Respect, MC Anliker!

Thun

Am späten Dienstagabend ist Pädu Anliker völlig überraschend einem Herzstillstand erlegen. Er wurde 59 Jahre alt. Eine persönliche Würdigung für einen ungewöhnlichen Menschen, der Thun in den letzten 30 Jahren entscheidend mitgeprägt hat.

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Er war ein Charakterkopf, wie es in Thun keinen zweiten gab. Er mischte die Stadt auf, beglückte sie mit grossartigen Konzertmomenten, mit einem Club, der weltweit ­einzigartig ist, ein liebevolles Sammelsurium an Kuriositäten, in dem Hunderte Thuner Musiker ihre Bühnenpremiere erlebten und grosse internationale Künstler ihre Aufwartung machten.

Er trug den Namen von Thun in die Welt hinaus, legte sich mit Verve mit Politikern und Behörden an. Er war direkt, herzlich, streitbar, enthusiastisch, authentisch, exzentrisch, mal grob, mal unglaublich feinfühlig, nahm nie ein Blatt vor den Mund, weder wenn er heftig kritisierte, noch wenn er überschwänglich lobte. Er war der MC, der «Master of Ceremonies».Und jetzt ist er nicht mehr. Beat «Pädu» Anliker ist im Alter von 59 Jahren gestorben.

Du musst immer neue Ideen haben, etwas erfinden, musst hin und wieder einen Skandal lancieren.Pädu Anliker, 2001

Vergangener Dienstag, kurz vor dem Mittag. Pädu Anliker sitzt in seinem mit CDs, Konzertplakaten, Spielzeugfiguren, Fotos, Papierstapeln, Lämpchen, La­metta vollgestellten Büro im ersten Stock der Café-Bar Mokka am Computer und bastelt am Programmflyer für den November. Er hat jede Menge zu tun, wie immer, schliesslich ist er im Club Geschäftsführer, Grafiker, Buchhalter, Ton- und Lichttechniker, Koch, Hauswart, Jugendarbeiter in Personalunion.

Doch er nimmt sich gerne Zeit für den Schreibenden, der ihm einen kurzen Besuch abstattet. Bald klickt er Computerfiles auf den Bildschirm, schwarzweisse Fotos längst vergangener Mokka-Tage, Konzerte im abbruchreifen Kino Scala, auf dem Waisenhausplatz, in der damals ungenutzten Selve-Halle 6. Züri West in voller Aktion.

Ein junger Sven Regener, Starautor, Sänger von Element of Crime und ein guter Freund von Anliker, schweissgebadet auf der Mokka-Bühne. Konzertbesucher in Kleidern, die seit mindestens 25 Jahren aus der Mode sind.

Anliker kennt jede Menge dieser Leute mit Namen, erzählt, was aus ihnen geworden ist. Mehrmals sagt er: «Dä läbt nümm.» Schliesslich verlassen wir das Büro, verabschieden uns. Mit einem «Bis bald!».

Pädu Anliker lächelt, winkt, schliesst die Tür. Wenige Stunden später, um 23.15 Uhr stirbt er in seinem Zuhause an der Inneren Ringstrasse 12 an einem Herzstillstand.

Pädu Anliker hat für die Musik, den Club, die Künstlerinnen und Künstler gelebt. Oft genug Tag und Nacht. Er war der «Herbergsvater», wie er sich selber ironisch bezeichnete. Er förderte unermüdlich den Nachwuchs – ungezählte lokale Bands wagten ihre ersten musikalischen Schritte auf der Mokka-Bühne. Und er schaffte es mit seinen Beziehungen und dem hervorragenden Ruf des Clubs, bekannte Künstler ins für sie eigentlich viel zu kleine Lokal zu lotsen.

Die Geschichte, dass er einst die damals noch völlig unbekannten Nirvana als zu schlecht befunden hatte, um im Mokka aufzutreten, ist legendär – dafür waren etwa Woodstock-Star Richie Havens, Songwriter-Ikone Townes van Zandt oder Bands wie Reamonn, Apocalyptica, Chumbawamba oder Sportfreunde Stiller zu Gast. Nebst der gesamten helvetischen Musikelite, versteht sich. Mit einigen Künstlern zoffte sich An­liker leidenschaftlich, mit anderen verband ihn innige Freundschaft.

Für die allermeisten aber war das Mokka eine Oase in der oft genug trostlosen Musiklandschaft. Statt billigen Cateringfoods gab es hier vom Meister selbst gekochte Köstlichkeiten, statt unterkühlter Businessatmosphäre philosophische Gespräche.

Den Zauber, die Magie des Mokka exportierte Anliker immer wieder in die Innenstadt. Die Open-Air-Anlässe beim Waisenhaus sind legendär – da gab es auch mal Kindernachmittage oder einen Boxkampf mit Profisportlern. Und in den letzten Jahren hat sich das Mühleplatz-Festival Am Schluss zum präch­tigen Fixpunkt des Thuner Sommers gemausert.

Und so gibt es Tausende von Menschen, die ihre ganz eigenen Anliker-Geschichten zu erzählen haben. Ich erinnere mich, wie ich als Jugendlicher beinahe in Ehrfurcht erstarrte, wenn ich im Mokka im Ausgang war und Pädu Anliker begegnete – dieser stattlichen, beeindruckenden Persönlichkeit. Wie stolz ich war, als ich erstmals einen Konzertbericht aus dem Kultlokal schrieb (Les Reines Prochaines am 19. Dezember 1998).

Wie ich Anliker einmal für eine Reportage einen ganzen Tag lang begleiten durfte – inklusive sehr persönlicher Backstagemomente mit der Hitband Die Happy nach dem Konzert. Das war an Anlikers 46. Geburtstag.

Keep on rockin!!!!Pädu Anliker, 2016

Oder wie ich Jahre zuvor das erste grosse Interview mit ihm geführt hatte – und danach Stoff für mindestens fünf Zeitungsseiten gehabt hätte. «Die Frage, ob ich das noch lange machen will, stelle ich mir schon», sagte er damals zu seiner Arbeit im Mokka. «Du musst immer neue Ideen haben, etwas erfinden, musst hin und wieder einen Skandal lancieren – das ist mühsam», fügte er an und lachte. Das war vor 15 Jahren.

Und Pädu Anliker hatte immer wieder neue Ideen, war erfinderisch, lancierte den einen oder anderen Skandal. Machte weiter. Prägte Thun ganz entscheidend mit. Brachte Leben in die allzu oft allzu beschauliche Stadt. Farbe. Musik.

Mit «Keep on rockin!!!! Euer MC Anliker, Master of Ceremonies, Master of long time workin!!!!», hat Pädu Anliker seinen letzten Newsbeitrag auf der Mokka-Homepage abgeschlossen. Bis zuletzt hat er sich mit Haut und Haar für seinen Club eingesetzt, «long time workin» eben.

Und wie heisst es so schön auf dem Asphalt vor dem Mokka: «Respect.» Respekt, MC. Für ein reiches Leben. Und dafür, dass Du das Dasein von so vielen Menschen bereichert hast.

Vor zwei Jahren besuchte Radio SRF Virus Pädu Anliker im Rahmen einer Porträtreihe. Der Videobeitrag gibt einen Einblick in das Leben und Wirken des legendären Thuners in der Café/Bar Mokka. Video: Youtube/SRF Virus

Thuner Tagblatt

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