«Musik fängt an, wo Worte aufhören»

Teo Gheorghiu gastierte am Donnerstag an den Thuner Schlosskonzerten. Zuvor traf er sich mit uns zum Gespräch über seine Eltern, schweres Essen und die Liebe zur Musik.

Teo Gheorghiu vor seinem Auftritt an den Thuner Schlosskonzerten.

Teo Gheorghiu vor seinem Auftritt an den Thuner Schlosskonzerten.

(Bild: Markus Hubacher)

«Ich bin Teo», stellt sich der 25-Jährige vor und schlägt vor, nach draussen zu gehen: Er sei so oft drinnen, da müsse er jede Gelegenheit nutzen, in die Natur zu kommen. Mit Tabak, Papierchen und Feuerzeug bewaffnet eilt er in den Garten der Villa ­Séquin und lässt sich auf einer hölzernen Bank nieder. Vor einem Konzert sei er etwas egozentrisch, verrät er munter. Tatsächlich besitzt der junge Musiker eine Ausstrahlung wie eine britzelnde Schnur an einem Feuerwerkskörper.

Gemüse, Reis und Pasta

«Gutes Essen ist wichtig am Konzerttag. Gemüse ist immer gut, aber auch Pasta und Reis.» Bloss nicht zu schwer essen, das sei nicht gut. Seine Art, zu erzählen, gleicht schnellen Läufen auf dem Piano, was auf Adrenalin bis in die Haarspitzen hindeutet. Ob er sich denn mit Johannes Brahms angefreundet hätte, den er an den Schlosskonzerten letztes Jahr als fett und schwülstig bezeichnete?

Er nähere sich gerade den drei Intermezzi op. 117 an: «Die sind nur ein bisschen fett, aber überwiegend leicht und melancholisch», beschreibt Gheorghiu die Stücke. In seiner Kindheit hörte er immer die beiden Klavierkonzerte von Brahms, wenn er Asterix las, und er habe alle gelesen, die es damals gab. Sie dienten sozusagen als Asterix-Soundtrack voller Emotionen. Aber Brahms Sinfonien empfände er als fett: «Vielleicht habe ich einfach nicht die Interpretationen gehört, die wichtig waren», überlegt er kurz.

Instagram und Facebook

Die Vermarktung seiner Musik mache immer mehr einen Teil seiner Musikkarriere aus, sagt er stirnrunzelnd auf die Frage, wie er sich am Markt positioniere. Die Website müsse richtig gut sein, auf Instagram sei er viel unterwegs, auf Facebook poste er nur Events und Konzerte. Es hiesse zwar, es sei wichtig, einen Brand zu haben: «Ich möchte mich aber nicht kategorisieren lassen, denn ich entwickle mich ja ständig weiter. Ich muss da Kompromisse machen.»

Keinen Kompromiss macht Teo Gheorghiu bei seiner Haltung zur klassischen Musik. Sie könne Herzen heilen in einer materialistischen und zunehmend verrohten Zeit. «Niemand sollte Angst haben, sich in dieser Musik zu spiegeln», sagt der Pianist mit Nachdruck. Er habe über die Musik Geschichte und Traditionen entdeckt und gelernt.

Eltern und Wurzeln

Zu seinen Vorbildern gehört der Komponist, Violinist und Dirigent George Enescu, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die traditionelle rumänische Volksmusik mit der Klassik verheiratete und sie so in die Konzertsäle brachte. Ihm widmet Gheorghiu sein Konzert «Mein Rumänien» vom 17. Juni im KKThun, in dem er auch seine eigenen Wurzeln und die Heimat seiner Eltern ehren möchte.

Die eingängige Melodik, die der Sinti- und Roma-Musik entspringt, besticht durch die brillanten Improvisationen rund ums Thema. Nicht vorgeschriebene Melodien, sondern weitläufige, musikalische Spielwiesen bieten dem Pianisten Raum, sein Können und seine Fantasie voll auszu­leben.

«Heutzutage pflegen die Menschen immer weniger Geduld, Aufmerksamkeit und Sorgfalt», meint er wahrzunehmen. «Musik fängt an, wo die Worte aufhören», setzt er nach. Alles verändere sich, doch die menschlichen Emotionen blieben ja immer die gleichen, egal, wie die Technologie fortschreite. Popsongs hingegen seien oberflächlich, schnell vorbei und hätten keine Substanz.

Seitenhieb auf die Politik

Er wünsche sich, dass die Jugend klassischer Musik ausgesetzt ist. Auch zeitgenössische klassische Musik ist nicht sein Ding: «Ich finde mich in ihr nicht wieder, vielleicht weil ich mit der heutigen Zeit nicht einverstanden bin. Die Regierungen nehmen immer mehr Gelder aus der Kultur raus», beschwert sich Gheorghiu, setzt aber zuversichtlich hinzu: «Ich halte etwas von Musik, die Kraft und Drang hat. Und die möchte ich mit allen Menschen teilen.»

cbs

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