Thun/Spiez

Philip Delaquis und die starken Frauen

Thun/Spiez «Sinnhaftigkeit» spielt für den Filmproduzenten Philip Delaquis eine tragende Rolle. Wir sprachen mit dem Spiezer kurz vor der Vorpremiere seines Films «#FemalePleasure», die am Montag in Thun stattfindet.

Sie präsentierten «#FemalePleasure» in Loccarno (v.l.): Co-Produzentin Melanie Winiger, Regisseurin Barbara Miller, vier der fünf Protagonistinnen –Doris Wagner, Leyla Hussein, Rokudenashiko und Vithika Yadav (es fehlt Deborah Feldman)– Co-Produzentin Ellen Ringier und Produzent Philip Delaquis.

Sie präsentierten «#FemalePleasure» in Loccarno (v.l.): Co-Produzentin Melanie Winiger, Regisseurin Barbara Miller, vier der fünf Protagonistinnen –Doris Wagner, Leyla Hussein, Rokudenashiko und Vithika Yadav (es fehlt Deborah Feldman)– Co-Produzentin Ellen Ringier und Produzent Philip Delaquis. Bild: Franziska Streun

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Ein Filmproduzent kümmert sich um den wirtschaftlichen Erfolg einer Produktion, will man meinen. Doch die Entscheidung, ein Thema auf die Leinwand zu bringen, liegt nicht nur in den Händen der Regisseurin oder des Regisseurs – der Glaube, mit einem Thema den Nerv zu treffen und etwas Sinnhaftem auf die Welt zu helfen, ist für den Filmproduzenten Philip Delaquis genauso wichtig.

Dieser Anspruch kann sich sowohl in einem hochstehenden Musical wie «Gotthelf» oder im «Besuch der alten Dame» niederschlagen als auch in einem Dokumentarfilm wie «#FemalePleasure», der am Donnerstag in Zürich Premiere hatte und ab Mitte November auch in Deutschland und Österreich in den Kinos anläuft. Sein neuer Dokumentarfilm zeigt fünf Frauen aus fünf Weltreligionen in ihrem risikoreichen Kampf für eine selbstbestimmte weibliche Sexualität.

Philip Delaquis wurde 1974 in Bern geboren. Nach der Schulzeit in Spiez studierte er Betriebswirtschaft und Medienwissenschaften in Bern und Berlin – ideal für einen Filmproduzenten: «Der Brückenschlag von Business und Kultur fällt mir leicht, denn ich spreche beide Sprachen.»

Drei Jahre studierte er in Berlin: «Das ist meine Stadt.» Dort lebe man so ungehemmt, dass es kein Problem sei, im Jogginganzug in den Supermarkt zu gehen, was entspannend wirke. Via Zürich ist Philip Delaquis an seinen Heimatort zurückgekehrt und ist seit 2014 mit der Kostümbildnerin Mareike Delaquis Porschka verheiratet. Das Ehepaar lebt mit seinen beiden Kindern in Spiez.

Weitgreifende Mechanismen

Im Radius von #MeToo koche in der Bevölkerung viel Wut hoch, stellt Delaquis fest. Er sei überwältigt gewesen vom anhaltenden, tosenden Applaus am Locarno Filmfestival. Der Dokumentarfilm deckt auf eindrucksvolle Weise auf, wie weltumspannend und alle kulturellen und religiösen Grenzen überschreitend die Mechanismen greifen, welche die Rolle der Frau bis heute bestimmen. «Orthodoxe Juden bedanken sich täglich in ihrem Morgengebet, dass sie als Mann und nicht als Frau geboren wurden», führt der Filmemacher als Beispiel an.

Oder viele junge muslimische Männer seien überzeugt, dass eine nicht beschnittene Frau unrein sei. Er erwähnt eine bemerkenswerte Szene, in der einer Gruppe junger Muslime an einem übergrossen Vaginamodell gezeigt wird, was bei der Beschneidung passiert. Alle zusammen lehnen umgehend diese brutale Verstümmelung und Tortur ab. «Die Szene belegt, dass Bildung und Aufklärung traditionellen Wahnsinn beenden können», sagt Delaquis mit Zuversicht.

Er sei in seinem Leben stets von starken Frauen umgeben, stellt Philip Delaquis fest. Seine Mutter flüchtete mit ihrer Mutter und ihrer Grossmutter 1968 aus der Tschechoslowakei in die Schweiz. Die junge Frau besuchte bald nach Ankunft als einziges Mädchen der Klasse das Gymnasium und lernte dort Mitschüler Delaquis kennen, seinen Vater.

Nach der Matura habe man ihr gesagt, dass ein Chemiestudium bestes Vorankommen garantiere. Und obwohl Chemie nicht gerade ihr Fall gewesen sei, biss sie sich durch und wurde in diesem Fach Gymnasiallehrerin. «Auch meine Grossmutter lebte als Krankenschwester in leitender Position vollkommen unabhängig», verrät der 44-Jährige.

Als Mann einen Film mit solch mutigen Frauen zu machen, sei für ihn willkommen, weil es allen Männern nur besser gehe, wenn die Frauen respektiert und zufrieden sind. Männern, die nach «#FemalePleasure» abwiegelnd rummaulen, so extrem sei das alles ja gar nicht, und sich angegriffen fühlen, möchte Delaquis gerne zurufen: «Was hast du auf dem Kerbholz? Möchtest du mir etwas erzählen?»

Sein neues Filmprojekt, das er gerade auf den Weg bringt, behandelt das Leben und Werk von Bruno Manser, Ethnologe und Umweltaktivist, der im Jahre 2000 in Malaysia verschwunden ist. Eine weitere Vision trägt der Filmemacher schon in sich: «Gut möglich, dass ich ein Projekt zum Thema männliche Sexualität anschiebe – dann mit dem Titel ‹#MalePleasure›.»

Vorpremiere: Montag, 5. November, 19.30 Uhr, Kino Rex, Thun. Nach der Vorstellung Gespräch mit Philip Delaquis, Moderation: Franziska Streun. femalepleasure.org (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 03.11.2018, 10:03 Uhr

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