Das Thema: Postkarten schreiben. Mit ihrem Projekt «Dear Friend» fordert die Bernerin Johanna Schaible dazu auf, im Zeitalter von virtuellen Social-Media-Posts einen von Hand geschriebenen Gruss zu versenden.

Der Mensch fällt den Baum, das Kollektiv lädt zur Tafel

Endlich beantwortet sich die Frage nach den dumpfen Schlägen, die noch immer den Ton angeben. Hinter dem weissen Vorhang zeigt sich die Videoinstallation von Livio Baumgartner aus Jegenstorf, der in Zürich lebt und arbeitet. Auf der Leinwand lässt sich der Multimediakünstler dabei beobachten, wie er mit einer Axt auf einen Baum einschlägt.

«Der Künstler will an die Endlichkeit der Natur in Zeiten von Tannenbaum und Weihnachten erinnern.»Helen Hirsch, Museumsdirektorin

Er und Baumgartner sind beide 34 Jahre alt. Was sie unterscheidet, ist die Macht über die Vergänglichkeit. Nach 15 Minuten und 31 Sekunden ist der Baum gefällt. «Der Künstler», sagt Hirsch, «will an die Endlichkeit der Natur in Zeiten von Tannenbaum und Weihnachten erinnern.»

Einen Schritt weiter lockt eine füllige Tafelrunde zum Schlemmen. Mit Keksen und Mandeln gefüllt Teller neben verspielten Porzellanfigürchen, Details wie abgehackte Finger oder nackte Frauen neben Rüben. Gemeinsam tafeln, mit Gästen diskutieren und sich mit Freunden austauschen. Das Künstlerkollektiv Rohling und Stéphanie Baechler bietet den Betrachten an, am «rohen Stillleben» zu verweilen.

In Berlin gackern die Hühner und quietschen die Bremsen

Vor dem Projektraum Enter bleibt Helen Hirsch stehen, aus welchem bunte Töne längst die dumpfen Schläge des Baumfällers übertönen. Hühner, die gackern, Böden, die knarren, Bremsen, die quietschen. Im Raum gibt die kurze Wand in der Mitte den Spaziergang vor, der zwischen Bildern, Skizzen und Fotografien hindurchführt, neben Robert Walser in Öl und dem filmischen Spaziergang durch Berlin.

Mit Michael Streun, der eine Auswahl seiner in Berlin entstandenen Arbeiten präsentiert, eröffnen die Kulturabteilung der Stadt und das Kunstmuseum ihre neue Reihe «Ortswechsel» (vgl. Kasten «Projektraum Enter»). «In diesem Raum», sagt Helen Hirsch zum Abschied, «sehen und hören wir den Ton, den Berlin angibt.»

Cantonale Berne Jura und Projektraum Enter mit der Reihe «Ortswechsel»: Vernissage Samstag, 11 Uhr.

Thuner Tagblatt

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