Pilgern als Sinnbild für den Lebensweg

Thun

Kathrin Kunz leitet im Christophorusjahr der Ökumenischen Akademie Thun drei Pilgeranlässe.

Kathrin Kunz begleitet Gruppen auf Pilgerreisen. Foto: Patric Spahni

Kathrin Kunz begleitet Gruppen auf Pilgerreisen. Foto: Patric Spahni

Vor drei Jahren schlugen Kathrin Kunz und ihr Mann Bernhard nach der Pensionierung buchstäblich einen neuen Weg ein. Sie liess sich zur Pilgerbegleiterin ausbilden und ist seither oft mit ihrem Mann, dem Musiker Bernhard Kunz, gemeinsam mit anderen Menschen unterwegs. Die Pilgertouren mit dem Ehepaar sind auch eine Einladung zum Singen. «Gute Sängerinnen und Sänger sind besonders willkommen, denn dann können wir unterwegs auch mehrstimmig singen», freut sich Kathrin Kunz.

Beim Pilgern gehe es auch um Grenzerfahrungen, erklärt die dreifache Mutter und vierfache Grossmutter: Regengüsse, pralle Sonne oder steile Aufstiege seien quasi Sinnbild für den eigenen Lebensweg, der auch an manche Grenze führe. Die Freude am Unterwegssein, am Entdecken und Wahrnehmen der Landschaften, Stimmungen, Tageszeiten oder Lichtverhältnisse könne wie ein Gesundbrunnen wirken. «Pilgern lässt Menschen mit allen Sinnen auftanken – körperlich und sozial, psychisch und spirituell», beschreibt Kathrin Kunz diese Erfahrungen.

Ausgetretene Wege verlassen

«Wichtig sind eine Route und ein Thema», stellt die Pilgerbegleiterin fest. Ausgangspunkt und Ziel seien dabei örtliche Symbole, um von einer Welt in die andere zu wandern. Die Gründe, warum ein Mensch sich auf den Weg macht, seien vielfältig: Trennung, Tod eines geliebten Menschen oder Arbeitsplatzverlust können Auslöser sein. Doch auch bei Ereignissen mit positiven Vorzeichen machen sich Menschen auf den Weg – eine überstandene Krankheit, ein neuer Job, eine frische Liebe sind Gründe, um mit wachem Bewusstsein andere Wege gehen zu wollen.

«Wandern ist ein Sport in freier Natur. Pilgern ist unterwegs sein mit einem Ziel», betont die Thunerin, die zuletzt in der Betagtenbetreuung tätig war. Beim Pilgern gehe es eben nicht um einen sportlichen Wettkampf, sondern um das Unterwegs-Sein mit dem Ich und um eine Suche nach sich selbst.

Viele Menschen, die sich zum ersten Mal für diese Form des Reisens entscheiden, seien fasziniert von der neuen Erfahrung, weiss Kathrin Kunz. Man solle sich zu Beginn nicht zu viel zumuten. Es gehe darum, die Seele in Gang zu bringen, die bekanntlich lieber zu Fuss geht. Als Tagesetappe empfiehlt sie eine Route von etwa 15 bis 20 Kilometern. Allerdings sei das nur ein Richtwert. Es komme darauf an, wie gut die jeweilige Pilgergruppe zu Fuss sei, führt Kunz aus: «Eine Gruppe findet schnell ihr eigenes Tempo.»

Mit innerem Ziel vor Augen

Jede und jeder Pilgernde hat einen anderen Hintergrund, ein anderes Motiv, wohin er unterwegs ist. Sind es spirituelle, kulturelle oder gar sportliche Motive – die Bewältigung der Strecke bedeutet für alle einen persönlichen, sehr individuellen Erfolg.

Unterwegs hat jede und jeder die Chance zur Begegnung mit der Natur, mit Menschen, mit Kulturgütern, mit heiligen Orten und natürlich mit sich selbst. Spirituelle Wege bieten die Möglichkeit, sich diesen Begegnungen bewusst zu stellen und auftauchende Fragen länger zu bedenken. Pilgernde stellen sich diesen Begegnungen und erkennen dahinter auch den Mehrwert, eine neue Dimension, die sich eröffnen kann. Die Antwort auf manche Lebensfrage kann ein stilles Gehen, ein bewusstes Schweigen, manchmal ein lautes Klagen oder eine tiefe innere Ruhe sein. Am Pilgerweg ist dazu Gelegenheit und Zeit.

Kathrin Kunz wählt für ihre Pilgertouren oft ein Lied, das sie beim Laufen in sich trägt. Zum Beispiel das Taizé-Lied «Laudate omnes gentes» – lobsingt ihr Völker alle, lobsingt und preist den Herrn. «Ein Lied oder ein Text helfen mir beim Gehen, die Gedanken zu bündeln oder einer Stimmung Ausdruck zu geben.»

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