Mit dem Velo raus aus dem Elend

Thun

Manuel Scheidegger ist leidenschaftlicher Mountainbiker. Mit einem Weltrekord sammelte er 35 000 Franken, die er an zwei Hilfsprojekte in Nepal überwies. Eines davon unterstützt Strassenkinder, etwa mit regelmässigen Bike-Touren.

Eine Gruppe von Strassenkindern unterwegs mit Mountainbikes.

Eine Gruppe von Strassenkindern unterwegs mit Mountainbikes.

(Bild: zvg)

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dass Mountainbikes Strassenkinder in Nepal weiterbringen können?Manuel Scheidegger: Auf einer Reise sah ich, wie Leute mit Velos Essen an Kinder und Jugendliche verteilten, die in Pokhara auf der Strasse leben. Die Velos waren nach unseren Massstäben schrottreif. Ich nahm Kontakt mit den Verantwortlichen auf, und die sagten, sie würden auch gerne Sport treiben mit den Jugendlichen. Ich entschied mich, Geld zu sammeln, damit sie sich gute Mountainbikes kaufen können, um Mahlzeiten zu verteilen und um mit den Jugendlichen ­Bike-Touren machen zu können.

Vor kurzem haben Sie das Projekt in der Stadt Pokhara wieder besucht. Was wurde inzwischen erreicht?Dank unserer Spende konnte das Wohnheim «Indreni» 12 Mountainbikes sowie Werkzeuge und Ersatzteile kaufen. Zweimal täglich unternehmen jeweils zehn Jugendliche und zwei Betreuer eine Bike-Tour auf einen der Berge in der Umgebung. Und weiterhin verteilen sie mit den Velos Essen an obdachlose Kinder und Jugendliche.

«Die Nepali gleichen den Oberländern: Sie öffnen sich nicht so schnell. Aber wenn man  ihre Freundschaft gewonnen hat, hält die ein Leben lang.»

Was bietet die Institution den Jugendlichen sonst noch?Im Wohnheim am Stadtrand leben rund 20 Jugendliche ab 12 Jahren, die davor obdachlos waren. Die wichtigste Regel, an die sie sich halten müssen, ist keinen Leim mehr zu schnüffeln, was praktisch alle Strassenkinder tun. Im Heim erhalten sie elementaren Schulunterricht und lernen einfache berufliche Fertigkeiten. Eine davon ist die Reparatur von Fahrrädern. Die Organisation vermittelt auch Praktika in Handwerksbetrieben. Wenn die Jugendlichen oder jungen Erwachsenen einen bezahlten Job gefunden haben, verlassen sie das Heim.

Was bringt es den Jugendlichen, täglich mit dem Velo in die Berge zu fahren?Es gibt ihnen eine Tagesstruktur, denn wer mitwill, muss um sechs Uhr früh oder um halb fünf Uhr nachmittags bereitstehen. Es wollen viele mit, nicht nur jene, die im Heim wohnen. Ihre Gesundheit ist deutlich besser als jene der anderen Strassenkinder. Ich fuhr mit verschiedenen Gruppen mit und sah, wie fit sie sind: 800 bis 1000 Höhenmeter meistern sie problemlos. Und schliesslich ist es einfach ein tolles Gefühl, wenn man oben ankommt. Jeder, der mit dem Velo auf Berge fährt oder wandert, kennt das. Für diese Jugendlichen, die von der Gesellschaft wie räudige Hunde behandelt werden, ist diese Erfahrung besonders wertvoll.

«Die wichtigste Regel, an die sie sich halten müssen, ist keinen Leim mehr zu schnüffeln, was praktisch alle Strassenkinder tun.»

Wie haben die Jugendlichen auf Sie als vergleichsweise reichen Westler reagiert?Die Nepali gleichen den Oberländern: Sie öffnen sich nicht so schnell. Aber wenn man ihre Freundschaft gewonnen hat, dann hält die ein Leben lang. Nicht wie bei uns, wo auch Freundschaften oft ihrer Nützlichkeit entsprechend gepflegt werden.

Haben sich die Dinge im Projekt so entwickelt, wie Sie sich das vorgestellt hatten, als sie das Geld für die Velos überwiesen?Die Bikes werden sorgfältig gewartet. Allerdings werden sie stärker beansprucht, als ich dachte. Jedes ist täglich im Einsatz, auch bei Monsun. Wir haben deshalb abgemacht, dass sie bei Regen nicht mehr fahren. Sonst halten die Velos trotz aller Pflege nicht lang. Ein Problem ist auch, dass man in Nepal keine Ersatzteile kaufen kann.

Wie sieht die Zukunft des Projekts aus?Das Wohnheim wird schon lange von motivierten und kompetenten Leuten geführt. Die haben ihre eigenen Ideen. Zum Beispiel sammeln sie seit kurzem PET-Flaschen und rezyklieren sie. Das tut in Nepal sonst niemand. Ich habe die Idee eingebracht, die ­Velowerkstatt öffentlich zu machen. Es gibt immer mehr Bike-Touristen in Nepal und kaum ­Velomechaniker, die sich mit modernen Velos auskennen und entsprechend ausgerüstet sind. Ich habe deshalb auch Kurse gegeben, wie Mountainbikes geflickt und gewartet werden.

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