Thun

«Musik für Kinder ist wie eine Cremeschnitte»

ThunRoland Zoss hat seit 1999 insgesamt 25 Hörspiel- und Lieder-CDs für Kinder veröffentlicht. Am 25. und am 26. Juni gastiert er mit Jimmy Flitz und Band am Kinderland-Open-Air auf der Lindermatte.

Roland Zoss begeistert mit seinen Geschichten und Liedern von Jimmy Flitz die Kinder.

Roland Zoss begeistert mit seinen Geschichten und Liedern von Jimmy Flitz die Kinder. Bild: zvg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Während andere Musiker ver­suchen, eigenen Kinderliedern einen pädagogischen Touch zu verpassen, waren Sie erst Pädagoge und begannen danach, Kinderlieder zu machen. Warum?
Roland Zoss: In der Schule, an der ich damals arbeitete, standen Veränderungen an, mit denen ich mich im Alter von 50 Jahren nicht mehr identifizieren mochte. In meiner Freizeit machte ich schon lange Musik – und übersetzte unter anderem als einziger Berner Songs von Leonard Cohen. Gleichzeitig zeigte sich, dass das 1999 veröffentlichte «Abc Xenegugeli» sehr erfolgreich war. Da entschied ich mich, alles auf eine Karte zu setzen.

Sie übersetzten Cohen – und machten plötzlich ein Album mit einem Abc für Kinder?
Ja. Meine Tochter kam in den Kindergarten und lernte dort zürichdeutsche Lieder. Da fing ich an, berndeutsche Kinderlieder zu schreiben.

Offensichtlich mit Erfolg. Sie haben bis heute 25 Alben mit Liedern und Hörspielen für Kinder veröffentlicht.
Das kann man so sagen. Ich kann meine Familie mit meinem künstlerischen Schaffen ernähren – wenn auch nicht mehr so gut wie zuvor als Lehrer.

Wie sehr können Sie, jetzt, wo Geld reinkommen muss, noch Künstler sein, und wie sehr sind Musik und Schreiben einfach Broterwerb?
Schreiben und Komponieren ist immer Kunst. Wenn ich eine Idee oder ein Projekt habe, ziehe ich mich auf meine Insel, eine der Liparischen Inseln, zurück, mache ein paar Tage gar nichts – und plötzlich machts ­«Wuuusch», und ich fange an zu komponieren.

Wie sehr ist die Welt von Jimmy Flitz eine Welt, in der Kinder etwas lernen sollen, und wie sehr ist sie einfach eine unter­haltende Welt?
Ich behaupte, dass jeder, der ­Kinderbücher schreibt oder geschrieben hat – seien es auch Swift mit «Gullivers Reisen» oder Kippling mit dem «Dschungelbuch» –, eine erste Grundidee ­hatte: soziales Engagement, der Bezug zur Umwelt et cetera. Sie giessen diese Themen dann in die Form einer Geschichte für Kinder.

Das tönt jetzt nicht wahnsinnig unterhaltsam.
Natürlich. Humor ist extrem wichtig. Ich bin eigentlich ein eher ernsthafter Typ. Aber für und mit Kindern muss man den Clown machen können. Es ist wie eine Cremeschnitte: Es gibt die ernste Ebene als Basis, dann kommt der Ohrwurm drauf – die Melodie –, und die dritte Schicht ist, was man am Konzert live spielt – mit Verkleidung und so weiter.

Sie arbeiten für Ihre Hörspiele mit unterschiedlichsten Künstlern. Wie kommt es dazu?
Wenn ich schreibe, habe ich oft schon eine Idee, wer einem Wesen seine Stimme leihen könnte. Wenn ich das Gefühl habe, die ­Figur des Baums würde zu Shem Thomas passen, schreibe ich schon den Text mit Shems Stimme und Wesen im Hinterkopf. Und es ist natürlich eine Freude und Ehre, wenn dann Künstler wie Büne Huber, Marco Rima, Corin Curschellas, Steff la Cheffe oder Knackeboul meine Anfrage positiv beantworten oder gar so wie Steff selber fragen, ob sie bei einer nächsten Produktion wieder mitwirken dürfte.

