Thun

«Nervenbahnen» aus Thun für Autos auf der ganzen Welt

ThunDie Schleuniger-Gruppe mit Hauptsitz in Thun ist in der Entwicklung selbstfahrender Autos zuvorderst mit dabei. Ihre Kompetenz: Die «Hirne» der Fahrzeuge vernetzen.

Es ist eine Frage der Zeit, bis Autos komplett autonom unterwegs sind. Die Thuner Schleuniger-Gruppe entwickelt an vorderster Front mit.

Es ist eine Frage der Zeit, bis Autos komplett autonom unterwegs sind. Die Thuner Schleuniger-Gruppe entwickelt an vorderster Front mit. Bild: zvg

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Noch sind wir weit weg davon, dass selbstfahrende Autos unsere Mobilität im Alltag dominieren. «Wir sprechen von fünf Stufen des autonomen Fahrens», sagt Christoph Schüpbach. Stufe 0 war ein Auto vor zwanzig Jahren, ohne jegliche Assistenzgeräte. Stufe 5 ist das Auto, das vollständig autonom fährt, in dem der Mensch nur noch Passagier sein kann. «Heute», sagt der CEO der Schleuniger-Gruppe in Thun, «stehen wir im Alltag irgendwo zwischen Stufe 1 und 2 – also dem unterstützten oder teilautomatisierten Fahren.»

Vollgepackt mit Sensoren

Trotzdem: Autos, Busse und Lastwagen sind bereits vollgestopft mit Sensoren: Kameras, die vorn die Fahrbahn und hinten den freien Parkraum überblicken; Radar, der Distanzen zu Hindernissen rund ums Fahrzeug abmisst; Sender und Empfänger, die Daten übermitteln. Damit die Sensoren untereinander und mit dem zentralen Rechner kommunizieren können, braucht es Kabel und Stecker.

Und dort kommt die Schleuniger-Gruppe ins Spiel. «Die Produkte von Schleuniger finden überall dort Anwendung, wo präzise Kontaktverbindungen eine Rolle spielen», schreibt das Unternehmen über sich selbst (vgl. Text unten). «Damit können die Produkte, also die Kabelsätze und Sensorleitungen der Kunden, von Schleuniger durchaus mit den Nervenbahnen des menschlichen Körpers verglichen werden», sagt Christoph Schüpbach.

Er ist überzeugt, dass die Fahrzeuge in absehbarer Zeit zusammen mit intelligenten Leitsystemen die Kontrolle über den Verkehrsfluss übernehmen werden.

Autos stehen heute zu lange

«Wenn ich hier in Thun das Auto starte und das Fahrzeug registriert, dass auf der A 1 bei Wangen an der Aare bei einem Fahrzeug ein Airbag ausgelöst wurde, allenfalls noch ein zweiter und ein dritter, ist es möglich, dass mich mein Navigationssystem künftig eben nicht über die A 1 nach Basel navigiert, sondern automatisch eine Alternativroute vorschlägt – und das ohne zeitliche Verzögerung zum Unfall wie heute», sagt er.

Auf die Frage, ob die Menschen überhaupt bereit seien, das Steuer sprichwörtlich aus der Hand zu geben, antwortet der Schleuniger-CEO: «Das ist wohl eine Frage der Generation, in die man geboren wurde. Ich bin 51 und fahre sehr gern Auto. Aber ich stelle fest, dass junge Leute heute schon ein ganz anderes Verständnis von Mobilität haben – und einen anderen Bezug zum eigenen Fahrzeug.»

Der grosse Teil der mehr als vier Millionen Autos, die in der Schweiz zugelassen sind, seien im Durchschnitt weniger als eine Stunde pro Tag in Betrieb. «Mehr als 20 Stunden am Tag steht ein Auto nur herum und braucht Platz. Ich bezweifle, dass das langfristig sinnvoll ist», sagt Schüpbach. «Das Ziel muss sein, die Betriebsstunden pro Fahrzeug zu erhöhen.» Was aber bedeuten würde, dass kaum mehr jeder zweite Schweizer ein Auto sein Eigen nennen dürfte.

Versuche auf der ganzen Welt

«Mir ist bewusst, dass dies aktuell schwer vorstellbar ist», sagt Schüpbach. «Und trotzdem bin ich überzeugt, dass der Weg nur in diese Richtung gehen kann und wird.» Der Blick auf die aktuellen Trends gibt ihm recht: Bereits 2015 wurden im US-Bundesstaat Nevada zwei selbstfahrende Trucks für den Verkehr zuge­lassen. Allerdings müssen Menschen in der Kabine sitzen, die im Notfall eingreifen können.

Dasselbe gilt für die Postautos, welche seit letztem Jahr in verschiedenen Schweizer Städten unterwegs sind. Der Versuch wurde in Sitten lanciert – wo es allerdings auch zum ersten Unfall kam: Das Postauto touchierte beim Abbiegen die Heckklappe eines Lieferwagens.

