Lamm soll verpachtet werden

Thun

Die Stiftung Gewa übernimmt die Tätigkeiten der arg angeschlagenen Oberländer Stiftung Pluspunkt. Das Restaurant Lamm im Gwatt, welches zu Pluspunkt gehört, soll verpachtet werden.

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Im August sorgte die Stiftung Pluspunkt für negative Schlagzeilen: Die Institution, die an drei Standorten in Thun und Spiez rund 50 Jugendliche und junge Erwachsene betreut, war durch grosse Verluste und schliesslich den Konkurs der Tochterfirma Gasthof zum Lamm AG arg in Schieflage geraten. Das Konkursverfahren ist mittlerweile mangels Aktiven eingestellt.

Doch auch der Fortbestand der Stiftung und damit der gesellschaft­lichen und wirtschaftlichen Integrationsangebote für junge Menschen war gefährdet. Am Freitag verkündete die Stiftung Pluspunkt nun, dass eine Lösung gefunden worden sei: Die Gewa – Stiftung für berufliche Integration mit Hauptsitz in Zollikofen übernimmt per 1. November die Pluspunkt-Tätigkeiten (vgl. Ausgabe vom Samstag). Gestern informierten die Verantwortlichen die Medien im Restaurant Lamm aus erster Hand.

«Riesige Erleichterung»

Von einer «riesigen Erleichterung» und der «absolut besten Lösung» sprach Pluspunkt-Stiftungsratspräsident Gian Sandro Genna: «Wir haben eine schwierige Zeit mit viel Unsicherheit hinter uns.» Jetzt sei klar, dass das Projekt weitergehe, dass die Arbeitsplätze und die Angebote für die Jugendlichen bestehen blieben. «Der Wermutstropfen ist die Schliessung des Lamms. Das ist für die Betroffenen hart, und es tut mir weh», zeigte Genna die Kehrseite der Medaille auf.

Die gastronomischen Pluspunkt-Tätigkeiten werden von der Gewa nicht übernommen. Das Lamm wird per Ende September geschlossen, fünf Festangestellte erhielten die Kündigung. Ein Restaurant zu führen, sei schon grundsätzlich schwierig, sagte Elisabeth Limbach, Stiftungsratspräsidentin der Gewa. «Wir verstehen uns nicht als Beizer.» Die Gewa übernimmt den Mietvertrag für das Lamm und ist laut Limbach offen für eine Verpachtungslösung. Priorität habe nun aber das Eingliedern der Pluspunkt-Angebote in die Gewa.

«Gemeinsam wagen»

Der Name Gewa ist eine Verkürzung von «gemeinsam wagen» – und passt damit durchaus zur aktuellen Situation. Denn ohne Risiken sei die Übernahme nicht. «Wir mussten sehr schnell eine Entscheidung treffen», blickte Elisabeth Limbach zurück. Der Gewa-Stiftungsrat habe wohl noch nie so stark vom Herzen ­gesteuert Ja zu einem Projekt gesagt – Zahlen und Verstand seien angesichts des drohenden Endes der Pluspunkt-Angebote in den Hintergrund getreten. Doch Limbach sagte auch: «Wir glauben ­daran, dass daraus etwas entstehen kann, das nicht nur die Jugendlichen, sondern auch die Gewa weiterbringt.»

Gewa-CEO Samuel Schmid sprach von einer Diversifizierung des Unternehmens, das derzeit eine Belegschaft von 830 Personen hat und in Zusammenarbeit mit der Invalidenversicherung Jugendliche durch die Ausbildung begleitet: «Wir sind bisher ausschliesslich im Arbeitsbereich tätig.

In der Kombination von ­sozialer und beruflicher Integration sehen wir viel Potenzial. Das ist auch eine Chance für uns.» Die Stiftung Pluspunkt mache im ­Bereich der sozialen Integration eine sehr gute Arbeit. Jetzt müsse das finanzielle Gleichgewicht wiederhergestellt werden.

«Kein Schnäppchen»

Welche Altlasten muss die Gewa von der Stiftung Pluspunkt übernehmen? «Es ist kein Schnäppchen für uns», stellt Elisabeth Limbach klar. Der Inhalt des Vorvertrags werde jedoch nicht kommuniziert. Nur so viel: «Wir haben eine Lösung gefunden, hinter der beide Seiten stehen können.» Der Wohnbereich soll wie gehabt weitergeführt, die zusätzlichen Pluspunkt-Angebote sollen nach Möglichkeit in die Gewa inte­griert werden.

Die Stiftungsratspräsidentin der Gewa erklärte: «Es gibt sicher Bereiche, die wir zusammenlegen können – Gartenbau und Liegenschaften­service etwa betreiben wir auch. Andere müssen wir genauer ­anschauen.» Das wirtschaftliche und soziale Angebot müsse in eine Balance gebracht werden. Administratives kann zudem laut Samuel Schmid zentralisiert werden.

«Im Moment laufen mit allen Angestellten Gespräche, und wir suchen nach Lösungen», sagte Schmid weiter. Klar ist, dass der Name Pluspunkt verschwindet – die Stiftung wird liquidiert. Bereits im August wurde kommuniziert, dass sich die Stiftung Pluspunkt vom Gründer und Geschäftsführer ­Jonas Baumann-Fuchs getrennt hat.

«Win-win-Situation»

Laut Gian Sandro Genna bleibt das Pluspunkt-Know-how aber bestehen: «Wir sind froh, dass Christoph Scheidegger und das jetzige Kaderteam an Bord bleiben.» Scheidegger ist stellvertretender Geschäftsführer und Leiter der Wohn- und Arbeitsinte­gration.

Er betonte gestern im Lamm: «Ich bin vom Konzept, die Bereiche Wohnen und Arbeiten zu kombinieren, überzeugt.» Er sprach von der Gewa als einem «sehr kompetenten Partner» und zeigte sich zuversichtlich, dass daraus «eine Win-win-Situation wird».

Berner Zeitung

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