Molière schäumte vor Lebensfreude

Thun

Das finale Schauspiel der Saison sorgte für zahllose Kichermomente. Auf Einladung der Kunstgesellschaft Thun brachte das Neue Globe Theater Potsdam Molières «Die Streiche des Scapin» auf die Bühne des KKThun.

Das Neue Globe Theater präsentierte als Abschluss der Theatersaison der Kunstgesellschaft Thun «Die Streiche des Scapin» in einer spritzigen Inszenierung.

Das Neue Globe Theater präsentierte als Abschluss der Theatersaison der Kunstgesellschaft Thun «Die Streiche des Scapin» in einer spritzigen Inszenierung.

(Bild: PD)

«Das Bühnenbild von Scapin haben wir zum grössten Teil letzten Winter verheizt», gibt Mademoiselle Molière (Rike Joeinig) zu bedenken. Dem ratlosen Ensemble wurde das Theater unterm Hintern abgerissen, weil dort der neue Louvre gebaut werden soll.

Am neuen Spielort – mehr Bruch- als Schaubude – soll in einer Stunde vor geladenen Gästen gespielt werden. Doch das neue Stück hat weder Namen noch Text. Also entschliesst sich Molière «Die Streiche des Scapin» zu geben, denn Komödie geht immer, vor allem als in Watte gepackte Prügel für gesellschaftliche Missstände. Hauptsache, der Lappen (Vorhang) geht hoch, lautet das Theater-Credo.

Wo ist die Souffleuse?

Wie ungemein erfrischend und amüsant ein Stück aus dem 17. Jahrhundert wirken kann, führt das Neue Globe Theater am Samstag im Schadausaal des KKThun rund 300 Gästen vor. Das Publikum schaut ins Nähkästchen einer Truppe, die ein Theater bespielen soll, in dem die Motten hausen.

Mithilfe dieser Binnenerzählung – eine Bühne auf der Bühne – avanciert die Inszenierung zur fröhlichen Nabelschau samt Texthängern, Koketterien und Achillesfersen. Von Spinnweben und Staubflocken befreit, werden unter Regisseur Kai Frederic Schrickel alle Register gezogen.

Das Stück entpuppt sich als veritable Screwball-Komödie mit skurrilen Angewohnheiten der Figuren. Den Text für das Stück weiss nur noch die Souffleuse sicher, ansonsten eiern die Akteure durch die Handlung wie Segelboote ohne Ruder.

Daraus folgt zur Freude des Publikums mancher Texthänger, der zu wilder Improvisation führt, oder aber ein Dialog wird ewig wiederholt, als hätte eine Langspielplatte einen fetten Kratzer. «Wie geht es eigentlich unserer Souffleuse? Schon lange nichts mehr gehört...», fragten sich diejenigen mit Texthänger. Da erbarmte sich dann doch noch die Stichwortgeberin (Petra Wolf).

Faustdick hinter den Ohren hat es Diener Scapin (Kilian Löttker), der wieselflink die zwei alten Kaufleute Argante (Andreas Erfurth) und Géronte (Kai Frederic Schrickel) um ihre Louis d’or bringt.

Eigentlich sollten Scapin und sein Kollege Sylvestre (Alexander Jaschik) auf deren Söhne Léandre (Dierk Prawdzik) und Octave (Laurenz Wiegand) während ihrer Geschäftsreise aufpassen. Doch denen fällt nichts Besseres ein, als sich zu verlieben – natürlich nicht standesgemäss.

Diener Scapin verhilft den beiden lebensuntüchtigen Bürgersöhnen schliesslich mit mal charmanter, mal ziemlich dreister List zur Ehe mit ihren Liebschaften. Und es gelingt ihm auch, den beiden ranzigen Vätern, denen eher am finanziellen Renommee ihrer Geschäfte liegt als am Glück ihrer Kinder, das Geld für dieses Unterfangen aus dem Kreuz zu leiern.

Dierk Prawdzik spielt den Jammerlappen Léandre mit herrlich plärrendem Charme. Kilian Löttker kommt so schlitzohrig daher, dass man nach dem Händeschütteln mit ihm seine Finger nachzählen würde. Mit indischem, spanischem oder italienischem Akzent spielt er auf der ganzen Klaviatur des Schauspiels.

Das legendäre «Ich? Nein, Doch, Oooh!» à la Louis de Funes und der «versehentlich» eingespielte «Do you, do you, do you St. Tropez» ernten manchen Lacher. Für allgemeine Heiterkeit sorgt auch Alexander Jaschik als säbelrasselnder Unhold, der nicht nur mit den Augen, sondern gleich mit dem ganzen Kopf rollt.

Zwei Stunden kurzweiliges Spitzentheater voll überschäumender Spielfreude lieferte einen krönenden Saison-Abschluss der Kunstgesellschaft Thun.

Thuner Tagblatt

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt