Mit spitzem Stift

Thierachern

Sie ist erst ­15-jährig, beherrscht den Bleistift aber bereits virtuos. Im Foyer der Gemeindeverwaltung Thierachern stellt Shena Hählen ihre Bilder von Menschen und Tieren nun zum ersten Mal aus.

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Eine Schachtel Bleistifte, ein Knetgummi, ein Fläschchen Grafitpulver und ein Blatt Papier: Shena Hählen sitzt am grossen Familienesstisch und zeichnet ein Auge ab einer Vorlage.

Der Verfasser dieses Artikels wollte sich nämlich überzeugen, dass die Bilder der 15-jährigen Schülerin aus Thierachern nicht am Computer oder mit anderen Hilfsmitteln entstehen. Sie beginnt mit dem Umriss des Auges und geht zu Iris und Pupille über. Voll auf ihre Arbeit konzentriert, kann sie die Fragen des neugierigen Besuchers trotzdem problemlos beantworten.

«Schon im Kindergarten zeichnete ich sehr gerne und sehr viel. Aber immer mit Bleistift. Nur so kann ich wirklich exakt arbeiten.» Farbstifte mag sie nicht, auch Pinsel sind nicht ihr Ding. Verständlich: Die feinen Äderchen, die den Augapfel überziehen, hätte sie ohne den Druckbleistift mit der dünnen Mine kaum hingekriegt.

Die Krux mit den Schatten

Etwa in der vierten Klasse fing sie richtig Feuer für das Zeichnen. Stundenlang kann sie seither über ihren Zeichnungen sitzen, die Kopfhörer aufgesetzt, in ihrer eigenen Welt. Das Auge für den Besucher ist inzwischen an einem Punkt angelangt, der sie lange zum Verzweifeln gebracht hat: Die Schattierungen wollten ihr einfach nie gelingen.

«Grafitpulver war meine Rettung.»Shena Hählen

Die Rettung kam in der Person von Katharina Röthlisberger. «Als ich in der 7. Klasse war, besuchte ich einen Kurs der Migros-Klubschule», erzählt sie. «Frau Röthlisberger zeigte mir, wie ich die Schattierungen mit Grafitpulver machen kann. Das war meine Rettung.» Die gewaltigen Fort­schritte, die sie in diesem Kurs gemacht hat, werden in der Ausstellung im Foyer der Gemeindeverwaltung Thierachern offensichtlich.

Mit dem Wattestäbchen

Shena Hählen öffnet nun das Fläschchen und schüttet ein bisschen Grafitpulver auf das Papier. «Holst du mir bitte ein Wattestäbchen?», fragt sie ihre Mutter. Mit dem Hilfsmittel aus der Körperpflege verteilt und verreibt sie die grauen Körnchen, bis sie mit dem Resultat zufrieden ist. Das überschüssige Pulver entfernt sie mit einer feinborstigen Bürste, und fertig ist die Zeichnung.

Beharrlich und kreativ ist Shena Hählen übrigens nicht nur beim Zeichnen. Sie schreibt in ihrer Freizeit auch und hat sogar schon eine Geschichte zu Papier gebracht, die länger als 100 A4-Seiten ist.

Im Sommer 2019 wird die obligatorische Schulzeit für sie zu Ende sein. Ob sie danach eine Lehre in einem grafischen Beruf machen wird, ist noch offen. «Das Problem ist, dass es in diesem Bereich keine Praktikumsstellen gibt», bedauert sie.

Deshalb liebäugelt sie mit einer Drogistinnenlehre. Ein solider wirtschaftlicher Boden, auf dem die Kunst wachsen und gedeihen kann.

Die Bilder von Shena Hählen sind bis Ende Oktober im Foyer der Gemeindeverwaltung Thierachern (Dorfstrasse 1) ausgestellt. Öffnungszeiten: Montag bis Samstag, 8 bis 20 Uhr.

Thuner Tagblatt

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