Politik versus Technologie

Dieser Vorfall zeigte exemplarisch, dass nicht nur die technische Weiterentwicklung gefordert ist, sondern auch die Politik. Sie muss nämlich letztlich die Frage klären: Wer haftet, wenn ein selbstfahrendes Auto einen Unfall macht: der Produzent des Fahrzeugs, der Hersteller der versagenden Komponente, der Anbieter der Dienstleistung – oder jemand anders? «Ich gehe davon aus, dass es noch eine Weile geht, bis hier ein Konsens gefunden ist», sagt Christoph Schüpbach. «Und natürlich ist die Haftungsfrage nicht die einzige regulatorische Frage, die noch geklärt werden muss.»

Unabhängig davon schreitet die technologische Entwicklung rasant voran: Der schwedische Autohersteller Volvo will bis 2021 selbstfahrende Autos der Autonomiestufe 4 auf den Markt bringen. Im US-Bundesstaat Arizona testet die Firma Waymo – eine Tochter des Google-Mutterhauses Alphabet – bereits die ersten Autos dieser Stufe. Sie sind ohne Sicherheitsfahrer am Steuer un­terwegs, ein Mitarbeiter kann jedoch das Auto im Notfall noch vom Rücksitz aus stoppen. «Für uns ist klar: Wir wollen in diesem Bereich eine führende Position einnehmen», sagt der CEO der Schleuniger AG.

Mit Blick auf die technische Komplexität autonomer Fahrzeuge, die viele Verbindungen zwischen Kabeln und Steckern benötigen, dürften die Zeichen dafür in der Tat gut stehen. Bedarf für die Produkte aus Thun ist da – was auch zu einem ansteigenden Bedarf an Fachspezialisten aus unterschiedlichen Bereichen führt. (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 17.01.2018, 08:01 Uhr

Die Schleuniger-Gruppe

750 Mitarbeiter der Schleu­niger-Gruppe sorgen rund um den Globus dafür, dass die Kontakte halten.

Die Schleuniger-Gruppe ist ein weltweit tätiges Technologieunternehmen mit Sitz in Thun und gemäss eigenen Angaben ein führender Ausrüster in der kabelverarbeitenden Industrie. Kunden der Firmengruppe beliefern vorwiegend die Auto­mobil-, Unterhaltungs- und Informationsindustrie sowie die Kommunikationsbranche. «Die Produkte von Schleuniger finden überall dort Anwendung, wo präzise Kontaktverbindungen eine Rolle spielen», schreibt das Unternehmen über sich selber. Entwicklung und Produktion befinden sich in der Schweiz, in Deutschland und in China. Schleuniger beschäftigt weltweit mehr als 750 Mitarbeitende und rund 30 Aus­zubildende. Erst vor ein paar Wochen gab das Unternehmen zudem bekannt, dass es die Mehrheit an der Adaptronic Prüftechnik GmbH in Wertheim mit ungefähr 140 Mitarbeitenden übernehmen wird. Adaptronic ist führend im Bereich adaptieren und testen von Hochvoltkomponenten – vor allem für Anwendungen in der E-Mobilität.

Digitale Entwicklung

Derzeit ist die Firma daran, sich im Softwaremarkt zu etablieren. Anfang Jahr hat sie die deutsche Dilt AG vollständig übernommen, an der sie seit 2012 beteiligt war. Die Firma hat eine Software entwickelt, mit der ein Produktionsprozess eines Kabelsatzes von A bis Z – sprich praktisch von der Idee bis zur Auslieferung eines Teils – mit einer Software überwacht und aufgezeichnet wird. So können die Daten nicht nur in Echtzeit abgerufen werden, sondern auch nachträglich. Ein konkreter Nutzen könne dann entstehen, wenn bei einem Auto eine fehlerhafte Kontaktierung bemerkt werde, sagt Schleuniger-CEO Christoph Schüpbach. «Heute werden in solchen Fällen oft Hunderttausende Fahrzeuge in die Werkstatt gerufen, damit möglichst jedes Fahrzeug mit dem Fehler erwischt werden kann», sagt Schüpbach. «Wenn man künftig dank totaler Transparenz der Daten aus dem Produktionsprozess präzise eingrenzen kann, von wann bis wann das fehlerhafte Teil wo verbaut wurde, kann die Zahl der zurückgerufenen Fahrzeuge drastisch reduziert werden – und damit die Kosten.» maz

Serie

Die Digitalisierung ist in aller Munde. In einer losen Serie beleuchtet das «Thuner Tagblatt» das Thema. Wir wollen aufzeigen, dass Digitalisierung nicht nur im fernen Sillicon Valley stattfindet, sondern mitten unter uns im Alltag. Wir stellen verschiedene Lebensbereiche vor – und die Herausforderungen und Chancen, welche die Digitalisierung mit sich bringt.

Bisher erschienen: 12. August: «Für normale Anwender schreitet die Digitalisierung zu schnell voran». 17. August: «Digitale Revolution made in Thun». 24. August: «Wir fokussieren zu sehr auf die Risiken». 23. September: «Sie suchen die gemeinsame Sprache». 30. September: «Der Sanitär mit dem virtuellen Bad». 23. November: «Das Internet nimmt, das Internet gibt». 21. Dezember: «Operieren via Touchscreen». 28. Dezember: «Veränderung wird zum Dauerzustand».

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