Wissen und Wissenswertes in ein Hörspiel zu verpacken, ist das eine. Wie sieht es aus mit dem «edukativen» Charakter Ihrer Lieder?
Wissen kann in einem Lied genau gleich vermittelt werden wie in einem Hörspiel. Hinzu kommt, dass Lieder – vor allem durch das gemeinsame Singen – auch integrierend wirken. Eines meiner nächsten Ziele ist, dass unsere Mundartlieder auch an Schulen gesungen werden. Damit würden Kinder, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, spielend Mundart lernen.

Müssten Sie dafür nicht besser einen nächsten Pophit wie «Rosalie», «Alperose» oder «W. Nuss vo Bümpliz» schreiben?
Viele meiner Lieder sind bei den Kindern Hits; nur kennen die Erwachsenen sie nicht. Und Kinder sollen nicht mit 7 Jahren schon erwachsen sein. Der Verlust der Kindheit ist massiv, in den letzten zehn Jahren sind zwei Jahre verloren gegangen. Vor zehn Jahren hatte ich an «Xenegugeli»-Konzerten noch 12-Jährige. Heute sind an den gleichen Konzerten die ältesten Kinder 9.

Was kann man dagegen tun?
Ich habe keine Ahnung. Ich stelle einfach fest, dass Eltern heute mehr und mehr Partner ihrer Kinder sein wollen, Freunde, und nicht Eltern.

Glauben Sie nicht, dass irgendwann von selber eine Gegen­bewegung entsteht?
Das ist durchaus denkbar. Es gab Zeiten, da war man davon überzeugt, dass das bewegte Bild das Radio zerstören würde – treu dem Popsong «Video Killed the Radio-Star». Heute stellt man einen enormen Boom bei Hör­büchern und Hörspielen fest. Nicht nur für Kinder. Aber gerade für Kinder ist es natürlich grossartig, wenn sie sich wieder ihre eigenen Bilder machen können. Ich erinnere mich selber gut, wie enttäuscht ich war, als ich Lex Barker als geschniegelten Old Shatterhand in den Winnetou-Filmen sah. Jener in meiner Vorstellung war viel wilder.

Wie gehen Sie damit um, dass sogenannte Kulturfachleute oft dem Trugschluss erliegen, dass Musik für Kinder zwingend simpel und anspruchslos ist?
Es ist mir absolut ein Rätsel, ­woher diese Geringschätzung kommt. Ich glaube, Kinder werden allgemein unterschätzt. Hinzu kommt, dass wir als Erwachsene uns viel zu wichtig nehmen. Diese leicht egozentrische Optik ist schlicht eine falsche. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.06.2016, 09:38 Uhr

Artikel zum Thema

«Goldigs Chrönli» für Roland Zoss

Der Kinderliedermacher Roland Zoss ist für sein Album «Jimmy-Flitz Chinderwiehnacht» ausgezeichnet worden. Als erster Berner überhaupt durfte er diesen Preis entgegen nehmen. Mehr...

«Ueli Schmezer ist authentisch»

Thun In einem Monat findet das Kinderland-Open-Air auf der Lindermatte in Thun statt. Mit Ueli Schmezer steht ein Musiker auf der Bühne, der schon 2004, am Anfang der Veranstaltungsreihe, mit dabei war. Mehr...

«Viele Kinder sind alleingelassen»

Thun Märlitante Barbara Burren und Maik Ast, Organisator des Kinderland-Open-Airs sprechen über die Schwierigkeit, ein passendes Angebot für Gross und Klein auf die Beine zu stellen, und über gesellschaftliche Herausforderungen. Mehr...

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitag um 16 Uhr Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Bern & so Eine Stadt im Wandel

Sportblog Ich, ich, ich!

Service

Die Welt in Bildern

Hammerschlag für die Kunst: 15 Asylsuchende aus Afghanistan, Eritrea und Sri Lanka arbeiten im Kunstsilo in Emmen für die Ausstellung «Ich bin hier». (21. September 2017)
(Bild: KEYSTONE/Alexandra Wey) Mehr...